Hat die Erinnerung einen Ort? Ein Flughafen wird nach Helmut Schmidt benannt: "Hamburg Airport Helmut Schmidt" heißt er ab dem ersten Todestag. Die Universität der Bundeswehr, auch in Hamburg, trägt schon seit ein paar Jahren seinen Namen. Zwei Schulen ehren sein Andenken ebenso.

Das sind Orte des Gedenkens an Helmut Schmidt, aber sie erzählen nicht unbedingt etwas über sein Leben. Das Pult im alten Bundestag in Bonn, an dem er die geschliffenen Reden hielt, die ihm den Spitznamen "Schmidt Schnauze" einbrachten, wäre so ein Ort. Oder die Hütte der Schmidts am Brahmsee, nicht weit von Kiel, in der sie seit Ende der fünfziger Jahre gern ihre freie Zeit verbrachten. Natürlich der Kanzlerbungalow am Rhein, der ab 1974 Schmidts neue Adresse in Bonn war. Bloß die Adresse! – nicht aber das Zuhause, wie Loki gerne betonte. Zuhause nannten die Schmidts nur ihr Haus am Neubergerweg 80 in Hamburg-Langenhorn.

Hier hat die Erinnerung an Helmut und Loki Schmidt ihren Ort, ihr eigentliches Zentrum; hier war der Platz, wie Helmut Schmidt es einmal ausdrückte, von dem aus sie auf die Welt sahen. Dieses Haus in Langenhorn verrät, wer Loki und Helmut Schmidt auch jenseits jener Rollen waren, die sie für alle sichtbar spielten – und hier entscheidet sich, was von ihnen bleiben wird.

1961 kaufte Familie Schmidt das Haus aus rotem Klinker. Kurz vor Weihnachten zogen sie ein. Es liegt in einer Neubausiedlung am Rande eines Kleingartenvereins. Das Grundstück ist von einem Jägerzaun eingefasst – als Schmidt Kanzler wurde, kam ein hohes Gitter dazu. Drum herum wächst heute ein grünes Dickicht aus Rhododendren, Azaleen und Flieder. Vom Neubergerweg her sieht man zuerst nur eine Garage, außerdem die Loge, in der früher die Polizei saß, dann der Wachdienst. Jetzt passt keiner mehr auf. Ein Tor aus Metall schließt sich an, das mit elektrischem Schloss und Kamera gesichert ist.

Zuerst bezogen die Schmidts die vordere Hälfte des Hauses, bald folgte auch die hintere, in der Helmuts Vater gewohnt hatte. Anbauten für Büro, Archiv und Bibliothek kamen hinzu, außerdem Lokis Gewächshaus. Weil der Platz bald nicht mehr reichte, erwarben die Schmidts auch die hintere Hälfte des Hauses gegenüber. Vor etwa zehn Jahren errichteten sie für Archiv und Bibliothek einen Anbau. Dieses Gebäude ist wie die anderen aus rotem Klinker gemauert – den Stein mochte Schmidt besonders, weil er ihn an die Bauten von Fritz Schumacher und Gustav Oelsner erinnerte, die für Hamburg so typisch sind. Lokis Gewächshaus steht heute leer. Die Pflanzen brachte sie in den Botanischen Garten in Klein Flottbek, als sie nicht mehr für sie sorgen konnte. Seit 2012 trägt er den Namenszusatz "Loki-Schmidt-Garten".

Dieser Text stammt aus dem Sonderheft ZEIT Geschichte Panorama.

Wie zwei kleine steinerne rote Frachter liegen die beiden Schmidtschen Häuserzeilen in Langenhorn heute still nebeneinander; dazwischen Rasen, ein Ahorn, eine Linde, ein paar Blumen. Das grüne Dickicht im Hintergrund macht ein Atrium daraus. Von der Welt da draußen sieht man nur den Himmel.

Im Testament verfügten Helmut und Loki Schmidt zu ihrem Anwesen zwei Dinge, die auch die Erinnerung an sie betreffen: 1. Archiv und Bibliothek sollen in Zukunft von Wissenschaftlern und Interessierten genutzt werden können; 2. Das Wohnhaus möge unverändert erhalten bleiben und für Besucher geöffnet werden. Bereits im Jahr 1992 gründeten sie die Helmut und Loki Schmidt-Stiftung, der sie das Haus und einen größeren Teil ihres Vermögens vermachten. Im Kuratorium dieser Stiftung sitzen unter anderem die Tochter Susanne Schmidt, Peer Steinbrück und Edelgard Bulmahn.

Zu Lebzeiten der Schmidts unterstützte ein großer Stab von Helfern die Familie: Sie sorgten für Sicherheit, halfen bei der Arbeit, im Archiv und im Haushalt. Als die Schmidts alt wurden, kamen auch Pfleger dazu. Heute beschäftigt sich ein nicht mehr ganz so großer Stab von drei Menschen mit dem Erbe, dem Gedenken – und der Zukunft.

Anfang April 2016 hat Stefan Herms, Chef der Stiftung, sein Büro bezogen, er ist so etwas wie der neue Herr im Hause. Vorher war er Leiter des Staatsamts in der Hamburger Senatskanzlei. Sein Büro liegt im neuen Anbau links. Gegenüber, auf der Rückseite des Wohnhauses, sitzt Andrea Bazzato. Sie war seit 2009 als Sekretärin bei den Schmidts und kümmert sich um die Veranstaltungen der Stiftung. Archiv und Bibliothek schließlich werden betreut und geordnet von Heike Lemke. Sie arbeitet bereits seit 1994 in Langenhorn – erst für Loki, dann für Helmut Schmidt.

Kaum jemand kennt sich in den 2.800 Aktenordnern und etwa 25.000 Büchern so gut aus wie Heike Lemke. Sorgfältig sortiert stehen sie im Archivneubau in fahrbaren Aktenschränken. Nach Helmut Schmidts Tod kamen noch mehr Bücher und noch mehr Akten aus den Büros in Hamburg und Berlin nach Langenhorn. Heike Lemke sichtet und ordnet sie – es wird noch eine Zeit dauern, bis alles einsortiert ist.