Die Glaubensspaltung, zu der es zwischen Herbst 1517 und Frühjahr 1521 kommt, verändert die Welt. In der Regel wird sie als Loslösung Luthers von der Papstkirche beschrieben. Doch sie ist ebenso sehr ein Prozess, der von Rom ausgeht und sich simultan vollzieht. Diese Gleichzeitigkeit ist bisher nicht angemessen ins Blickfeld getreten, obwohl allein sie Antworten auf entscheidende Fragen finden lässt: Weshalb eskaliert ein Disput, in dem es angeblich nur um Fragen der seit Langem anstehenden Kirchenreform geht, so schnell, so vehement und so folgenreich zu einem Fundamentalkonflikt, in dem beide Seiten politisch, juristisch und später auch militärisch sämtliche Register ziehen? Warum kann man sich von Beginn an nicht einmal über ein Minimalprogramm diskussionswürdiger Themen verständigen, obwohl beide Seiten – Luther und sein Umfeld zum einen, die reformorientierten Kreise der römischen Kurie zum anderen – in Sachen kirchlicher Erneuerung durchaus parallel denken und argumentieren?

Die gemeinsame Schnittmenge ist beachtlich: Maßnahmen gegen den Wildwuchs beim Ablasshandel, vor allem für bereits Verstorbene, Eindämmung des Pfründenmarkts und der notorischen Pfründenjäger, strengere Richtlinien für den Lebensstil von Kirchenfürsten und bessere Ausbildungsstandards für den Klerus auf allen Stufen der Karriereleiter – einen solchen Katalog von Reformen hätte man in Wittenberg wie in Rom Ende 1517 problemlos unterschreiben können. Stattdessen gerät schon der erste Ideenaustausch zum Schlagabtausch. Kommunikation, verstanden als Würdigung von Argumenten der Gegenseite, und sei es auch nur zum Zweck eingehender Widerlegung, findet nicht einmal ansatzweise statt. Warum? Wieso degeneriert das Niveau der Auseinandersetzung – wohlgemerkt zwischen hochgebildeten und wortmächtigen Protagonisten – fast umgehend zu nicht mehr abreißenden Beschimpfungs- und Verdammungskaskaden?

Eine so komplexe Ereignisabfolge, die verkürzt als "Reformation" Eingang ins kollektive Gedächtnis fand, lässt sich nur aus einem gleichermaßen dichten Geflecht von Ursachen und Wirkungen erklären, das oft weit in die Vergangenheit zurückreicht. Doch auch wenn sich kausale Simplifizierungen verbieten – gewichten lassen sich die Faktoren, die diesen Prozess wechselseitiger Entfremdung und Abstoßung bedingen, sehr wohl. Was schon beim ersten öffentlichen Auftreten Luthers, der Verbreitung seiner 95 Thesen, ins Auge sticht, ist die Machtfrage, die damit angeschnitten wird: in der Kirche, aber auch im herrschaftlichen Gefüge Europas.

In den pointiertesten und polemischsten seiner Thesen – die für ihn längst nicht mehr zur Diskussion, sondern als kritische Bestandsaufnahme unverrückbar feststehen – entwirft Luther ein Bild des Papsttums, das von katastrophalen Fehlentwicklungen und himmelschreienden Missbräuchen geprägt ist. So hätten sich die Päpste Kompetenzen erschlichen, die ihnen nicht zustünden und erst recht nicht von Christus übertragen worden seien. Unter Berufung auf ihre "Schlüsselgewalt" behaupteten sie, dass die Menschen, die sie auf Erden erlösen oder verdammen, der ewigen Seligkeit teilhaftig würden oder für immer im Höllenfeuer schmorten. Christus, so behauptete diese "papalistische Theorie", werde den Urteilsspruch seines Stellvertreters auf Erden selbstverständlich im Himmel ratifizieren.

Für Luther hingegen reicht der Arm des Papstes nicht einmal ins Fegefeuer hinab. Dessen marktschreierisch vertriebene Ablässe bleiben teure tote Buchstaben. So wie jeder Christ kann der Papst Fürbitte einlegen, mehr nicht. Auch der Kirchenschatz (thesaurus ecclesiae) ist für Luther eine perfide Erfindung aus Machtgier. Nach Gutdünken verfügt der Papst über den "Mehrwert" an guten Werken, den Christus und die Heiligen angehäuft haben, ohne ihn zu brauchen; wer einen Ablassbrief erwirbt, bekommt dafür die dringend benötigten Bonuspunkte. Diese Art Lastenausgleich als Umverteilung zwischen Verdienstvollen und Verdienstlosen ist in Luthers Augen nichts anderes als Seelenbetrug und Selbstbereicherung.

Neben diesen Machenschaften gerät früh die geistliche Machtstellung des Papstes als solche ins Visier der Kritik. Vor allem das Bibelauslegungsmonopol erregt Anstoß, das in den dogmatischen Lehrentscheidungen mit der – erst 1870 formell zum Dogma erhobenen, von kurialer Seite aber schon 1517 vorausgesetzten – Irrtumslosigkeit des Pontifex maximus (wörtlich: des größten Brückenbauers) begründet wird. Der Papst als vicarius Christi, als Stellvertreter des Gottessohnes auf Erden, ist die Kirche; wer diese Identität leugnet, steht außerhalb der christlichen Glaubensgemeinschaft. Diese von kurialen Theologen verkündete Gleichsetzung ist für Luther krasse Selbstüberhebung, ja Selbstvergötterung.

Dieser Text stammt aus dem Magazin ZEIT Geschichte Nr. 5/16.

Schon in seinem ersten großen Manifest entwirft er daher eine Ordnung der Kirche, die dem Selbstverständnis des Papsttums diametral entgegensteht: Der Papst ist höchster Versöhner, Befrieder und Diener der Kirche; er führt ihren Willen aus, aber er diktiert ihn nicht. Die Kurie muss sich durch dieses Konzept in eine noch nicht allzu ferne Vergangenheit zurückgeworfen fühlen, die hochgradig traumatisch abgespeichert und als düsterer Schatten allgegenwärtig ist: in die Zeit des Großen Schismas (1378 bis 1417), als drei Päpste vergeblich um Anerkennung rangen und schließlich das Konzil unter Führung weltlicher Herrscher ein Machtwort sprach und die Kirche wieder vereinte. Die damit verbundenen Machtansprüche der Kirchenversammlung hat Rom zwar im Bündnis mit den großen Monarchien entkräften können, doch die Angst vor konziliaren Wiedergängern ist weiterhin groß.

Diese Phobien erklären manches an der römischen Reaktion auf Luther, doch bei Weitem nicht alles. Im Jahr 1516 hat Leo X. mit dem französischen König in Bologna ein Konkordat abgeschlossen, das ihm zwar eine Art Ehrenvorrang über die französische Kirche, dem Monarchen aber den faktischen Zugriff garantiert – der König ernennt seine Wunschkandidaten, die dann von Rom in ihr Amt eingesetzt und mit dessen Abzeichen ausgestattet werden. Dem Papst bleibt wenig mehr als die äußere Würde, doch das ist für ihn viel, nämlich die symbolische Anerkennung seines doppelten Primats über die Kirche und die christlichen Herrscher.

Luther aber ist ein bekennender Verächter des Dekorums, des schönen Scheins und der von ihm erzeugten virtuellen Hierarchien. Aus römischer Sicht formuliert: Als Rohling aus den hinteren Wäldern verweigert er Ehre, wem Ehre gebührt, nämlich dem Papst und seinen Prälaten. Schlimmer noch: Er ist sogar stolz darauf, die geschliffene Semiotik des vatikanischen Hofs mit Verbalinjurien zu zerfetzen. Für die Kurie hat dieser Grobianismus Tiefenstruktur: Luther ist der Prototyp des Barbaren und insofern ein würdiger Repräsentant seiner durch und durch barbarischen Nation. Wie man mit Barbaren umzugehen hat, glaubt man in Rom aus leidvoller Erfahrung vieler Jahrhunderte gelernt zu haben. Die wichtigste Vorsichtsmaßregel lautet: Lass dich nie auf Diskussionen mit ihnen ein, denn sie sind nicht belehrbar. Mehr als das: Sie sind rationalen Argumenten gar nicht zugänglich, können dafür aber bei der Darlegung ihrer Hirngespinste eine erstaunlich destruktive Eloquenz an den Tag legen.

Diese Direktive wird den ganzen Prozess der wechselseitigen Abstoßung hindurch auf römischer Seite gelten. Nur keine Debatten, denn die Menschen sind überwiegend dumm und verführbar und Ketzereien daher ansteckend, ja eine regelrechte Epidemie. Roms brillanter Vertreter am Reichstag zu Worms, der wortgewaltige Humanist Girolamo Aleandro, wird daher mit allen Mitteln dafür kämpfen, Luther gar nicht vorzuladen oder, als er das nicht mehr verhindern kann, nur mit einer einzigen Antwort auf die Frage zu Wort kommen zu lassen: Schwörst du ab, oder verharrst du bei deinen Irrtümern?