Um zehn Uhr am Morgen ist Pause in der Heinrich-Hertz-Schule am Grasweg. Oberstufenschüler unterhalten sich in Grüppchen auf dem Schulhof, ein paar Kleinere spielen Tischtennis. Früher hätte man hier Helmut Schmidt begegnen können – es ist seine Schule, mehr noch: Es ist ein Ort, den er gerne nannte, wenn er über Hamburg sprach. Im Schulbüro wuchtet die Direktorin Susanne Hilbig-Rehder ein Buch, so dick und schwer wie eine mittelalterliche Bibel, von einer Seite ihres Besuchertisches auf die andere. "Hier, die Nummer 499, das ist er."

Station 1: Schule am Stadtpark

Im 1924 angelegten "Abiturientenverzeichnis" der Lichtwarkschule steht unter dem Abiturjahrgang 1937 der Name Helmut Schmidt. Geburtsort: Hamburg. Geburtstag: 23. 12. 18. Stand des Vaters: Studienrat. Das Abiturientenverzeichnis wird immer noch benutzt. Allerdings heißt die Schule seit 1937 Oberschule am Stadtpark, 1945 wurde sie in Heinrich-Hertz-Schule umbenannt. Und die Abiturienten werden heute nicht mehr fein säuberlich per Hand eingetragen, sondern recht profan auf ausgedruckten Tabellen im DIN-A4-Format eingeklebt. Und trotzdem: Für Susanne Hilbig-Rehder zeigt dieses Verzeichnis die lange Tradition der Lichtwarkschule. Der Abiturient 499 ist ein kleiner, aber nicht ganz unbedeutender Teil davon.

Seit 1929 besuchten Helmut Schmidt und Hannelore Glaser, genannt Loki, die sich aus der gemeinsamen Nachbarschaft in Hamburg-Barmbek kannten, die Schule in Winterhude. Sie hatten einen langen Schulweg zu Fuß durch den Stadtpark und dann mit der S-Bahn. Die Schule, erbaut von dem großen Hamburger Architekten Fritz Schumacher und benannt nach dem ersten Direktor der Hamburger Kunsthalle, war eine von 200 Reformschulen in der Weimarer Republik, deren Grundsätze einer ihrer ersten Leiter folgendermaßen auf den Punkt brachte: Nach der Novemberrevolution habe sich "ein kleiner Kreis aktiver und vorurteilsfreier Lehrer" zufällig an der kleinen Realschule in Winterhude vereinigt gefunden und den Entschluss gefasst, "die gemeinsame Arbeit an dieser höheren Schule unter zwei Gesichtspunkte zu stellen: 1. Kritische Einstellung gegenüber allen traditionellen Formen und Inhalten der vorhandenen Schule; 2. Freudige Einstellung auf jeden Versuch im Schulleben, jede Erprobung neuer Mittel und Wege in der Schularbeit."

Helmut Schmidts Vater Gustav hatte durch Bildung den sozialen Aufstieg aus der Arbeiterklasse geschafft und war Lehrer geworden. So wie Helmut stammten viele Schüler der Lichtwarkschule aus Lehrerfamilien, auch wenn diese – wie wohl auch die Familie Schmidt – nicht reformpädagogisch eingestellt waren.

Um acht Uhr morgens begann der Schultag für Helmut und Loki. Sie gingen in eine Klasse, Mädchen und Jungen wurden gemeinsam unterrichtet, täglich gab es Sportunterricht, jedes Jahr eine Klassenfahrt. Die Schüler sollten als Persönlichkeiten wachsen, sich selbstständig Wissen erarbeiten. "Die Lichtwarkschule hat mir Augen und Ohren geöffnet für Kunst, Musik, Literatur und Theater – nicht allerdings für die Politik", schrieb Helmut Schmidt später .

Dieser Text stammt aus dem Sonderheft ZEIT Geschichte Panorama.

Das verwundert, denn die Zeiten waren politisch. 1933 wurde der Schulleiter ausgetauscht, Bücher von Karl Marx oder Walther Rathenau wurden aus der Bibliothek verbannt. Wenig später musste die von Helmut und Loki bewunderte Lehrerin Ida Eberhardt gehen. "Hütet euch vor dem ›Die‹-Begriff", soll sie ihren Schülern zum Abschied mit auf den Weg gegeben haben, so erinnerte sich ein Klassenkamerad an die durchaus politische Mahnung, bei pauschalen Urteilen vorsichtig zu sein. Auch die Reihen in den Klassen lichteten sich: Nach und nach verschwanden die jüdischen Schüler. Helmut Schmidt will das als Jugendlicher nicht bemerkt haben, unter den Schülern sei darüber nicht weiter gesprochen worden: "Es gab allgemein einen großen Schülerabgang, so daß der Abgang der jüdischen Schüler nicht auffiel."

Er selbst dagegen wäre gern in die Hitlerjugend eingetreten, was die Eltern zunächst verhinderten. Dazugehören oder nicht, das war hier die Frage; möglich, dass aus der Erkenntnis, damals nicht eigenständig gedacht, das System nicht durchschaut zu haben, sondern der Masse gefolgt zu sein, Schmidts späteres Lebensthema erwuchs: "Wofür einstehen und wofür nicht?"

1937 legte Schmidt sein Abitur ab. Im selben Jahr sollte mit dem Namen Lichtwarkschule auch der letzte Rest aufmüpfigen Geistes vom Grasweg verschwinden, alle Schülerinnen waren zu dem Zeitpunkt schon auf das Mädchengymnasium Klosterschule überstellt worden. Der Unterricht der neuen Zeit – koedukativ sollte er nicht mehr sein. Einen Eintrag, der das Abitur Loki Glasers dokumentiert, sucht man im großen Verzeichnis daher vergeblich.