Agentin Morgenrot – Seite 1

Spätabends, 18. August 1905, im Olympia, einer Konzerthalle am Boulevard des Capucines mitten in Paris: Alle Augen der Männer sind auf Mata Hari gerichtet. Die Tänzerin tritt vor ihr Publikum. Auf dem Kopf hat sie jede Menge javanisch inspirierten Schmuck, am Oberkörper trägt sie ein strassbesetztes Bustier und Seidentücher. Um die Hüfte ist, locker und tief, ein bestickter Stoff geknotet.

15. Oktober 1917, frühmorgens, in der Festung von Vincennes wenige Kilometer östlich von Paris: Jeweils ein Auge der Männer ist auf Margaretha Geertruida MacLeod, geborene Zelle, gerichtet. Zwölf Soldaten zielen mit ihren Gewehren auf sie. Die verurteilte Doppelspionin betrachtet ihr Erschießungskommando: Sie hat die Augenbinde verweigert. Auch hat sie darum gebeten, nicht gefesselt zu werden. Daraufhin, so heißt es, habe man ihr den Strick um die Hüfte geknotet – locker und tief.

Margaretha Geertruida Zelle alias Mata Hari wird 1876 als Tochter eines Hutmachers in Leeuwarden, Provinz Friesland, geboren. Sie stirbt in jenem Jahr, in dem der große europäische Krieg endgültig zum Weltkrieg wird. Dazwischen liegen 41 Jahre eines geheimnisvollen Frauenlebens: Mehr als 200 Bücher sind über Mata Hari erschienen – zuletzt ließ Paulo Coelho sie einen fiktiven Brief aus dem Gefängnis an ihren Anwalt schreiben.

Ihre Geschichte wurde Ballett, wurde Musical. Und in fast jedem Jahrzehnt seit ihrem Tod wurde der Plot verfilmt: Die Riege der Mata-Hari-Miminnen reicht von der Schwedin Greta Garbo 1931 bis zur Deutschen Natalia Wörner 2017. Doch war Margaretha Zelle wirklich die skrupellose moderne Femme fatale, als die sie so oft dargestellt wird? Oder sagt ihre Erschießung am Ende mehr über ihre Zeit aus als über ihre tatsächliche Schuld?

Margaretha, in den Quellen ebenso oft Geertruida, Gretha oder Griet genannt, war das Lieblingskind ihres Vaters, und es scheint, als habe sie sich etwas bei ihm abgeschaut: Auch Adam Zelle stapelte gerne hoch. Mitunter war er pleite oder verschwunden oder beides zugleich. Wenn er zu Hause war, stritt er heftig mit seiner Frau – und verwöhnte seine einzige Tochter. Zu ihrem sechsten Geburtstag schenkte er ihr eine Miniaturkutsche, gezogen von Ziegen statt Pferden, aber ansonsten ausstaffiert wie die echten Karossen der Reichen, die durch die Gassen klapperten.

1895, im Alter von 19 Jahren, antwortet Margaretha Zelle auf eine Heiratsannonce. Aufgegeben hat sie Rudolph MacLeod, fast 20 Jahre älter als sie – ein Brite in Diensten des niederländischen Militärs. Sein Dienstort ist das heutige Indonesien. Margaretha, nun: MacLeod, bekommt erst eine Tochter, dann einen Sohn. Um die Jahrhundertwende aber spielt ihr das Schicksal übel mit: Sie ist nicht zu Hause, als ihr Sohn unter mysteriösen Umständen stirbt. Die Ehe scheitert, um die Tochter entbrennt ein Sorgerechtsstreit, den die Mutter verliert.

Dieser Text stammt aus dem Magazin ZEIT Geschichte Nr. 2/17.

Nach neuerer, auf ihren Briefen fußender Lesart liegt in diesem doppelten Verlust der Grund für Margarethas Verwandlung in Mata Hari: Da Rudolph MacLeod sich weigert, ihr Zugang zu ihrem Kind zu gewähren und auch nur einen Gulden zu zahlen, ist sie gezwungen, für ihren Lebensunterhalt selbst aufzukommen. Das ist in einer Zeit, in der Frauen kaum Zugang zu bürgerlichen Berufen haben, nicht leicht.

Margaretha Zelle geht nach Paris, da ist sie 28. Sie versucht es als Aktmodell, dann als Zirkusreiterin. Im Zirkus rät man ihr zum Tanz. 1905 tritt sie erstmals als "Lady MacLeod" auf. Die schöne Dunkelhaarige beschließt, sich für ihre Auftritte von ihrem Aufenthalt in Asien inspirieren zu lassen: Sie rekelt sich in einem selbst gestalteten Kostüm aus Modeschmuck neben einer Art Shiva-Gottheit im Musée Guimet, dem orientalischen Privatmuseum eines Industriellen. Bald verwandelt sich Lady MacLeod in "Mata Hari", malaiisch für Morgenröte. Ihrer Legende nach ist sie halb europäischer, halb indonesischer Herkunft. Egal wie frei erfunden die Biografie, wie wenig authentisch ihr Tempeltanz: Mata Hari trifft den Nerv der Zeit. Alles, was die Menschen für "orientalisch" halten, ist groß in Mode. Etwas Haut zu zeigen ebenso. Mata Hari aber zeigt mehr als nur etwas: Mit langsamen Bewegungen legt sie vor der Gottheit nach und nach Schmuck und Stoff ab, bis sie nur noch ihr Bustier trägt. Untenrum ist sie frei.

Aus Naivität zur Doppelagentin

Paris ist elektrisiert. Die Presse trägt ihren Teil dazu bei, Mata Haris Mut zur Entblößung als "artistique" zu preisen. Bald tritt sie täglich auf; zu ihren verbrieften Bewunderern und Liebhabern zählen hohe Militärs, Politiker, Diplomaten und Financiers wie Baron Rothschild oder der Bankier Félix Xavier Rousseau. Er kauft für sie eine Villa in einem Pariser Vorort und schenkt ihr eine eigene, prächtige Kutsche. Sie tourt durch Europa, die Liste ihrer Affären wird länger und illustrer. Mit der Bekanntheit wächst die Zahl der Damen, die sie erfolgreich nachahmen.

Doch mit der Zeit beginnt Mata Haris Stern zu sinken. Als der Krieg ausbricht, ist sie in Berlin. Angesichts der politischen Ereignisse werden ihre Auftritte dort kurzfristig abgesagt. Die Künstlerin hat jede Menge Kleider dabei, aber keine Ausweise. Gerade noch schafft sie es zurück in die Niederlande.

Trotz des Krieges gelingt es ihr, weiter zwischen europäischen Metropolen zu reisen. Quellen des britischen Geheimdienstes belegen, dass sie daher früh als verdächtig eingestuft wurde, auch weil sie über persönliche Kontakte zu wichtigen Herren in den verfeindeten Ländern verfügte. Genau deshalb interessierte sich auch der deutsche Geheimdienst für sie. Nach eigenen Angaben erreichte Mata Hari das Angebot, zu spionieren und dafür einen beträchtlichen Vorschuss zu erhalten, im Frühsommer 1916 über den deutschen Konsul in den Niederlanden. Es folgte eine Art Briefing durch Elsbeth Schragmüller, die einzige Frau, die damals eine Führungsposition in der deutschen Spionage innehatte.

Dass Mata Hari zusagte, den Deutschen unter dem Decknamen H-21 Informationen zuzuspielen, leugnete sie nie. Aber welche Informationen es waren, ist bis heute nicht klar, auch weil die Akten zu jenem kurzen Prozess, der im Oktober 1917 zu ihrer Hinrichtung führte, erst im Verlauf dieses Jahres zugänglich gemacht werden – nach Ablauf der maximalen Archivfrist von 100 Jahren.

Der Historiker Frédéric Guelton wies bereits 2007 darauf hin, dass Mata Hari vermutlich nie wirklich spionierte. Sie habe vor allem finanzielle Zuwendungen und Reisemöglichkeiten im Auge gehabt und das Risiko unterschätzt. Am Ende soll Mata Hari, die Frau mit den zahllosen Affären, sogar aus Liebe gehandelt haben.

Im August 1916 will sie unbedingt in den französischen Kurort Vittel reisen, um dort einen jungen russischen Offizier namens Vadim Masloff wiederzusehen. Der französische Geheimdienst hat sie längst im Verdacht, für die Deutschen zu arbeiten, und genehmigt gerade deshalb die Reise – unter der Bedingung, dass Mata Hari auch für die Franzosen spioniert und sich nach dem Treffen mit Masloff auf einen deutschen Gesandten in Madrid ansetzen lässt. Mata Hari verkennt die Gefahr und wird aus Naivität zu jener Doppelagentin, der man nach der Festnahme in Paris im Winter 1917 alles Mögliche zur Last legen wird: Rüstungsgeheimnisse der Alliierten soll sie den Deutschen verraten und Informationen weitergegeben haben, die zum Tod von 50.000 französischen Soldaten geführt hätten.

Beweise für die Anschuldigungen gibt es nicht, aber dass man sie formuliert und Mata Hari zur skrupellosen Femme fatale stilisiert, sagt viel über Europa 1917 aus: Die Nerven liegen allerorten blank. Zu lange schon dauert der Krieg, zu verlustreich ist er, besonders in Frankreich.

Die zwölf Kugeln treffen: Margaretha Zelle, Bürgerin der neutralen Niederlande, sackt in sich zusammen. Sie stirbt als Exempel. Zu sehr liebte sie den Luxus in Zeiten kollektiver Entbehrung – zu sorglos übertrat sie die Grenzen zutiefst verfeindeter Nationen.