Am frühen Nachmittag des 12. Dezember 1941 fanden sich etwa 60 Reichs- und Gauleiter der NSDAP an verschiedenen, vorher zugeteilten Eingängen der Reichskanzlei ein. Die Herren kamen in Zivil; ihre Dienstwagen warteten ein paar Straßen entfernt. Man traf sich in den Privaträumen Hitlers in der Wilhelmstraße 77. Der ungewöhnliche Ort ließ auf einen besonderen Grund der Einladung schließen.

Die Reichs- und Gauleiter wurden vermutlich ins Speisezimmer geführt, den Mittelpunkt der "Führerwohnung". Dort hielt Hitler eine Ansprache. Es gibt kein Protokoll von dem, was er sagte, wohl aber eine Zusammenfassung, die Joseph Goebbels tags darauf im Tagebuch festhielt: "Bezüglich der Judenfrage ist der Führer entschlossen, reinen Tisch zu machen. Er hat den Juden prophezeit, daß, wenn sie noch einmal einen Weltkrieg herbeiführen würden, sie dabei ihre Vernichtung erleben würden. Das ist keine Phrase gewesen. Der Weltkrieg ist da, die Vernichtung des Judentums muss die notwendige Folge sein. Diese Frage ist ohne jede Sentimentalität zu betrachten."

In der "Prophezeiung", auf die Goebbels sich bezieht, hatte Hitler gedroht, die "jüdische Rasse in Europa" zu vernichten. Erstmals erklärte Hitler dies im Januar 1939, danach wiederholte er seine Worte mehrmals. Später, während des Krieges, datierte er sie absichtsvoll auf den Kriegsbeginn am 1. September um. Die Wahnvorstellung, das Judentum habe sich weltweit gegen Deutschland verschworen und das Reich in den Krieg gestürzt, wurde von vielen "Volksgenossen" geteilt. Dabei war es Hitler selbst, der den Krieg endgültig zum Weltkrieg machte – durch seine Kriegserklärung an die Vereinigten Staaten von Amerika am 11. Dezember 1941. Deutschland, so äußerte sich Hitler damals im Reichstag, müsse einen Zweifrontenkrieg um Sein oder Nichtsein führen, weil es von "den Juden" in den USA und in der Sowjetunion dazu gezwungen worden sei. In Hitlers Rhetorik wurden aus den Aggressoren die Angegriffenen, aus den Massenmördern die Opfer.

Dies ist einer der Handlungsstränge, die zur Wannsee-Konferenz führten. Der zweite ist die Ermordung der jüdischen Bevölkerung im besetzten Polen und in der Sowjetunion, der dritte die Verschleppung von Juden aus Deutschland und den besetzten Gebieten "nach Osten". Die beiden letztgenannten Entwicklungen waren eng miteinander verknüpft.

Über die Morde der SS- und Polizeieinheiten im Vernichtungskrieg gegen die Sowjetunion war Hitler jederzeit genau informiert und billigte sie. Im Oktober 1941 gab er auffällig viele hasserfüllte Tiraden über die Juden von sich. Es spricht alles für die Annahme, dass Hitler in diesem Monat befahl oder zustimmte, nicht mehr arbeitsfähige sowjetische und polnische Juden systematisch zu ermorden. So begannen die Vorbereitungen zum Aufbau von ersten Lagern, die allein zum Zweck eingerichtet wurden, Juden mit Giftgas zu töten: Chelmno (Kulmhof) im sogenannten Warthegau – und Belzec, das im Osten des Generalgouvernements Polen lag. Experten der als "Euthanasie" verbrämten Mordaktion "T4" wurden Ende 1941 aus dem Reich nach Polen entsandt, um fortan Juden zu töten.

Dieser Text stammt aus dem Magazin ZEIT Geschichte Nr. 1/17.

Zu diesem Zeitpunkt waren in den besetzten Teilen der Sowjetunion bereits eine halbe Million jüdische Männer, Frauen und Kinder umgebracht worden. Die Gesamtzahl aller jüdischen Opfer bis zur Wannsee-Konferenz wird auf etwa 900 000 Menschen geschätzt. Im deutsch besetzten Osteuropa war der Holocaust also schon im Gang, als die Konferenz tagte. Doch erst im Dezember 1941 stellte Hitler die Weichen, um den Völkermord auf ganz Europa auszudehnen.

Eine wichtige Entscheidung war dem Treffen der Reichs- und Gauleiter am 12. Dezember in Hitlers Reichskanzlei bereits vorausgegangen: Schon Mitte September befahl Hitler, die Juden aus Deutschland zu deportieren. Seine engsten Vertrauten, die Gauleiter der NSDAP, hatten seit Langem darauf gedrängt, die jüdischen Bürger zu vertreiben. Der Kriegsbeginn 1939 hatte den Juden die ohnehin begrenzte Möglichkeit genommen, ins Ausland zu fliehen. Nun war es möglich geworden, die jüdischen Deutschen in die besetzten Gebiete "abzuschieben". Das Scheitern solcher Pläne erhöhte den Druck, den sich die Nationalsozialisten in der "Judenfrage" selbst auferlegt hatten.

Seit März 1941, als die Vorbereitungen zum Angriff auf die Sowjetunion angelaufen waren, rechneten die nationalsozialistischen Funktionäre damit, nach dem schnellen Sieg im Osten über riesige Räume verfügen zu können. Dorthin wollten sie die europäischen Juden deportieren, um sie bei Zwangsarbeit verhungern zu lassen. Doch der schnelle Sieg an der Ostfront ließ auf sich warten, und die Wehrmacht benötigte für ihren Nachschub die Transportkapazitäten. Hitler lehnte zunächst Abschiebungen großen Umfangs ab.

Mitte September 1941 befahl er dennoch, Juden aus dem Reichsgebiet, aus Österreich und der Tschechoslowakei nach Polen und in die Sowjetunion zu deportieren. Warum es zu dieser folgenschweren Entscheidung kam, ist nicht ganz klar. Vermutlich trafen zwei Dinge zusammen: Zum einen war seit Spätsommer 1941 der Kriegseintritt der Vereinigten Staaten zu erwarten; zum anderen befahl der sowjetische Diktator Stalin in diesen Wochen, die deutsche Minderheit an der Wolga als angebliche "fünfte Kolonne" des deutschen Aggressors nach Sibirien zu deportieren. In beiden Fällen sah Hitler das "Weltjudentum" am Werke, dem er mit Rache und Vergeltung drohte.