Die amerikanischen Sorgen wurden auch nicht dadurch abgemildert, dass die sowjetische Regierung seit Beginn der zwanziger Jahre zwischen revolutionärem Anspruch und pragmatischer Diplomatie lavierte. Moskau bemühte sich in dieser Zeit um Kontakt zu den europäischen Mächten. Während die Annäherungsversuche mit London und Paris misslangen, konnte die russische Führung 1922 mit Deutschland den Vertrag von Rapallo schließen. Das Abkommen sah die Aufnahme diplomatischer Beziehungen vor und führte schließlich sogar zur geheimen Zusammenarbeit zwischen Roter Armee und Schwarzer Reichswehr – illegalen militärischen Einheiten, die in der Weimarer Republik unter Umgehung des Versailler Vertrages entstanden waren.

Aber nicht nur die Kooperation zwischen den beiden großen Außenseitern der Zwischenkriegszeit verstärkte die Distanz der übrigen Mächte gegenüber der Sowjetunion. Zum tiefen Misstrauen gegenüber Moskau trug auch die von Lenins Nachfolger Stalin öffentlich immer wieder betonte sowjetische Vorreiterrolle für die Weltrevolution bei. Denn parallel zu den Versuchen, die Beziehungen zu Europa zu normalisieren, machte der sowjetische Diktator auch in den zwanziger Jahren unmissverständlich deutlich, dass die UdSSR alles tun werde, um die "gesetzmäßigen Widersprüche des Kapitalismus" zu ihren Gunsten zu verstärken, also die Weltrevolution voranzutreiben.

Zur Strategie der 1919 gegründeten Kommunistischen Internationale (Komintern) gehörte es unter anderem, Streiks in westlichen Staaten zu unterstützen. Für die englischen Bergleute etwa, die am 1. Mai 1926 in einen langen Ausstand traten, organisierte die Komintern eine umfangreiche Spendensammlung, was in der britischen Regierung für große Verärgerung sorgte.

Auch in den dreißiger Jahren blieb die antikommunistische Grundstimmung in den Vereinigten Staaten virulent, obwohl sich seit der Weltwirtschaftskrise von 1929 einige bedeutende Intellektuelle wie Ernest Hemingway für sozialistische Ideen begeisterten. In der antikommunistischen Denktradition lag begründet, dass die Innen- und Wirtschaftspolitik, die US-Präsident Franklin D. Roosevelt 1933 als "New Deal" ankündigte, von seinen Gegnern zeitweilig erfolgreich als kommunistisch diffamiert werden konnte. Während Roosevelt im Nationalsozialismus die größere Gefahr sah, wandten amerikanische Gerichte die Bestimmungen des Smith Act – eines 1940 geschaffenen Gesetzes, das die Anstiftung zum Sturz der Regierung unter Strafe stellte – häufiger gegen "Kommunisten" als gegen NS-Sympathisanten in den USA an. Tatsächlich hielt das 1941 geschlossene Bündnis zwischen den USA und der Sowjetunion, zwischen Demokratie und Diktatur, auch nur bis zur Kapitulation Deutschlands 1945. Es mündete unmittelbar in den Kalten Krieg – die Schlussrunde des Konfliktes der Ideologien.

Nachdem sich die großen Sieger des Zweiten Weltkriegs nicht über eine gemeinsame Nachkriegsordnung einigen konnten, standen sie sich in bis an die Zähne atomar bewaffneten "Blöcken" gegenüber – die allerdings aus genau diesem Grund auch keinen "heißen" Weltkrieg gegeneinander führten. Stattdessen wurde die Auseinandersetzung zwischen den beiden konkurrierenden Gesellschaftsentwürfen – staatssozialistische "Volksdemokratie" gegen liberal-kapitalistische parlamentarische Demokratie – in einem permanenten "Nichtfrieden" auf Ersatzfeldern ausgefochten: politisch-ideologisch, ökonomisch, technologisch-wissenschaftlich, sozial und kulturell. Auswirkungen zeigten sich bis in den Alltag. Nur in der Dritten Welt kam es auch zu konventionellen "kleinen Kriegen", die tatsächlich Millionen von Toten hinterließen. Gemessen an der Zahl der Toten im Verhältnis zur Einwohnerzahl, wurde dabei Kambodscha zum größten Opfer des Kalten Krieges.

Der Kalte Krieg endete schließlich 1991 mit der Auflösung der Sowjetunion. Lenins idealistische Vorstellung von der UdSSR als ideologischem Wegbereiter der "Weltrevolution", so lautet eine der Thesen zu den Ursachen des Untergangs, sei niemals zu erfüllen gewesen. Stalin habe daher auf Gewalt gesetzt und damit die Widerstände hervorgerufen, die zum Zerfall der UdSSR führten. Andere meinen, die Sowjetunion sei durch die ungleich größere wirtschaftliche Macht des Westens "totgerüstet" worden. Eine dritte Erklärung sieht in dem durch den Westen forcierten "Wandel durch Annäherung" den Grund dafür, dass sich die UdSSR von innen aufgelöst habe. Die Verknüpfung aller drei Thesen kommt der historischen Wahrheit wahrscheinlich am nächsten.

Die Sowjetunion und mit ihr der Ostblock standen in den achtziger Jahren innen- wie außenpolitisch vor enormen Herausforderungen. Die Versprechen der Oktoberrevolution waren schon lange verblasst oder widerlegt. Zu den Verstärkern der Krise gehörten neben dem Druck aus dem Ausland insbesondere die wachsenden Konsumansprüche der Bevölkerung, forciert durch die westlichen Medien. Mit diesen Ansprüchen verband sich schließlich die Forderung nach mehr persönlicher Freiheit und politischer Selbstbestimmung.

Wenn man so will, endete im Jahr 1991 mit dem Untergang der Sowjetunion das in der historischen Forschung so bezeichnete "kurze 20. Jahrhundert", das 1917 begonnen hatte. Der mit der russischen Oktoberrevolution entstandene Ost-West-Konflikt war Geschichte.

Weiterlesen: Bernd Stöver: "Der Kalte Krieg. Geschichte eines radikalen Zeitalters 1947–1991". C.H. Beck Paperback, München 2017.