1) Der Thesenanschlag

Der Thesenanschlag, so wie man ihn sich der Überlieferung nach vorstellte.

Bis heute ist der Reformationstag am 31. Oktober in einigen Bundesländern ein Feiertag. Aber ist er das auch zu Recht? Hat Luther an diesem Tag 1517 wirklich seine 95 Thesen an das Portal der Wittenberger Schlosskirche genagelt? Die meisten Historiker sagen: Nein, jedenfalls nicht so. Für die Urszene der Reformation gibt es keinen Beleg. Überliefert hat uns die Szene Luthers Weggefährte Philipp Melanchthon, und 2007 wurde in der Universitätsbibliothek Jena eine Handschrift von Luthers Sekretär Georg Rörer wiederentdeckt, der im Jahr 1541 notierte: "Am Vorabend des Allerheiligenfestes im Jahre des Herrn 1517 sind von Doktor Martin Luther Thesen über den Ablass an die Türen der Wittenberger Kirchen angeschlagen worden." Allerdings waren weder Melanchthon noch Rörer zu dieser Zeit in Wittenberg, es gibt keinen Augenzeugen. Und Luther selbst hat den Thesenanschlag nie erwähnt. Als darauf bereits 1962 der katholische Kirchenhistoriker Erwin Iserloh hinwies, hagelte es Kritik vor allem von seinen evangelischen Kollegen.

Ob man in Rörers Notiz nun ein Argument für den Thesenanschlag erblickt (wie der Kirchenhistoriker Martin Treu) oder die Geburtsstunde des Mythos (wie etwa sein Kollege Volker Leppin), einig sind sich die Historiker in einem anderen Punkt: Luther wollte seine Thesen wissenschaftlich diskutieren. Er verschickte sie am 31. Oktober 1517 an Albrecht von Brandenburg, den Erzbischof von Mainz. Der Brief, den er beifügte, ist im Reichsarchiv in Stockholm erhalten. Nicht ausgeschlossen ist, dass die Thesen später auch noch an den Kirchentüren Wittenbergs angebracht wurden.

2) Das Zitat

"Hier stehe ich, ich kann nicht anders." – hat Martin Luther das wirklich so gesagt?

Im April 1521 versammelte sich der Reichstag in Worms. Auch der neu gewählte Kaiser Karl V. war anwesend. Einer der Tagesordnungspunkte: Martin Luther und seine "ketzerischen" Schriften. Der Wittenberger Theologe sollte sich rechtfertigen oder, besser noch, widerrufen. Berühmt wurde sein Nachsatz, mit dem er die Ablehnung des Widerrufs begründet haben soll: "Hier stehe ich, ich kann nicht anders." Doch für die Echtheit dieses Zitats, das im Luther-Merchandising der Gegenwart sogar Socken ziert, gibt es keinen Nachweis.

In den Protokollen des Wormser Verhörs taucht es nicht auf. Es kursierte erst später in den Druckschriften, in denen die Rede zugespitzt und pointiert wurde, wie der Luther-Biograf Heinz Schilling schreibt. Ebenso wenig verbürgt ist Luthers angeblicher Ausspruch: "Wenn ich wüsste, dass morgen die Welt unterginge, würde ich heute ein Apfelbäumchen pflanzen." Er könnt sogar eine Erfindung des 19. Jahrhunderts sein. Für die Wormser Debatte sind längere, kompliziertere Sätze überliefert, mit denen Luther sich allerdings gleichermaßen in Lebensgefahr brachte.

3) Die Begegnung

Dieser Text stammt aus dem Magazin ZEIT Geschichte Nr. 5/16.

Als ob Luthers Leben nicht schon filmreif genug wäre, dichtete Hollywood noch etwas dazu: Im monumentalen amerikanisch-britisch-deutschen Spielfilm Luther von 2003 wird gezeigt, wie sich der Reformator und sein prominenter Beschützer Friedrich der Weise persönlich begegnen. In der wirkmächtigen Szene schreitet Joseph Fiennes (Luther) zu Streicher- und Lautenklängen langsam in das Arbeitszimmer von Peter Ustinov (Friedrich der Weise). Der alte Fürst erkennt den Besucher zunächst nicht und kneift die Augen zusammen: "Who’s there?" – Stille – "Martin Luther?" – "My Lord." – "We meet at last!", sagt Friedrich in der Originalfassung, um sodann ein Exemplar des auf der Wartburg übersetzten Neuen Testaments überreicht zu bekommen. Rückversichernd fragt er, ob es eine deutsche Übersetzung sei, und folgert: "But this will separate us from Rome!"

Doch zum einen war Luthers Übersetzung gar nicht dem Mangel, sondern der Menge an kursierenden Bibelübersetzungen geschuldet. Und zum anderen sind sich der mutige, mehr oder weniger junge Reformator und sein weiser alter Landesherr wahrscheinlich nie persönlich begegnet, sosehr Luthers Überleben und Wirkung auch von Friedrichs List und Einfluss abhingen. Die Bedeutung des Landesherrn wird im Film durch Ustinovs tragende Rolle betont. Aber das Treffen? Die als Berater engagierten Theologen und Kirchenhistoriker protestierten schon während des Drehs gegen diese Fiktion.

4) Der Tintenfleck

Gibt es den Fleck im Arbeitszimmer Luthers, der entstanden sein soll, als der Reformator ein Tintenfass nach dem Teufel warf?

Die Wartburg ist ein Touristenmagnet: Jährlich werfen etwa 350.000 Besucher einen Blick in Luthers gut erhaltenes Arbeitszimmer, betrachten den massiven Schreibtisch und suchen rechts hinter dem moosgrünen Kachelofen nach Spuren des berühmten Tintenflecks an der Wand. Er soll entstanden sein, als Luther Besuch vom Teufel hatte. Die beiden gerieten in Streit, und Luther schmiss wutentbrannt sein Tintenfass nach dem Beelzebub. Doch die allererste Erwähnung des Flecks stammt erst aus dem 17. Jahrhundert. Und weil sich so viele Pilger ein Stück tintenbefleckten Putz als Souvenir abbrachen, wurde der Fleck wohl bis weit ins 19. Jahrhundert hinein immer wieder nachgemalt.

Für den Theologen Johann Hinrich Claussen ist nicht entscheidend, ob Luther wirklich ein Tintenfass nach dem Teufel geworfen hat oder nicht. Die Erzählung sage viel über den Umgang der Nachwelt mit dem Teufelsglauben des Reformators aus. "Für Luther war der Teufel ebenso wie Gott eine intensiv erlebte Wirklichkeit", schreibt Claussen: "Der unablässige Kampf mit dem Teufel gehörte für ihn zu den Grunderfahrungen seines inneren Lebens." Starken Erlebnissen in wirkmächtiger Bildsprache Ausdruck zu verleihen – das war schon Luther und seinen zeitgenössischen Anhängern nicht fremd. Man denke etwa an die lebhaften Schilderungen des "Gewitter-" und des "Turm-Erlebnisses", mit denen Luther beschreibt, wie er seinen Weg zu Gott gefunden habe.

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