Feindschaft voraus – Seite 1

Die Russische Revolution im Oktober 1917 weckt weltweit große Erwartungen, aber auch große Befürchtungen. Die einen hoffen auf die völlige Beseitigung gesellschaftlicher Unterdrückung. Die anderen fürchten Chaos und Anarchie. Globalgeschichtlich betrachtet, verleiht die Revolution dem bereits seit dem 19. Jahrhundert immer wieder betonten Ost-West-Gegensatz eine dezidiert ideologische Komponente. Mit ihr weitet sich der bis dahin machtpolitische Konflikt in der Wahrnehmung der Zeit zum ideologischen "Weltbürgerkrieg" – es beginnt das "Jahrhundert der Ideologen".

Welche politische Wucht von Petrograd ausging, zeigte sich unmittelbar nach dem Ende des Ersten Weltkrieges, als sich 1919 unter anderem in Deutschland, Österreich, Ungarn und der Slowakei, aber auch im Iran Räterepubliken nach russischem Vorbild etablierten. In Deutschland entstanden sie infolge der Novemberrevolution im Machtvakuum nach dem Ende der Monarchie und riefen von Beginn an den erbitterten Widerstand ihrer konservativen Gegner hervor.

In München etwa ermordete ein völkisch-nationaler Attentäter am 21. Februar 1919, drei Monate nach Ausrufung eines bayerischen Freistaats, den von einem Arbeiter-, Bauern- und Soldatenrat zum Ministerpräsidenten gewählten USPD-Politiker Kurt Eisner. Danach bildeten Kommunisten, Anarchisten und Pazifisten eine Räteregierung, die am 2. Mai 1919 durch antikommunistische "Weiße Truppen", also von der Reichsregierung unterstützte rechte Freikorpsverbände, gestürzt wurde. Das Führungspersonal der Räterepublik wurde entweder ermordet oder zu langjährigen Haftstrafen verurteilt. In der Wahrnehmung der Antibolschewisten erschien Bayern nun als "Ordnungszelle" und Vorbild für Deutschland: Hier seien Revolution, Räterepublik und Chaos erfolgreich abgewehrt worden, ein Kampf, der im übrigen Reich fortgeführt werden müsse. Nicht zufällig entstand zum selben Zeitpunkt in München der Vorläufer der NSDAP.

Dieser Text stammt aus dem Magazin ZEIT Geschichte Nr. 2/17.

Auch in den USA löste das bolschewistische Russland jetzt Deutschland als bevorzugtes Feindbild ab. Die "Diktatur des Proletariats" galt als Gegenbild zur amerikanischen Demokratie. Für die Zeit des Krieges war mit Mühe ein innenpolitischer Burgfrieden erreicht worden: Die Gewerkschaften trugen den Krieg weitgehend mit, pazifistische Gruppen wurden zurückgedrängt. Nach 1918 jedoch zerbrach dieser gesellschaftliche Konsens, der Umsturz von links schien möglich. Die wichtigste Arbeitnehmervertretung, die mächtige American Federation of Labor, rief zu Streiks auf, da die Steuererhöhungen während des Krieges gerade die unteren und mittleren Einkommensschichten stark belastet hatten. "Red Scare" wurde zum Schlagwort für die Jahre bis 1920, als eine Streikwelle, Rassenunruhen und Bombenanschläge anarchistischer Gruppen hysterische Reaktionen auslösten und Tausende von tatsächlichen oder vermeintlichen Kommunisten verhaftet wurden.

Ein von Präsident Woodrow Wilson 1920 abgezeichnetes Memorandum beschrieb die Oktoberrevolution als die "Negation aller Prinzipien von Ehre und gutem Glauben", und auch sein Friedensplan für die Beendigung des Weltkriegs, die "14 Punkte" vom Januar 1918, lassen sich bereits als Konzept gegen die Bolschewiki deuten.

Wilsons Nachfolger übernahmen diese Sichtweise. Parteiübergreifend vertraten die US-Präsidenten die Ansicht, dass die Bolschewiki – wie alle Regierungen, denen die Legitimation demokratischer Wahlen fehlte – nicht den Willen der Bevölkerung spiegelten und damit im Grunde genommen schwach seien. Dahinter stand die in der US-Geschichte tief verwurzelte und in der Amerikanischen Revolution intensiv diskutierte Idee, dass sich die Menschen früher oder später gegen Despoten erheben würden. Washington verweigerte den Bolschewiki bis 1933 nicht nur jede diplomatische Anerkennung, die US-Regierung schickte auch Truppen in den bis 1921 andauernden Russischen Bürgerkrieg, um auf der Seite der antikommunistischen "Weißen" zu kämpfen. Schon 1918 landeten 35.000 US-Soldaten in Wladiwostok; auch britische, japanische und tschechoslowakische Einheiten beteiligten sich aufseiten der "Weißen" am Bürgerkrieg.

Zur selben Zeit begannen westliche Geheimdienstoperationen gegen die Bolschewiki. Britische Nachrichtendienste standen 1918 hinter einer Reihe von Attentaten und Putschversuchen. Am bekanntesten wurde das sogenannte Lettische Komplott, bei dem das britische Außenministerium und der Geheimdienst MI 6 im August 1918 den Versuch unternahmen, mithilfe ihrer lettischen Wachmannschaften die Revolutionsführer Lenin und Trotzki zu ermorden.

Einen kaum zu überschätzenden Einfluss auf das Bild der UdSSR in den USA und darüber hinaus hatte seit ihrer Einrichtung im Jahr 1922 die amerikanische Gesandtschaft in Riga, die regelmäßig über die Sowjetunion berichtete. Seit 1931 arbeitete hier George F. Kennan als Botschaftssekretär, dessen Meldungen nach dem Zweiten Weltkrieg zur Grundlage der "Eindämmungspolitik" werden sollten. Kennan hielt die Kommunisten im Kreml für ebenso expansiv wie die Zaren, die für die USA spätestens seit der Präsidentschaft James Monroes von 1817 bis 1825 als zentrale Bedrohung gegolten hatten. Die Sowjetunion hatte in Kennans Augen das imperiale Erbe des ehemals zur Heiligen Allianz gehörenden Zarenreiches angetreten.

Antikommunistische Grundstimmung

Die amerikanischen Sorgen wurden auch nicht dadurch abgemildert, dass die sowjetische Regierung seit Beginn der zwanziger Jahre zwischen revolutionärem Anspruch und pragmatischer Diplomatie lavierte. Moskau bemühte sich in dieser Zeit um Kontakt zu den europäischen Mächten. Während die Annäherungsversuche mit London und Paris misslangen, konnte die russische Führung 1922 mit Deutschland den Vertrag von Rapallo schließen. Das Abkommen sah die Aufnahme diplomatischer Beziehungen vor und führte schließlich sogar zur geheimen Zusammenarbeit zwischen Roter Armee und Schwarzer Reichswehr – illegalen militärischen Einheiten, die in der Weimarer Republik unter Umgehung des Versailler Vertrages entstanden waren.

Aber nicht nur die Kooperation zwischen den beiden großen Außenseitern der Zwischenkriegszeit verstärkte die Distanz der übrigen Mächte gegenüber der Sowjetunion. Zum tiefen Misstrauen gegenüber Moskau trug auch die von Lenins Nachfolger Stalin öffentlich immer wieder betonte sowjetische Vorreiterrolle für die Weltrevolution bei. Denn parallel zu den Versuchen, die Beziehungen zu Europa zu normalisieren, machte der sowjetische Diktator auch in den zwanziger Jahren unmissverständlich deutlich, dass die UdSSR alles tun werde, um die "gesetzmäßigen Widersprüche des Kapitalismus" zu ihren Gunsten zu verstärken, also die Weltrevolution voranzutreiben.

Zur Strategie der 1919 gegründeten Kommunistischen Internationale (Komintern) gehörte es unter anderem, Streiks in westlichen Staaten zu unterstützen. Für die englischen Bergleute etwa, die am 1. Mai 1926 in einen langen Ausstand traten, organisierte die Komintern eine umfangreiche Spendensammlung, was in der britischen Regierung für große Verärgerung sorgte.

Auch in den dreißiger Jahren blieb die antikommunistische Grundstimmung in den Vereinigten Staaten virulent, obwohl sich seit der Weltwirtschaftskrise von 1929 einige bedeutende Intellektuelle wie Ernest Hemingway für sozialistische Ideen begeisterten. In der antikommunistischen Denktradition lag begründet, dass die Innen- und Wirtschaftspolitik, die US-Präsident Franklin D. Roosevelt 1933 als "New Deal" ankündigte, von seinen Gegnern zeitweilig erfolgreich als kommunistisch diffamiert werden konnte. Während Roosevelt im Nationalsozialismus die größere Gefahr sah, wandten amerikanische Gerichte die Bestimmungen des Smith Act – eines 1940 geschaffenen Gesetzes, das die Anstiftung zum Sturz der Regierung unter Strafe stellte – häufiger gegen "Kommunisten" als gegen NS-Sympathisanten in den USA an. Tatsächlich hielt das 1941 geschlossene Bündnis zwischen den USA und der Sowjetunion, zwischen Demokratie und Diktatur, auch nur bis zur Kapitulation Deutschlands 1945. Es mündete unmittelbar in den Kalten Krieg – die Schlussrunde des Konfliktes der Ideologien.

Nachdem sich die großen Sieger des Zweiten Weltkriegs nicht über eine gemeinsame Nachkriegsordnung einigen konnten, standen sie sich in bis an die Zähne atomar bewaffneten "Blöcken" gegenüber – die allerdings aus genau diesem Grund auch keinen "heißen" Weltkrieg gegeneinander führten. Stattdessen wurde die Auseinandersetzung zwischen den beiden konkurrierenden Gesellschaftsentwürfen – staatssozialistische "Volksdemokratie" gegen liberal-kapitalistische parlamentarische Demokratie – in einem permanenten "Nichtfrieden" auf Ersatzfeldern ausgefochten: politisch-ideologisch, ökonomisch, technologisch-wissenschaftlich, sozial und kulturell. Auswirkungen zeigten sich bis in den Alltag. Nur in der Dritten Welt kam es auch zu konventionellen "kleinen Kriegen", die tatsächlich Millionen von Toten hinterließen. Gemessen an der Zahl der Toten im Verhältnis zur Einwohnerzahl, wurde dabei Kambodscha zum größten Opfer des Kalten Krieges.

Der Kalte Krieg endete schließlich 1991 mit der Auflösung der Sowjetunion. Lenins idealistische Vorstellung von der UdSSR als ideologischem Wegbereiter der "Weltrevolution", so lautet eine der Thesen zu den Ursachen des Untergangs, sei niemals zu erfüllen gewesen. Stalin habe daher auf Gewalt gesetzt und damit die Widerstände hervorgerufen, die zum Zerfall der UdSSR führten. Andere meinen, die Sowjetunion sei durch die ungleich größere wirtschaftliche Macht des Westens "totgerüstet" worden. Eine dritte Erklärung sieht in dem durch den Westen forcierten "Wandel durch Annäherung" den Grund dafür, dass sich die UdSSR von innen aufgelöst habe. Die Verknüpfung aller drei Thesen kommt der historischen Wahrheit wahrscheinlich am nächsten.

Die Sowjetunion und mit ihr der Ostblock standen in den achtziger Jahren innen- wie außenpolitisch vor enormen Herausforderungen. Die Versprechen der Oktoberrevolution waren schon lange verblasst oder widerlegt. Zu den Verstärkern der Krise gehörten neben dem Druck aus dem Ausland insbesondere die wachsenden Konsumansprüche der Bevölkerung, forciert durch die westlichen Medien. Mit diesen Ansprüchen verband sich schließlich die Forderung nach mehr persönlicher Freiheit und politischer Selbstbestimmung.

Wenn man so will, endete im Jahr 1991 mit dem Untergang der Sowjetunion das in der historischen Forschung so bezeichnete "kurze 20. Jahrhundert", das 1917 begonnen hatte. Der mit der russischen Oktoberrevolution entstandene Ost-West-Konflikt war Geschichte.

Weiterlesen: Bernd Stöver: "Der Kalte Krieg. Geschichte eines radikalen Zeitalters 1947–1991". C.H. Beck Paperback, München 2017.