Die starke Demokratie

Von Tim B. Müller

Nicht nur im Fußball kennt man die Art von Berichterstattung, in der sich mit dem Ergebnis – und oft sogar dem aktuellen Spielstand – die Bewertung ändert. Wer siegt, hat zuvor alles richtig gemacht; wer verliert, bei dem war es schon lange abzusehen: Mentalität, Taktik, Nachwuchsarbeit, alles in der Krise. Intellektuell überzeugend sind solche Urteile nicht. Sie verdoppeln einfach, was auf dem Platz gerade zu sehen ist, verlängern es in die Vergangenheit und kleiden es in die Sprache der Kausalität. Die klügeren Sportreporter spotten gern selbstironisch über diese Standards ihres Metiers.

Einer ähnlich selbstkritischen Haltung bedarf es bei Historikern, vor allem, wenn es um die Geschichte der deutschen Demokratie im Allgemeinen und um die Geschichte der Weimarer Republik im Besonderen geht. Zu groß ist hier die Verlockung, die Niederlage von 1933 kausal zu verdoppeln und den Anschein einer Notwendigkeit zu beschwören: Weil die Katastrophe eingetreten ist, muss sie sich ja aus dem Vorherigen ergeben haben. Die üblichen, lange vorherrschenden Erklärungen registrieren zwar die gewaltigen internationalen politischen und wirtschaftlichen Erschütterungen um 1930, verweisen aber vor allem auf die angebliche Dauerkrise der deutschen Republik, eine fehlerhafte Verfassung, mangelnde demokratische Traditionen, eine Demokratie, die bestenfalls den Schein der Normalität erzeugte und nie stabil war.

Die jüngere Forschung hat diese Gewissheiten infrage gestellt. Was immer die Probleme der Weimarer Republik waren, wir können wenig darüber herausfinden, wenn unser Blick von den Nationalsozialisten ausgeht, die ihre Terrorherrschaft 1933 mit Gewalt etablierten, ihre Gegner zum Schweigen brachten, vertrieben oder ermordeten. Wie Hannah Arendt erklärte, kann der Nationalsozialismus nur als ein Neues beschrieben werden, das "den Kontinuitätszusammenhang unserer Geschichte und die Begriffe und Kategorien unseres politischen Denkens sprengt". Das bekräftigen wichtige aktuelle Bücher, etwa von Geoff Eley, Richard Evans oder Nikolaus Wachsmann.

Der gravierendste Mangel der meisten Urteile über die "Schwäche" der Weimarer Demokratie ist ihre nationale Beschränkung. Es gab keine Demokratie nach 1918, die sich nicht in einer mehr oder minder existenziellen Krise befand, und es gab keine, die sich auf erfolgreiche Traditionen demokratischer Konfliktaustragung stützen konnte. Eine simple Tatsache, wenn man sich für die internationale Geschichte der Demokratie interessiert, ist es, dass sich weder Briten noch Skandinavier, noch Niederländer vor 1918 als Demokraten verstanden und selbst in Frankreich und den Vereinigten Staaten umstritten blieb, was Demokratie bedeuten sollte. In den USA, wo es so viel Gegnerschaft gegen das Wahlrecht für Arme und ohnehin gegen Bürgerrechte für Schwarze gab, stand das Wort Demokratie lange für die Politik der Demokratischen Partei. Eine frühe Ausnahme, eine Nation, die sich als Demokratie definierte, war seit Mitte des 19. Jahrhunderts die Schweiz (wo aber Frauen erst seit 1971 wählen dürfen). Die Demokratie, wie wir sie kennen, mit gleichem Wahlrecht, bildete sich erst nach 1918 in erkennbarer Form aus. Und erst nach 1945 erhielt sie die Gestalt, die jahrzehntelang für endgültig gehalten wurde.

Dieser Text stammt aus dem Magazin ZEIT Geschichte Nr. 3/16.

Vor dem Ersten Weltkrieg bewohnten Deutsche, Skandinavier, Westeuropäer, Amerikaner eine gemeinsame politische Welt, in der man sich beobachtete, bereiste und voneinander lernte. Die eine Nation erschien auf diesem, die andere auf jenem Gebiet "demokratischer". Gemeinsam war diesen Gesellschaften, dass ihre politischen und intellektuellen Eliten von Demokratisierung redeten – die einen wollten bremsen, die anderen beschleunigen, aber alle erwarteten die Demokratie für die Zukunft. Sozialreform, Wahlrecht, Kommunalpolitik, öffentliche Debattenkultur und das föderale System waren Gebiete, auf denen das Kaiserreich in dieser sich demokratisierenden Welt als besonders vorbildlich galt. Was die parlamentarische Verantwortung der Regierung betrifft, setzte diese zwar langsamer ein, aber die Unterschiede waren in der Praxis nicht fundamental – zumal im Vergleich mit Skandinavien oder den Niederlanden. Und auch bei den Briten spielte der Monarch eine größere Rolle, als spätere deutsche Lehrbücher annahmen. Überall gab es "Eigenwege", aber keinen deutschen "Sonderweg", auch die abgeschwächte Rede von den "Pfadabhängigkeiten" ist noch viel zu deterministisch. Entschieden wurde jeweils in der Gegenwart, die Vergangenheit konnte ganz unterschiedlich genutzt werden, demokratisch ebenso wie antidemokratisch. Die "Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen" kennzeichnete überall die ganz "normale" Entwicklung der europäischen Moderne.

Der Erste Weltkrieg zerriss diesen gemeinsamen Raum, allerdings eher ideologisch und rhetorisch als auf der Ebene der wirtschaftlichen und politischen Kooperation, die schnell wieder aufgenommen wurde. Kriegspropaganda und Radikalnationalisten erfanden eine Polarisierung von deutschem Weg und "westlicher Demokratie", die noch Jahrzehnte später die Deutungsmuster der Historiker prägte. Aber erst nach Auschwitz und der Zerstörung Europas im Zweiten Weltkrieg stieß dieser Gegensatz auf generelle Zustimmung. Der Alltag der Weimarer Republik war davon kaum geprägt. Die meisten Deutschen nahmen politisch, ökonomisch oder kulturell an einer "westlichen" Geschichte teil. Der Krieg allerdings hatte nationalistische Ressentiments besonders in bürgerlichen Kreisen sowie ein Erbe der Gewalt hinterlassen. Aber beides war nicht so zerstörerisch, wie es im Rückblick anmutete; einige wirtschaftlich gute Jahre mehr hätten die Enttäuschten mit der Republik versöhnt. Das erwarteten viele politische Beobachter damals.

Um 1928 schien das Ziel bereits erreicht: Die nationalistische Rechte beteiligte sich an der Regierung, ihre Führungsfiguren entwarfen Ideen einer konservativen Demokratie, die NSDAP kam bei den Reichstagswahlen auf 2,6 Prozent. Und die politische Gewalt hatte, nachdem die bürgerkriegsartige Situation bei Kriegsende überwunden war, keine wirklich erschütternden Ausmaße angenommen. Das Gewaltmonopol des Staates stand nie infrage, auch nicht 1932. Während in Italien Mussolinis Squadristi militärisch organisiert mit Lastwagen angerückt waren, kamen die SA-Schläger mit dem Fahrrad oder lösten Bahnfahrkarten und fürchteten sich vor der preußischen Polizei. Die deutsche Gesellschaft vor 1933 war nicht gewalttätiger als andere – zu leicht wird vergessen, welche Dimension politische Repression und rassistische Gewalt in den USA noch Jahrzehnte nach dem Amerikanischen Bürgerkrieg annahmen; wie blutig es in Irland zuging; und welche Gewalt – und Gewalttäter – die britische Monarchie und die französische Republik, selbst Schauplatz politischer Gewalt, die ganze Zeit über in die Kolonien exportierten. Gewalt war es jedenfalls auch nicht, was die Demokratie zerstörte, so bedrohlich Gewalt für jede dieser Demokratien war. Aber die Entfesselung der Gewalt begann in Deutschland erst 1933.

Die Weimarer Republik war nicht schwach

Die Weimarer Republik war nach damaligen Begriffen eine stabile Demokratie. Sie hatte früher als andere auch die Frauen zu Staatsbürgern gemacht und ihnen das gleiche Wahlrecht eröffnet. Ihre Sozialpolitik wurde weithin bewundert und zunehmend als Bürgerrecht und Ausdruck der Menschenwürde verstanden. Die staatsrechtliche und politische Debatte über Grundrechte, die Aufgaben des Staates und die Demokratie war brillant und bietet Anregungen bis heute. Die soziale Marktwirtschaft, der regulierte Kapitalismus, wurde erstmals experimentell erkundet. Die Republik war wehrhaft und verbot immer wieder demokratiefeindliche Organisationen. Mehr begeisterte Demokraten hätten ihr zweifellos gutgetan, aber deren Zahl war auch in anderen Demokratien jener Zeit noch gering.

Und wie ungerecht wäre es, zu übersehen, dass die Mitglieder des demokratischen "Reichsbanners Schwarz-Rot-Gold" noch 1932 die Anzahl der SA-Mitglieder sowie der deutschnationalen und kommunistischen Massenorganisationen zusammengenommen um ein Mehrfaches übertrafen. Nein, die Weimarer Demokratie war nicht schwach. Weder war sie von Anfang an zum Scheitern verurteilt noch 1930 am Ende, als die große Koalition zerbrach und die Präsidialkabinette begannen, noch nicht einmal 1932, als mit Franz von Papen erstmals ein antidemokratischer Politiker an die Macht kam.

Wer weiß, hätte Reichskanzler Heinrich Brüning zuvor Erfolg gehabt oder wäre ihm etwas mehr Zeit geblieben, würde er heute vielleicht als Vorbild für demokratisches Krisenmanagement gefeiert. Für die Zeitgenossen, für die klugen Köpfe der liberalen Frankfurter Zeitung etwa, war die Demokratie von Weimar auch am 1. Januar 1933 noch nicht am Ende. "Der Wendepunkt ist da", stellte das führende liberal-demokratische Blatt der Republik fest. Die NSDAP, zuvor geradezu zur Volkspartei angewachsen, war entzaubert und erlebte nun eine "Serie von Mißerfolgen und Verlusten". Für die Frankfurter Zeitung galt als erwiesen, "daß nichts falscher ist, als den Geist der freiheitlichen Demokratie in Deutschland totzusagen". Im Jahr 1932 habe "die Demokratie [...] nicht weiter gelitten; sie hat während des letzten halben Jahres geradezu einen Triumph erlebt".

Man kann solche Äußerungen nicht mit den alten Deutungsmustern begreifen; man muss sie zum Ausgangspunkt neuer Fragen an die Weimarer Demokratie machen. Das rechte Bürgertum integrierte sich nur langsam, die extreme Wirtschaftskrise erschütterte die Welt seit 1929, verschärft seit 1931, und trieb die Arbeitslosigkeit in extreme Höhen. Hunger und Leid waren real. Dass Brünings Sparpolitik diese Not zunächst verstärkte, dass sozialpolitische Hilfsmaßnahmen und mehr politisches Pathos geholfen hätten, steht außer Zweifel. Aber all diese Belastungen zerstörten weder die Demokratie, noch brachten sie Hitler an die Macht.

Wenn wir die Einsicht der internationalen Forschung berücksichtigen, nach der Demokratie eine Geschichte voller Widersprüche ist, dann kann dem demokratischen Experiment von Weimar endlich die historische Gerechtigkeit nüchterner Betrachtung widerfahren. Diese junge Demokratie, Teil einer Welt junger Demokratien, kam ziemlich weit voran mit ihrem Versuch, eine Balance der Grundspannung zwischen Volkssouveränität und Rechtsstaat, effizientem Regieren und Massenpartizipation herzustellen. Es gibt kein dauerhaftes Geheimnis dieser Balance, nur jeweils neue historische Anläufe. Dass die Demokratie Normalität wurde, die Sprache, die alle sprachen, wurde lange Zeit verdeckt durch die Vorliebe der Historiker und Kulturwissenschaftler für radikale Stimmen, die zwar besonders laut und leicht auffindbar, aber keineswegs repräsentativ waren.

Eine überzeugende Geschichtswissenschaft kann die Vergangenheit nicht an späteren Gewissheiten messen, sie muss erforschen, welche Geschichte für die Zeitgenossen denkbar und machbar war, also ihre Zukunft, den Horizont ihrer Erwartungen. Woran Weimar gescheitert ist? Wir wissen noch viel zu wenig darüber, wir müssen noch viel genauer hinschauen. Aber so viel ist klar: Die Demokratie lässt sich nicht restlos absichern. Und wie auf dem Spielfeld ist auch in der Geschichte – und besonders in der Geschichte der katastrophalen Wirtschaftskrise – immer mit dem Faktor Kontingenz zu rechnen, mit dem Zufall, damit, dass zur falschen Zeit die falschen Männer am falschen Ort sind. Aber dass die Weimarer Republik eine schwache Demokratie war, das sollte man einfach nicht länger behaupten.

Standpunkt zwei: Die zerbrechliche Demokratie

Die zerbrechliche Demokratie

Von Andreas Wirsching

Bis in die achtziger Jahre hinein stand die Forschung zur Geschichte der Weimarer Republik unter der leitenden Frage, warum die Republik gescheitert ist. Der jungen Bundesrepublik dienten die "Weimarer Erfahrungen" gleichsam als Negativfolie zur historischen Selbstlegitimation. Bonn durfte nicht Weimar werden, und so wurde Weimar für Bonn das ultimative historische Lehrstück über Machtverlust und Selbstpreisgabe der Demokratie – mit all ihren verheerenden Folgen.

Seit den späten neunziger Jahren jedoch wandelte sich das Bild. Die Weimar-Forschung emanzipierte sich vom Scheitern ihres Gegenstandes. Statt nach dem dunklen Bezugspunkt des Jahres 1933 fragte sie nach den innovativen Erfahrungen, die die Deutschen mit der kulturellen Moderne gemacht hatten. Zugleich betonte man die geschichtliche Offenheit, die Vielgestaltigkeit und die demokratischen Potenziale der Weimarer Republik. Das lange Zeit vorherrschende binäre Grundverständnis der Republik, das allzu häufig in den Kategorien Pro und Contra, demokratisch und antidemokratisch, republikfreundlich und -feindlich verharrte, wurde überwunden.

Möglich war dies allerdings nur unter einer doppelten Voraussetzung: Erstens waren entscheidende Probleme und Entwicklungen der Weimarer Republik inzwischen gleichsam gültig herausgearbeitet worden, was eine unentbehrliche Grundlage für differenzierte Neuansätze bildete. Und zweitens geschah dies auf der Basis einer gesicherten Nachkriegsdemokratie. Erst angesichts gereifter bundesdeutscher Traditionen und gefestigter zivilgesellschaftlicher Fundamente verblasste die Bedeutung Weimars als historisch-politisches – und pädagogisches – Argument.

Zwar gilt dies nach wie vor, und jede vordergründig-präsentistische Instrumentalisierung der Weimarer Erfahrungen verstellt den historischen Zugriff auf den Gegenstand selbst. Trotzdem dürfen einige essenzielle Erkenntnisse über die Belastungen und Gefährdungen der Weimarer Demokratie nicht in Vergessenheit geraten. Und auch die Gründe für den nationalsozialistischen Aufstieg und die Machteroberung Hitlers bedürfen nach wie vor der Erklärung.

Natürlich wäre es vermessen, einen einzigen geschichtlichen Faktor zu isolieren und auf ihn allein das Scheitern der Weimarer Republik zurückzuführen. Aber wesentliche Aspekte des Scheiterns lassen sich unter drei Stichworten zusammenfassen: problematische Traditionen, funktionale Schwächen und äußere Belastungen.

Problematische Traditionen: Die Eliten des Kaiserreichs hegten größtenteils ein tiefes und grundsätzliches Misstrauen gegenüber dem Interessenpluralismus der modernen industriellen Massengesellschaft, die sich in Deutschland im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts besonders dynamisch entfaltet hatte. Demokratie und Parlamentarismus schienen ihnen allzu leicht zur Plutokratie und zum Parteienegoismus zu degenerieren; Organisation und kollektiver Austrag konkurrierender Einzelinteressen in der Gesellschaft schienen den materialistischen Ungeist der Zeit widerzuspiegeln. Gegen solche Kultur- und Modernitätskritik half die Vorstellung eines starken Staates. Repräsentiert in der Monarchie, fungierte er als scheinbar überparteilicher Sachwalter des Allgemeinwohls, das er gegen den gesellschaftlichen Partikularismus zu schützen hatte.

Es gehört zu den besonders problematisch wirkenden Traditionen der Weimarer Republik, dass dieses grundsätzliche Misstrauen gegen die Legitimität des gesellschaftlichen Pluralismus, gegen ein unverzichtbares Element der Demokratie, bei den Angehörigen der politischen und kulturellen Eliten ganz überwiegend fortbestand. Das zeigte sich in der zum Teil vehementen Ablehnung der Weimarer Demokratie als einem in sich zerrissenen "Parteienstaat", dem gegenüber das Kaiserreich in ahistorischer Weise verklärt wurde. Überdies war eine solche Haltung besonders anfällig für Gemeinschaftsideologien, die eine vorgebliche "Einheit der Nation" propagierten, sobald nur deren Störer oder gar Feinde ausgeschaltet seien. Im sogenannten "Augusterlebnis" des Jahres 1914 hatten die deutschen Eliten eine solche Einheit in geradezu rauschhafter Form konstruiert. Umso niederschmetternder war der Eindruck, der sich 1918/19 infolge von Kriegsniederlage und Revolution einstellte. Für die nationalistischen Ideologen der Einheit ließ sich beides nur als Folge innerer Zerrissenheit, ja sogar als "Verrat" erklären. Insofern bildete die Dolchstoßlegende mit ihrer verheerenden Wirkung auf die politische Kultur der Republik das ideologische Spiegelbild des "Augusterlebnisses".

Auch in der parlamentarischen Praxis übten die aus dem Kaiserreich tradierten, überzogenen Einheitsvorstellungen eine problematische Wirkung aus. Denn das Ideal auch vieler demokratisch orientierter Politiker blieb die Idee einer quasikonstitutionalistischen, letztlich über den Parteien schwebenden Regierung. Unter den Bedingungen der parlamentarischen Demokratie war das hierfür adäquate Modell die große Koalition, das heißt ein Regierungsbündnis von der SPD bis zur nationalliberal und großindustriell geprägten Deutschen Volkspartei (DVP). Damit ließen sich, so hoffte man, die heterogenen ökonomischen und gesellschaftlichen Interessen politisch neutralisieren. Aber dies überforderte die durchaus vorhandene Kompromissbereitschaft der Parteien; und in dem Maße, in dem die große Koalition zur parlamentarischen Norm erhoben wurde, trug sie zur Lähmung des Weimarer Parlamentarismus bei, was die präsidiale Intervention begünstigte.

Funktionale Schwächen und äußere Belastungen

Funktionale Schwächen: Erst vor diesem Hintergrund werden die vielfältig diagnostizierten Schwächen der Weimarer Reichsverfassung begreifbar. Deren Väter (und wenigen Mütter) wussten, dass Republik und Parlamentarismus der historischen Legitimation und der praktischen Einübung entbehrten. Dementsprechend sorgsam verteilte die Weimarer Nationalversammlung die verfassungspolitischen Gewichte, um eine umfassende demokratische Partizipation zu gewährleisten.

Sie verknüpfte unterschiedliche Demokratiemodelle miteinander: das parlamentarisch-repräsentative Prinzip, das sich im Reichstag verkörperte; das präsidiale Element, personifiziert im Amt des direkt gewählten Reichspräsidenten; schließlich das direktdemokratische Modell, fixiert in der Möglichkeit von Volksbegehren und Volksentscheid auf Reichsebene. So bestechend dieser Entwurf in der Theorie aussah, so dysfunktional entwickelte er sich in der Praxis. Gerade für die politische Kultur der Deutschen, die sich schwertaten, die Ausdifferenzierung der modernen Massengesellschaft zu akzeptieren, und diese häufig negativ mit organischen Einheits- und Gemeinwohlvorstellungen kontrastierten, wäre der Zwang zur politischen Willensbildung durch den Reichstag eine wichtige Schule gewesen. So aber erlaubte die Verfassung den im Reichstag vertretenen Parteien, sich angesichts der überwältigenden Sachprobleme zurückzuziehen und sich phasenweise ihrer entscheidenden parlamentarischen Funktionen zu entledigen. Dies betraf insbesondere die Aufgabe des Parlaments, die Regierung aus sich selbst heraus zu bilden und zu tragen sowie in Form der parlamentarischen Opposition stets auch eine Regierungsalternative bereitzuhalten. Als Folge schwand das Vertrauen in die Problemlösungsfähigkeit des Parlamentarismus, und das Amt des Reichspräsidenten rückte in den Mittelpunkt. Nach der Wahl Paul von Hindenburgs zum Reichspräsidenten im Jahr 1925 stimulierte dies die restaurative und antiparlamentarische Fantasie der Republikgegner.

Äußere Belastungen: Allerdings war das Schicksal der Weimarer Republik trotz ihrer unbestreitbaren Traditionsprobleme und Funktionsschwächen keineswegs vorherbestimmt. Vielmehr fehlte es ihr an Zeit, den Deutschen eine längerfristige Schule der Demokratie zu sein und damit ihre eigenen Traditionen auszubilden. Dass dies nicht gelang, lag auch an den äußeren Belastungen, mit denen die erste deutsche Demokratie zu kämpfen hatte und die unheilvoll mit den genannten geschichtlichen Defiziten korrespondierten. Allein schon die Tatsache, dass die Republik aus der Niederlage geboren worden war und damit die Enttäuschung und den Hass der deutschen Nationalisten auf sich zog, lud ihr eine schwere Hypothek auf.

Folgenreicher waren aber wohl noch die sozialen und ökonomischen Bedrängnisse. Denn für allzu viele Deutsche setzte der Sturm von Krieg und Nachkrieg, Inflation und Weltwirtschaftskrise eine soziale Abwärtsbewegung in Gang. Die schicksalhafte Kette von Ereignissen, die viele Zeitgenossen unter den Bedingungen einer fragilen kapitalistischen Wirtschaft erlitten, blockierte unzählige Lebensentwürfe oder ruinierte diese sogar.

Umgekehrt entsprach dem eine tief verwurzelte Sehnsucht nach einem "normalen" Leben mit einer funktionierenden Privatsphäre. Elemente einer solchen Normalität waren: bezahlte Erwerbstätigkeit, ein bescheidenes Heim, die Möglichkeit, eine Familie zu gründen und einen gewissen Zugang zum wachsenden Angebot an Konsumgütern zu erhalten. Dass die Weimarer Republik so viele dieser Hoffnungen auf ein kleines Stück privaten Glücks enttäuschte, war für ihr Schicksal mitentscheidend.

Spiegelbildlich dazu kennzeichnete ein "Modus der Verheißung", wie der Historiker Bernd Weisbrod formuliert, die politische Kultur der Republik. Erst vor diesem Hintergrund vermochten es Hitler und der Nationalsozialismus am Ende, die enttäuschten Hoffnungen im Bild der "Volksgemeinschaft" zusammenzubringen. Indem er zunehmend erfolgreich die Rolle eines politischen Messias usurpierte, versprach Hitler, das Unglück der Gegenwart zugunsten künftiger Gerechtigkeit zu beenden und für individuelles Wohlergehen und symbolische Anerkennung zu sorgen.

Keine dieser Entwicklungen war zwangsläufig. Immer hatte die Weimarer Republik ihre Chance. Auch mangelte es ihr nicht an demokratischen Potenzialen sowie wegweisenden gesellschaftlichen und kulturellen Perspektiven. Heute jedoch, da die Zerbrechlichkeit der Demokratie erneut und mit aller Dringlichkeit ins Bewusstsein tritt, gewinnen die problematischen Aspekte in der Geschichte der ersten deutschen Demokratie wieder an Relevanz.

So prägte etwa die Mühseligkeit repräsentativ-demokratischer Willensbildung, die auch heute wieder so offen zutage tritt, den politischen Alltag der Weimarer Republik. Gerade in unserer aktuellen Zeit jedoch, in der verstärkt nach Volksentscheiden gerufen wird, sollten wir uns erneut die durchweg negativen Erfahrungen mit der plebiszitären Demokratie in Weimar vergegenwärtigen und zugleich die für den Parlamentarismus so notwendige politische Geduld wieder einüben. Und wir sollten uns, da die Grenzen des öffentlich Sagbaren deutlich in Richtung Extremismus verschoben werden, einmal mehr der Gefahren erinnern, die aus einer hasserfüllten ideologischen Freund-Feind-Konstruktion entstehen.

Heute wie gestern gilt: Die Demokratie hat immer ihre Chance. Für die Weimarer Republik war das nicht anders. Einen historischen Determinismus gibt es nicht. Aber die Erfahrung der ersten deutschen Demokratie und ihres so folgenreichen Scheiterns bleibt auch heute ein Menetekel für die Fragilität der Demokratie. Und sie unterstreicht den dünnen Firnis der Zivilisation, ist die Freiheit erst einmal verspielt.