Niccolò di Bernardo Machiavelli ist verstimmt. Er ärgert sich darüber, wie es in der italienischen Politik zugeht. Dort herrschen, so ist er überzeugt, katastrophale Zustände und unfähige Politiker: Fürsten und republikanische Amtsträger, die feige sind und nur an ihren eigenen Nutzen denken, die ihre Pflichten völlig vernachlässigen – und damit Italien fremden Mächten ausliefern.

Doch er, Machiavelli, hat das nicht nur durchschaut. Er hat auch einen Plan, wie die Misere überwunden werden kann: Um gegen die pflichtvergessenen Fürsten vorzugehen und Italien wieder mächtig zu machen, müsse man sich auf die vermeintlich bessere Vergangenheit und eine rigide Staatsräson berufen und hart durchgreifen. Nicht zögern, sondern machen. Entschlossene militärische Interventionen statt langwieriger diplomatischer Prozeduren: warum dafür nicht einen Notstand konstruieren, der außergesetzliches Handeln erforderlich macht? Und wenn man ohnehin dabei ist, das Volk zu täuschen, könnte man auch gleich Verträge brechen, die nutzlos geworden sind.

Diese Analysen, die Machiavelli im 15. Jahrhundert vornimmt, die Maßnahmen, die er vorschlägt, wirken radikal und vor allem bestechend einfach. Der Florentiner Philosoph und Politiker ist ein hochgemuter Verkünder simpler politischer Erfolgsrezepte – dieser Eindruck drängt sich bei der Lektüre seiner Werke Discorsi und Der Fürst geradezu auf. Mit solch einfachen Lösungen für komplexe Probleme und seinen schroffen Entweder-oder-Formeln ist er aktueller denn je. Ähnlich wie Machiavelli denken und handeln heute viele Populisten, links wie rechts. Sie alle schelten die herrschende Klasse und loben die einfachen Leute – so wie er. Sie zeichnen die politische Lage in den düstersten Farben und präsentieren sich als Erlöser, die simple Rezepte für die selbst ausgemachten Probleme parat haben.

Ist Machiavelli, der selbst ernannte Meister im Durchschlagen gordischer Knoten, also ein früher Vorläufer der heutigen Populisten? Ist er gar, mit seinem Verständnis von Lüge und Wahrheit, der Ahnherr aller aktuellen Fake-News, der Vordenker des "postfaktischen" Zeitalters?

Populist ist er zumindest in der etymologischen Bedeutung des Worts: Das Volk, lateinisch populus, hat seiner Auffassung nach ein feineres Gespür für gute Politik als die herrschende Elite. Vorausgesetzt, es wird vor seiner Entscheidungsfindung von einem Insider wie Machiavelli über die jeweiligen Interessenlagen aufgeklärt.

Dieser Text stammt aus dem Magazin ZEIT Geschichte Nr. 3/17.

Und tatsächlich hätte Machiavelli selbst auch keinerlei Skrupel gezeigt, sich als Mentor der politischen Lüge zu begreifen. Erfolgreiche Politik beruht für ihn schließlich auf kunstvollem Betrug. Ja, erst eine virtuose Täuschung vermag die Ressourcen des Menschen restlos auszuschöpfen. Deren höchste Perfektionierung ist für Machiavelli die Religion und ihre Handhabung. Zum Beleg führt er das Beispiel eines erfolgreichen römischen Feldherrn an, der vor der Schlacht von einem negativen Orakel der Priester erfährt. Würde es bekannt, wäre die Kampfmoral der Legionäre geschwächt und der Sieg infrage gestellt. Der kluge Feldherr manipuliert deshalb flugs das "Gottesurteil", sodass seine Soldaten in der Gewissheit, die höheren Mächte auf ihrer Seite zu haben, den Feind vernichten.

Doch der Glaube an die Unterstützung der Götter und an ein Jenseits, das den gefallenen Patrioten belohnt, ist nicht die einzige für den Staat segensreiche Täuschung, derer sich der kluge Politiker zu bedienen wissen sollte. Der vollendete Fürst, so fordert Machiavelli, muss noch viel weiter gehen und sich je nach Situation und Stimmungslage seines Volkes verstellen: Mal muss er sich martialisch aufspielen, mal pazifistisch einlenken, mal als liebender Landesvater auftreten, mal als strenger Zwingherr zu Disziplin und Verzicht mahnen. Er muss – so lautet Machiavellis berühmt-berüchtigte Formel – Fuchs und Löwe zugleich sein können. Mit anderen Worten: Sein ist nichts, Schein ist alles.

Der heilsame Betrug

Die edle Kunst der Fälschung ist für Machiavelli auch in der Geschichtsschreibung erlaubt, ja vonnöten. Seine historischen Texte strotzen daher nur so vor frei erfundenen Behauptungen. So will er den Leser seiner Florentinischen Geschichte glauben machen, dass in der für Florenz siegreichen Schlacht von Anghiari im Jahr 1440 nur ein einziger Krieger zu Tode gekommen sei, und zwar bei einem selbst verschuldeten Sturz. Die Gefallenenlisten in Mailand und Florenz sprechen eine andere Sprache. Im selben Stil macht er den lucchesischen Stadtherrn Castruccio Castracani in seiner Romanbiografie zu einem Findelkind à la Moses – ebenfalls eine Lüge, der Autor wusste es besser.

Damit scheint ein halbes Jahrtausend vor dem amerikanischen Wahlkampf 2016 schon alles gesagt: Politik ist die Kunst der Verstellung, der Erfolg rechtfertigt die Mittel. Doch bei diesem Rückschluss ist Vorsicht und ein genauerer Blick in die Texte geboten. Auch wenn sie beim ersten Lesen eindeutig erscheinen, so steckt mehr in ihnen. Seine Schlacht-Karikatur etwa versteht Machiavelli als Satire auf die humanistische Verherrlichungsrhetorik; er verspottet die Intellektuellen seiner Zeit, die mit narzisstischer Gekränktheit auf seine Anwürfe reagieren.

Machiavelli sieht in seiner Fälschung geradezu eine Richtigstellung der Geschichte: Hinter der bewussten Irreführung des Publikums im Kleinen verbirgt sich eine Wahrheit im Großen. Im Fall der Anghiari-Schlacht lautet sie: Italien hat die Kriegskunst verlernt, ein Krieg mit Söldnern ruiniert die Politik und damit das ganze Land. Und am Beispiel Castracanis soll deutlich werden: Der vollendete Staatsmann verdankt alles seiner Staatskunst, nichts seiner Herkunft oder gar seinem fördernden Umfeld.

Die Kunst des Betrugs, wie sie der von Machiavelli erzogene Fürst und der republikanische Politiker gleichermaßen beherrschen müssen, und die zielgerichtete Verdrehung historischer Fakten stehen also im Dienst einer höheren Wahrheit. Durch heilsamen Betrug allein verwandelt sich das egoistische Naturwesen Mensch in einen funktionierenden Staatsbürger, der sich klaglos für das Gemeinwohl einsetzt und aufopfert. Moralisch besser wird dieser dadurch nicht, er hat nur seinen Egotrieb auf "seinen" Staat übertragen. Von jetzt an bekämpfen sich nicht mehr Individuen, sondern Gemeinwesen; Krieg ist für Machiavelli das unumstößliche Grundgesetz der Politik.

So fällt die Antwort auf die oben gestellte Frage zwiespältig aus: Ja, Machiavelli könnte als Urvater aller Fake-News gelten, denn er erlaubt Betrug in der Politik nicht nur, er gebietet ihn geradezu. Doch diese Täuschung ist bei ihm nicht Selbstzweck, sie bleibt an höhere Ziele gebunden. Und dieser höchste Zweck ist die militärische Expansion und damit heute zu Recht verpönt. Ein politischer Theoretiker des 16. Jahrhunderts taugt eben nur bedingt als Beispiel für die Gegenwart; er denkt und schreibt in einer anderen Zeit mit deren anderen Werten und Mentalitäten.