Silvester 1916 hoffte der Heidelberger Geschichtsprofessor Karl Hampe auf Frieden. Nach Verdun und den anderen verlustreichen Schlachten des Jahres und angesichts der erkennbaren Erschöpfung aller Kriegsparteien fiel es schwer, sich für 1917 etwas anderes vorzustellen: "Man hält doch, auch wenn man wie ich zunächst die Friedensaussichten sehr gering einschätzt, für sehr wahrscheinlich, dass das kommende Jahr uns dem Frieden zuführen wird." Das sollte in gewisser Weise zutreffen – und auch wieder nicht. Denn 1917 zeichnete sich tatsächlich ein Ende des Krieges im Osten Europas ab. Doch der Krieg war damit noch lange nicht beendet, im Gegenteil: Erst durch den Eintritt der USA am 6. April wurde aus dem europäischen Konflikt endgültig ein Weltkrieg. Das neue Jahr sollte zeigen, wie paradox nah beieinander die Initiativen für einen Frieden und die Ausweitung und Intensivierung des Krieges lagen.

Ein Jahr nach Hampes Ausblick, Ende 1917, konnte sich kaum ein Zeitgenosse des Eindrucks erwehren, dass er Zeuge einer ungeheuren Beschleunigung des Krieges und epochaler politischer Umbrüche geworden war. Der deutsche Diplomat und Kunstmäzen Harry Graf Kessler vermerkte am 31. Dezember 1917 in seinem Tagebuch, das vergangene Jahr habe den "größten Umschwung in der Weltlage gesehen", den in diesem Ausmaß niemand erwartet habe. Mit der "russischen Revolution, dem russischen Frieden und der Einmischung Amerikas in Europa" sei es "eines der denkwürdigen Jahre der Weltgeschichte".

Achtzig Jahre später nennt der französische Historiker Jean-Jacques Becker 1917 l’année impossible, das "unmögliche Jahr". Unmöglich, weil propagierte Kriegsziele und vorhandene Ressourcen immer weiter auseinanderfielen und die Kriegsstaaten immer mehr zu fragilen Erschöpfungs- und Durchhaltegesellschaften mutierten. Die Industrialisierung des Krieges, die militärischen Krisen in den Materialschlachten und die ungeheuren Opferzahlen erzwangen 1917 neue Antworten: im Luftkrieg, in der Ausweitung des U-Boot-Krieges sowie in der Entwicklung moderner Panzer, die auf alliierter Seite zum ersten Mal massenhaft eingesetzt wurden, um den Stellungskrieg zu überwinden.

Dieser Text stammt aus dem Magazin ZEIT Geschichte Nr. 2/17.

Die Abnutzungsstrategien von 1916, die keine Durchbrüche gebracht, aber hohe Opfer verlangt und auf allen Seiten die Erwartung eines baldigen Endes des Krieges verstärkt hatten, wurden 1917 nicht fortgesetzt. Auf deutscher Seite gab die Oberste Heeresleitung (OHL) mit dem Rückzug auf die sogenannte Siegfriedstellung an der Westfront die Doktrin auf, ein einmal erobertes Gebiet unter allen Umständen zu halten. Erich Ludendorff, der kühle Architekt des Krieges und seit Sommer 1916 mit Paul von Hindenburg Chef der OHL, passte sich mit räumlich tief gestaffelten Verteidigungsstellungen, neuen infanteristischen Taktiken und dem Einsatz flexibler Sturmtruppen an die Realität des Schlachtfeldes im Westen an. Dies war nicht mehr der Krieg vom Sommer 1914, sondern der Krieg des 20. Jahrhunderts.

Gleichzeitig suchten beide Seiten nach neuen Allianzen und Verbündeten. So weitete sich der Konflikt 1917 noch einmal aus. Nicht nur die Vereinigten Staaten, auch Griechenland, China oder Brasilien erklärten dem Deutschen Reich den Krieg. Und beide Kriegsparteien versuchten, die alten kontinentaleuropäischen Imperien der jeweils anderen Seite – das Zarenreich, die Habsburgermonarchie und das Osmanische Reich – von innen her zu zersetzen, indem Sezessionsbewegungen oder politische Oppositionsgruppen gefördert wurden. In diese Logik gehört die von den Briten unterstützte Rebellion der Araber gegen die osmanische Herrschaft im Nahen Osten, aber eben auch die vom Deutschen Reich ermöglichte und finanzierte Zugreise Lenins nach Petrograd im Frühjahr 1917.

Zugleich offenbarte dieses Jahr, wie es um den Zusammenhalt der Kriegsgesellschaften im Zeichen der militärischen Krise und der inneren Erschöpfung bestellt war. Unübersehbar wurde die Belastbarkeit der politischen Systeme 1917 auf die Probe gestellt. Die Versorgungskrise spitzte sich zu, und sie konnte jederzeit in eine Vertrauens- und Legitimationskrise umschlagen. Damit stellte sich die Frage nach dem Verhältnis von erbrachten Kriegsopfern und politischen Teilhabeversprechen neu. Es war insofern kein Zufall, dass sich in Deutschland gerade jetzt die Diskussion um das zukünftige Wahlrecht intensivierte. Aufmerksam registrierte Max Weber 1917, dass die in allen Bevölkerungsschichten gemachte Erfahrung, sich für den Krieg aufzuopfern, eine Rückkehr hinter das allgemeine und gleiche Wahlrecht unmöglich mache.

So gesehen wurde politische Gleichberechtigung, anders als von ihren Fürsprechern gedacht, nicht als universell gültiges Menschen- und Bürgerrecht eingeklagt, sondern als Kompensation für den Krieg. Nicht wenige stimmte dies skeptisch. Als sich Ende 1917 der von US-Präsident Woodrow Wilson verkörperte Zusammenhang zwischen Friedensordnung und weltweiter Demokratie abzeichnete, da reagierte etwa Thomas Mann zurückhaltend. Der deutsche Schriftsteller wies auf ein Grundproblem der Friedenssondierungen im Namen der Moral hin: "Wir Menschen sollten uns nicht allzu viel Moral einbilden. Wenn wir zum Weltfrieden [...] gelangen – auf dem Wege der Moral werden wir nicht zu ihm gelangt sein. Scheidemann sagte neulich, die Demokratie werde auf Grund der allgemeinen Erschöpfung reißende Fortschritte machen. Das ist nicht sehr ehrenvoll für die Demokratie – und für die Menschheit auch nicht. Denn die Moral aus Erschöpfung ist keine so recht erbauliche Moral."

Wie brisant die Frage nach der Verteilung der Kriegslasten war, zeigte sich gleich zu Beginn des Jahres 1917 in Frankreich. Hier erwarteten die Soldaten von der großen Offensive an der Westfront im Frühjahr 1917, dass der Krieg durch eine letzte große Anstrengung endlich entschieden werde. Aber als die Nivelle-Offensive unter hohen Verlusten scheiterte, schlugen Enttäuschung und Desillusionierung in offenen Widerstand um. In mehr als 60 französischen Divisionen kam es im Mai und Juni 1917 zu Meutereien. Anders als zuvor schlossen sich in der Heimat Tausende von Arbeitern – vor allem Frauen – an und organisierten Streiks. Es war aber weder radikaler Pazifismus noch sozialistische Infiltration, was die Soldaten und Arbeiter motivierte. Vielmehr forderten sie faire, würdige Bedingungen, um den Krieg gegen den deutschen Angreifer fortzusetzen.

Während sich die französischen Soldaten, Arbeiter und Arbeiterinnen auf die Werte ihrer Republik beriefen, stellten die städtischen Massen in Russland die überkommene Ordnung des Zarenreichs infrage, als sich Anfang 1917 die Kombination aus militärischen Niederlagen und innerer Erschöpfung zuspitzte. Nikolaus II., der im Sommer 1914 für einen Moment noch einmal die Einheit des Zarenreichs symbolisiert hatte, wurde im Februar gestürzt. Das Ende einer jahrhundertealten Monarchie und die Ermordung des Zaren und seiner Familie 17 Monate später mussten auf die Zeitgenossen wie ein Menetekel wirken: Jetzt zeigte sich, welche Sprengkraft der Krieg nach innen entfaltete. Die Mobilisierung aller Ressourcen und die Frage nach der gerechten Lastenverteilung setzten die politischen Systeme unter Druck und legten die Sollbruchstellen offen.