"Lügenpresse, Lügenpresse!" Seit Oktober 2014 schallt dieser Ruf durch Deutschland. Anfang 2015 wurde der Begriff zum Unwort des Jahres erklärt. Die Initiatoren der Aktion begründeten ihre Auswahl wie folgt: "Bei 'Lügenpresse' handelt es sich um einen nationalsozialistisch vorbelasteten Begriff, der im Zuge der Pegida-Bewegung gezielt Verwendung findet, dabei jedoch nicht vollständig reflektiert wird." Man hätte hinzufügen können, dass in Neonazi-Kreisen bereits seit Anfang 2000 von der "Lügenpresse" schwadroniert wird und die Pegida-Bewegung wie nachher die AfD den Begriff von der rechtsextremen NPD übernommen hat. Es stimmt allerdings auch, wie Kritiker der Unwort-Entscheidung monierten, dass das Gerede von der "Lügenpresse" nicht auf eine rechtsradikale Schöpfung reduziert werden kann.

Erstmals ist im 19. Jahrhundert von einer "Lügenpresse" die Rede. Vor allem nach der Märzrevolution 1848 greifen konservative und katholische Kreise mit dem Begriff die liberale Presse an. Im Ersten Weltkrieg nutzen nationalistische Intellektuelle und Journalisten im Deutschen Reich das Wort, um die von der Entente erhobenen Kriegsverbrecher-Vorwürfe nach dem Überfall auf Belgien abzuwehren. Zur Zeit der Weimarer Republik bezeichnen gelegentlich Kommunisten bürgerliche Zeitungen als "Lügenpresse", und die DDR betreibt mit dem Schlagwort Propaganda gegen den kapitalistischen Westen. Was aber drückt es heute aus? Die "Mitte"-Studie der Universität Leipzig kam 2016 zu einem erschreckenden Befund. In einer repräsentativen Umfrage bejahten demnach 34 Prozent der Befragten die Aussage, dass die meisten Menschen nicht erkennen, "in welchem Ausmaß unser Leben durch Verschwörungen bestimmt wird, die im Geheimen ausgeheckt werden". Wer "Lügenpresse" ruft, identifiziert diese Verschwörung mit einem weitreichenden Medienkomplott. Der Begriff drückt in seiner zugespitzten Form nicht den Verdacht aus, bestimmte Medien würden ab und an einer Lüge aufsitzen oder diese absichtlich verbreiten. Er meint vielmehr, dass die Medien in ihrer Gesamtheit die Bevölkerung gegen deren Interessen zu manipulieren versuchen.

Wie der Historiker John David Seidler in seiner Studie Die Verschwörung der Massenmedien zeigt, geht diese Vorstellung dem Schlagwort der "Lügenpresse" historisch voraus. Die Genealogie der modernen Verschwörungstheorie kann deshalb dem jetzigen Gebrauch des Begriffs eine Kontur verleihen, die er durch seine eigene verworrene Geschichte zwischen rechter und linker Aneignung nie hatte.

Die Geschichte des vermeintlichen Medienkomplotts beginnt mit der Aufklärung und der modernen Auffassung, dass sich das Böse – oder was man dafür hält – nicht metaphysisch und religiös erklären lässt. Der Teufel und seine Handlanger, die Hexen, die man im Mittelalter als Verschwörer gegen die Ordnung verfolgte, sind abgetreten. An ihren Platz treten aus der Sicht konservativer Kreise die Freimaurer. Sie verhexen mit ihren Gedanken die Welt.

Mit der Aufklärung entwickeln sich nun explosionsartig neue Medien, die ein rasant wachsendes Lesepublikum versorgen. Journale, Pamphlete, Broschüren, Bücher überschwemmen den Markt. Was, wenn die Freimaurer aus ihren Geheimlogen heraus diese Medien kontrollieren? Beherrschen sie dann nicht schon bald die ganze Welt?

Diesen Verdacht spricht in Deutschland als Erster 1786 Ernst August von Göchhausen aus, in einer Schrift mit dem bezeichnenden Titel Enthüllung des Systems der Weltbürger-Republik. Von Göchhausen legt einem Meister der Freimaurer die Worte in den Mund: "Im Reich der Wissenschaft und Literatur geben wir den Ton an [...], folglich haben wir die besten Köpfe jedes Volkes [...] in unsrer Gewalt, ohne dass sie es wissen." Damit kommt eine umfassende Strippenzieher-Theorie in Umlauf, die bereits den Kern der modernen Medienverschwörungstheorie enthält: Es reicht für den Griff nach der Macht, "kulturelle Hegemonie" zu erringen, wie man heute mit Antonio Gramsci sagen würde, die Herrschaft also im Reich der Gedanken. Und die Medien sind dafür das Einfallstor. Das Beste ist: Die Beeinflussung verläuft so subtil, dass die Beherrschten nicht einmal merken, in wessen Auftrag sie handeln. Es sei denn, ein Sehender enthüllt den ganzen Hokuspokus.

Genau dies wird 1797 in den anonym publizierten Nachrichten von einem großen aber unsichtbaren Bunde gegen die christliche Religion und die monarchischen Staaten versucht. Dem Autor zufolge geben die Freimaurer nicht nur in den Medien den Ton an, sondern verhindern auch alle anderen Meinungen. Die Verschwörer würden "alle Schriften für das Christenthum und die herkömmlichen Staatsverfassungen zu unterdrücken, oder ausser Kurs zu setzen wissen, die Preßfreyheit nur für sich und ihre Meynungen geltend zu machen suchen, allen übrigen ehrlichen Leuten aber auf eine hinterlistige Art rauben, und somit einen [...] höchst gefährlichen Despotismus über das Publicum ausüben".

Dieser Text stammt aus dem Magazin ZEIT Geschichte Nr. 3/17.

Diese Geheimbund-Erzählung ist dem Historiker Klaus Epstein zufolge keine Fantasie abseitiger Spinner, sondern "eine der auffälligsten konservativen Erscheinungen im letzten Jahrzehnt des 18. Jahrhunderts." Man schenkt ihr Glauben, weil sie, wie es meistens bei Verschwörungstheorien der Fall ist, einige Wirklichkeitspartikel enthält.

Aufschlussreich ist die Geschichte des Illuminaten-Ordens: 1776 vom Ingolstädter Professor Johann Adam Weishaupt gegründet, gehören ihm Aufklärer wie Heinrich Pestalozzi und Freiherr Adolph von Knigge an, aber auch Mitglieder des Hochadels und des Militärs. Weishaupt träumt von einer neuen "Weltordnung", der Novus ordo saeclorum, in der die Aufklärung triumphiert. Um das Ziel zu erreichen, sollen die Ordensbrüder auf Akademien, Buchdruckereien, Buchläden und Militärschulen Einfluss nehmen. Zwischenzeitlich gelingt es, die bayerische Zensurbehörde zu unterwandern, ansonsten ist der Erfolg mäßig. Der Orden ist nur in einigen Regionen Deutschlands "tätig"; 1785 wird er offiziell aufgelöst und verboten. Was aber die Konservativen nicht daran hindert, die Geschichte weiterzuspinnen: Der Orden sei in den Untergrund gegangen und greife nun umso wirkungsvoller und perfider mit seinem Konzept der Medienmanipulation nach der Weltmacht.

Die Suche nach dem Sündenbock

Um das umstürzlerische Medienkomplott zu bekämpfen, gründen die Konservativen alternative Zeitungen und fantasieren sich in eine Art Gegenöffentlichkeit hinein. Die Zeitschrift Eudämonia oder Deutsches Volksglück, in der die Erstbelege für die Begriffe "Nationalismus" und "Vaterlandsverräter" zu finden sind, tut sich besonders hervor. Die Revolution in Frankreich, heißt es 1795 in der ersten Ausgabe, sei durch Angriffe von Schriftstellern auf Thron und Altar verursacht worden. Das sei auch, was diesseits des Rheins geschehen könnte. "Sollte es da nicht wenigstens den Anders-Denkenden erlaubt seyn, auch ihre Meinung über Gegenstände zu sagen, von welchen das Wohl oder Wehe von Deutschland abhängt?" Die Gedankenfigur hat seither Karriere gemacht. Man stellt sich als Opfer eines Unterdrückungsapparats dar, beruft sich auf das Recht, auch einmal etwas sagen zu dürfen, und verweigert es allen anderen: "Was man sonst Mißbrauch der Presse und Preßfrechheit genannt haben würde", lamentieren die Eudämonisten, "heißt gegenwärtig literarische Freyheit."

Ihren größten Erfolg haben die Eudämonisten aber damit, dass sie ihre verschwörungstheoretischen Schriften an den Pariser Domherrn Augustin Barruel schicken. Der nutzt das Material, um in seinem vierbändigen Werk Denkwürdigkeiten des Jakobinismus die Freimaurer und Illuminaten zur treibenden Kraft hinter der Französischen Revolution zu machen. Barruel schildert, wie es den Illuminaten dank eines weitreichenden Systems aus "Büchertrödlern, Haupt-Redacteuren und der ganzen Philosophen-Secte" gelingt, den französischen Lesern "keine anderen Bücher zur Auswahl vorzulegen als solche, welche die Secte begünstigte oder deren Circulation sie nicht fürchtete".

Für Barruel ist alles an der Französischen Revolution, auch ihre schlimmsten Verbrechen, von den Verschwörern "vorhergesehen, überlegt, kombiniert, beschlossen, vorgeschrieben worden". Dieses teuflische Werk eines Buchhändler- und Medienkomplotts führt er über Freimaurer und Illuminaten zurück auf die Templer und Albigenser und knüpft schließlich an die Antichrist-Legenden des Mittelalters an. Dass womöglich die Juden hinter der Freimaurer-Verschwörung steckten, will Barruel in einem geplanten, aber nicht mehr verfassten fünften Band seiner Denkwürdigkeiten ausführen.

Diese Lücke schließen in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhundert zahlreiche Autoren. Zuerst ist in klerikalen Schriften davon die Rede, dass hinter den Freimaurern die Juden stünden. Später tritt das Motiv der Freimaurerei zurück wie auch der Bezug auf die Französische Revolution. Die moderne Welt selbst ist nun die Katastrophe, die von einer jüdischen Medienverschwörung ins Werk gesetzt wird. Das Motiv für die Verschwörungstheorie hat sich jedoch nicht verändert: Wenn gesellschaftliche Modernisierungsprozesse als Zumutung erfahren werden, beginnt die Suche nach dem Sündenbock.

Das geschieht vor dem Hintergrund einer abermaligen explosionsartigen Vermehrung von Printerzeugnissen um das Revolutionsjahr 1848. Und wie die Verschwörungstheorie im ausgehenden 18. Jahrhundert enthält auch die Neuauflage Realitätspartikel, die ihr zu Wirksamkeit verhelfen. Es stimmt: In der Presse sind Juden stark vertreten – allerdings üben sie ihren Beruf nicht als Angehörige ihrer Religion aus, sondern als säkularisierte, bildungsbegeisterte Journalisten.

Die Kreuzzeitung, aus deren Umfeld später die Konservative Partei hervorgeht, sieht das anders. Schon in ihrem Gründungsjahr 1848 mutmaßt sie, die Juden stünden hinter der Märzrevolution. Ihr Redakteur Hermann Goedsche ist es dann, der 1868 das neue folgenschwere Verschwörungsmotiv ausarbeitet. In seinem Schauerroman Biarritz, veröffentlicht unter dem Pseudonym Sir John Retcliffe, ersinnt er eine Szene, die auf dem Judenfriedhof von Prag spielt. Ein jüdischer Rat diskutiert den Stand der Welteroberung. Der letzte von zwölf Sprechern sagt die entscheidenden Worte: "Wenn das Gold die erste Macht der Welt ist, so ist die Presse die zweite." Daraus folgert er: "Wir müssen haben die großen politischen Zeitungen, welche machen die öffentliche Meinung, die Kritik, die Straßenliteratur, die Telegramme und die Bühne. Wir werden daraus verdrängen Schritt um Schritt die Christen, dann können wir diktiren der Welt, was sie glauben, was sie hochhalten und was sie verdammen soll."

Der nächste Schritt ist, dass die Fiktionalität der Szene gelöscht wird. So verfährt 1873 Osman Bey in seiner Schrift Die Eroberung der Welt durch die Juden. Später wiederholt sich der Vorgang im Pamphlet Die goldene Internationale von Karl Wilmanns und im Antisemiten-Katechismus von Theodor Fritsch. Seine kanonische Form bekommt der Verschwörungsvorwurf in deutscher Sprache 1920 in den gefälschten Protokollen der Weisen von Zion.

Damit ist die Grenze des heutigen liberalen Diskurses gegenüber Rechtsradikalen ebenso markiert wie gegenüber dem verschwörungstheoretischen Unfug, der sich um den 11. September rankt und mit den Alternativmedien der Blogs und sozialen Netzwerke ein neues Biotop gefunden hat. Wer heute von diesen Positionen aus von der "Systempresse" und "Lügenpresse" spricht, wird sich genauso wenig von Faktenchecks überzeugen lassen wie vom aufklärerischen Bemühen der etablierten Medien, die zeigen wollen, wie sie "in Wirklichkeit funktionieren".

Wer hingegen in den AfD-Kreisen weniger ideologisch, antisemitisch und verschwörungstheoretisch veranlagt ist, sollte sich fragen, ob er mit dem Begriff der "Lügenpresse" wirklich eine mehr als 200-jährige Geschichte fortschreiben will – mit all ihren ewig gleichen, ewig dummen Versatzstücken.