Ende Februar 1917 trat ein, worauf Lenin mit unermüdlicher Energie hingearbeitet hatte: Am Ende tagelanger Demonstrationen in Petrograd musste der Zar abdanken. Gesiegt hatte ein Bündnis aus notgetriebenen Arbeitern, Garnisonssoldaten und liberalen Deputierten im Parlament, der Duma, die es seit 1905 gab. Hinzu kamen, als entscheidender Faktor, die Frontgenerale: Sie trauten der Monarchie die Kraft für einen Sieg nicht mehr zu. Es triumphierten die oppositionellen Parteien, die nun zu den wichtigsten Akteuren aufstiegen. Zum Leidwesen Lenins taten sich dabei vor allem seine menschewistischen Rivalen hervor, die gemeinsam mit den Sozialrevolutionären den wiedergegründeten Arbeiter- und Soldatenrat dominierten, und die Duma-Liberalen, die auch die Provisorische Regierung stellten. Die Bolschewiki spielten vorerst keine Rolle; sie beschränkten sich darauf, die neue Machtverteilung zu unterstützen.

Dies änderte sich umgehend im April 1917 mit Lenins Rückkehr aus der Schweiz durch Deutschland im verplombten Waggon. Seine "Aprilthesen" schlugen in Petrograd ein wie ein Blitz, sie warfen die Politik der Bolschewiki über den Haufen: Lenin rief dazu auf, die soeben installierte erste demokratische Regierung Russlands nicht mehr zu tolerieren, sondern sie zu stürzen. Der Rückkehrer brauchte einige Wochen, um seine Partei auf diesen neuen Kurs zu zwingen. Dann aber spielte ihm die innere und äußere Krise Russlands in die Hände: die wirtschaftliche Katastrophe samt Arbeitslosigkeit und Versorgungsnot; der Versuch einer neuen militärischen Offensive in Galizien, der die Garnisonssoldaten empörte, weil sie fürchteten, an die Front geschickt zu werden – und die Gefahr eines konterrevolutionären Militärputsches.

Erst im Rückblick zeigt sich das taktische Genie Lenins: Er erkannte den richtigen Moment, als er die Genossen im Herbst 1917 ultimativ aufrief, die Macht zu ergreifen. Trotz aller Drohungen – gipfelnd in der Ankündigung, aus der Partei auszutreten und ohne sie für die Revolution zu agitieren – brauchte er abermals einige Wochen, bis das Zentralkomitee zustimmte. Der Staatsstreich, auf den die Machtergreifung der Bolschewiki am 25. und 26. Oktober hinauslief, war politisch und strategisch sein Werk; auch wenn Leo Trotzki bei den konkreten Vorbereitungen das Sagen hatte.

Lenin verteidigte seine Taktik auch danach: Er widersetzte sich gleich nach dem Coup mit Erfolg dem Druck, eine Regierung aus allen revolutionären Sowjetparteien zu bilden, wie es in der Logik des Geschehens gelegen hätte. Im März 1918 boxte er mit der knappsten denkbaren Mehrheit den für Russland schmerzhaften Separatfrieden von Brest-Litowsk durch und akzeptierte, dass Russland die Ukraine abtreten musste – er hatte erkannt, dass sein Regime äußere Ruhe brauchte, um sich im Innern zu behaupten. Im folgenden russischen Bürgerkrieg befahl Lenin kompromisslose Härte gegen alle Gegner und ließ seiner politischen Polizei, der Tscheka, freie Hand. Auf grausame Weise ging sie gegen Bauern vor, die auf der gegnerischen Seite der "Weißen" als Partisanen kämpften.

Zugleich schmiedete Lenin ein Bündnis mit nationalen Befreiungsbewegungen im Osten des Reiches, denen er Selbstbestimmung und Freiheit versprach. Er setzte so die Gründung der Sowjetunion durch, eines Staates, der zumindest formal eine freiwillige Föderation war und zur Weltmacht aufstieg.