Unter den Eigenschaften Luthers, die heute als besonders abstoßend gelten, rangieren seine Streitlust und verbale Grausamkeit obenan. Da Luther ungleich bekannter ist als die meisten seiner Zeitgenossen, wird oft übersehen, dass Polemik, Schmähung und Infamie zu seiner Zeit durchaus üblich waren. Und doch: Hinsichtlich der Virtuosität und Intensität seiner Gewaltsprache ragt er heraus.

Einige Gruppen oder Personen hat er mit besonders scharfen Invektiven überzogen, weil er sie im Bunde mit dem Teufel sah – Türken und Juden, aber auch seine innerchristlichen Widersacher, vor allem den Papst und dessen Anhänger, die "Papisten". Seinen Zorn zu spüren bekamen aber auch Gegner aus den eigenen Reihen, die sich von ihm abgewandt hatten oder es wagten, seiner Lehre zu widersprechen: die "Schwärmer", "Sakramentierer", "Enthusiasten". Dass Luther auch gegen ethnisch-nationale Gruppen wie Böhmen, "Zigeuner", Italiener und Franzosen – oft gemeinsam als "Welsche" apostrophiert – oder gegen missliebige Fürsten wetterte, sei hier nur am Rande erwähnt.

Kampfschriften bilden einen nicht unwesentlichen Teil in Luthers literarischem Werk. Aber auch in seinen Tischreden oder Briefen begegnen uns polemische Passagen. Luther war ein streitbarer Charakter, was in Auseinandersetzungen durchaus von Vorteil sein konnte, denn es führte zu theologischen Klärungen. Für die frühen Wittenberger Disputationen der Jahre 1515 bis 1518 gilt dies in hohem Maße. Die agonale Streitkultur der spätmittelalterlichen Universität, in der er sozialisiert worden war, bildete die Basis seiner akademischen Debattierkunst. Im Zuge der reformatorischen Entwicklungen verlagerte er diese Kunst jedoch immer deutlicher aus der Universität hinaus und führte seine Kontroversen zusehends in der Volkssprache. Das Ausmaß, in dem nicht lateinkundige Christen nun an theologischen Diskussionen teilhaben konnten, ging weit über das im späten Mittelalter Übliche hinaus. Das machte Luther populär, bescherte ihm aber auch viele Feinde.

Seinen Gegenspielern begegnete der Reformator mit derben sprachlichen Mitteln. Die Position zur Papstkirche war seit 1520 geklärt. Erstmals bezeichnete er den Papst in seiner wichtigsten reformatorischen Programmschrift An den christlichen Adel deutscher Nation im August 1520 öffentlich als Antichrist, identifizierte ihn also mit dem endzeitlichen Gottesfeind schlechthin. An diesem Urteil hielt er zeitlebens fest. Noch 1545 zeigt sich in dem Traktat Wider das Papsttum zu Rom, vom Teufel gestiftet Luthers unversöhnlicher Hass gegen die einstmals geliebte Kirche: "Denn die teufelische Bepsterey ist das letzt unglück auff Erden, und das neheste, so alle teufel thun können mit alle irer macht."

Kaum differenzierter war Luthers Haltung gegenüber Gegnern aus dem eigenen Lager. Bei den "Dissentern" in seinem Umkreis, Andreas Bodenstein von Karlstadt und Thomas Müntzer, handelte es sich um einen ehemaligen Parteigänger und um einen Schüler, die sich jedoch beide seit 1522/23 offen gegen Luthers reformationspolitischen Kurs stellten. Während Luther den sächsischen Landesherrn als ordnende Macht für alternativlos hielt, richteten sich Karlstadt und Müntzer an den kommunalen Obrigkeiten als jenen Instanzen aus, die berechtigt seien, das Kirchenwesen zu gestalten. Sehr unterschiedlich bewerteten die beiden indes die Gewaltfrage: Müntzer vertrat die Auffassung, dass eine gerechte, gottgewollte Ordnung von den "Heiligen" mit dem Schwert durchgesetzt werden müsse, Karlstadt hingegen lehnte Gewaltanwendung grundsätzlich ab. Luthers landesherrliches Reformprogramm aber gewährte dem Fürsten ein Gewaltmonopol.

Dieser Text stammt aus dem Magazin ZEIT Geschichte Nr. 5/16.

Darüber hinaus deuteten die drei die Sakramente höchst unterschiedlich, was bald auf die gesamte reformatorische Bewegung im Reich und in der deutschsprachigen Schweiz ausstrahlte. Diejenigen, die leugneten, dass Christi Leib und Blut real in den Elementen des Abendmahls, Brot und Wein, anwesend seien – neben Karlstadt und Müntzer etwa der Zürcher Reformator Huldrych Zwingli, sein Basler Kollege Johannes Oekolampad, die Straßburger Martin Bucer und Wolfgang Capito –, bezeichnete Luther fortan als "Schwärmer" oder "Sakramentierer" und bekämpfte sie mit leidenschaftlichen Schriften. Ähnliches galt für die sogenannten Täufer, die sich etwa Mitte der 1520er Jahre formierten und die Säuglingstaufe ablehnten. Wie gegen "Papisten", Türken und Juden bediente sich Luther auch im Kampf gegen seine innerreformatorischen Gegner des Mittels der Dämonisierung. Sie waren für ihn "fleischgewordene Teufel", derer man sich mit aller verbalen, aber auch physischen Gewalt zu erwehren hatte – vorausgesetzt, die Gewalt wurde von legitimen weltlichen Instanzen verwaltet.

Untersucht man Luthers Urteile über die Türken und den Islam, spielt die große Politik eine wichtige Rolle. Das Osmanische Reich war eine Großmacht, die Europa seit der Mitte des 15. Jahrhunderts immer stärker bedrängte. Für Luther stand dies in einem geschichtstheologischen Horizont; er sah darin eine Züchtigung Gottes, der die Türken als "Strafrute" über der unbußfertigen Christenheit niedergehen ließ. Daher lehnte er auch den militärischen Kampf gegen die Osmanen ab; es gelte vielmehr, gegen die eigenen Sünden, nicht aber gegen die "Rute", mit der Gott strafe, anzukämpfen.

Diese Äußerung, die sich in Luthers Auslegung seiner 95 Thesen von 1518 findet, wurde in der päpstlichen Bannandrohungsbulle Exsurge Domine im Juni 1520 explizit verurteilt. Fortan warfen altgläubige Gegner Luther immer wieder vor, dass er einen Krieg gegen die Türken ablehne.