Um das umstürzlerische Medienkomplott zu bekämpfen, gründen die Konservativen alternative Zeitungen und fantasieren sich in eine Art Gegenöffentlichkeit hinein. Die Zeitschrift Eudämonia oder Deutsches Volksglück, in der die Erstbelege für die Begriffe "Nationalismus" und "Vaterlandsverräter" zu finden sind, tut sich besonders hervor. Die Revolution in Frankreich, heißt es 1795 in der ersten Ausgabe, sei durch Angriffe von Schriftstellern auf Thron und Altar verursacht worden. Das sei auch, was diesseits des Rheins geschehen könnte. "Sollte es da nicht wenigstens den Anders-Denkenden erlaubt seyn, auch ihre Meinung über Gegenstände zu sagen, von welchen das Wohl oder Wehe von Deutschland abhängt?" Die Gedankenfigur hat seither Karriere gemacht. Man stellt sich als Opfer eines Unterdrückungsapparats dar, beruft sich auf das Recht, auch einmal etwas sagen zu dürfen, und verweigert es allen anderen: "Was man sonst Mißbrauch der Presse und Preßfrechheit genannt haben würde", lamentieren die Eudämonisten, "heißt gegenwärtig literarische Freyheit."

Ihren größten Erfolg haben die Eudämonisten aber damit, dass sie ihre verschwörungstheoretischen Schriften an den Pariser Domherrn Augustin Barruel schicken. Der nutzt das Material, um in seinem vierbändigen Werk Denkwürdigkeiten des Jakobinismus die Freimaurer und Illuminaten zur treibenden Kraft hinter der Französischen Revolution zu machen. Barruel schildert, wie es den Illuminaten dank eines weitreichenden Systems aus "Büchertrödlern, Haupt-Redacteuren und der ganzen Philosophen-Secte" gelingt, den französischen Lesern "keine anderen Bücher zur Auswahl vorzulegen als solche, welche die Secte begünstigte oder deren Circulation sie nicht fürchtete".

Für Barruel ist alles an der Französischen Revolution, auch ihre schlimmsten Verbrechen, von den Verschwörern "vorhergesehen, überlegt, kombiniert, beschlossen, vorgeschrieben worden". Dieses teuflische Werk eines Buchhändler- und Medienkomplotts führt er über Freimaurer und Illuminaten zurück auf die Templer und Albigenser und knüpft schließlich an die Antichrist-Legenden des Mittelalters an. Dass womöglich die Juden hinter der Freimaurer-Verschwörung steckten, will Barruel in einem geplanten, aber nicht mehr verfassten fünften Band seiner Denkwürdigkeiten ausführen.

Diese Lücke schließen in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhundert zahlreiche Autoren. Zuerst ist in klerikalen Schriften davon die Rede, dass hinter den Freimaurern die Juden stünden. Später tritt das Motiv der Freimaurerei zurück wie auch der Bezug auf die Französische Revolution. Die moderne Welt selbst ist nun die Katastrophe, die von einer jüdischen Medienverschwörung ins Werk gesetzt wird. Das Motiv für die Verschwörungstheorie hat sich jedoch nicht verändert: Wenn gesellschaftliche Modernisierungsprozesse als Zumutung erfahren werden, beginnt die Suche nach dem Sündenbock.

Das geschieht vor dem Hintergrund einer abermaligen explosionsartigen Vermehrung von Printerzeugnissen um das Revolutionsjahr 1848. Und wie die Verschwörungstheorie im ausgehenden 18. Jahrhundert enthält auch die Neuauflage Realitätspartikel, die ihr zu Wirksamkeit verhelfen. Es stimmt: In der Presse sind Juden stark vertreten – allerdings üben sie ihren Beruf nicht als Angehörige ihrer Religion aus, sondern als säkularisierte, bildungsbegeisterte Journalisten.

Die Kreuzzeitung, aus deren Umfeld später die Konservative Partei hervorgeht, sieht das anders. Schon in ihrem Gründungsjahr 1848 mutmaßt sie, die Juden stünden hinter der Märzrevolution. Ihr Redakteur Hermann Goedsche ist es dann, der 1868 das neue folgenschwere Verschwörungsmotiv ausarbeitet. In seinem Schauerroman Biarritz, veröffentlicht unter dem Pseudonym Sir John Retcliffe, ersinnt er eine Szene, die auf dem Judenfriedhof von Prag spielt. Ein jüdischer Rat diskutiert den Stand der Welteroberung. Der letzte von zwölf Sprechern sagt die entscheidenden Worte: "Wenn das Gold die erste Macht der Welt ist, so ist die Presse die zweite." Daraus folgert er: "Wir müssen haben die großen politischen Zeitungen, welche machen die öffentliche Meinung, die Kritik, die Straßenliteratur, die Telegramme und die Bühne. Wir werden daraus verdrängen Schritt um Schritt die Christen, dann können wir diktiren der Welt, was sie glauben, was sie hochhalten und was sie verdammen soll."

Der nächste Schritt ist, dass die Fiktionalität der Szene gelöscht wird. So verfährt 1873 Osman Bey in seiner Schrift Die Eroberung der Welt durch die Juden. Später wiederholt sich der Vorgang im Pamphlet Die goldene Internationale von Karl Wilmanns und im Antisemiten-Katechismus von Theodor Fritsch. Seine kanonische Form bekommt der Verschwörungsvorwurf in deutscher Sprache 1920 in den gefälschten Protokollen der Weisen von Zion.

Damit ist die Grenze des heutigen liberalen Diskurses gegenüber Rechtsradikalen ebenso markiert wie gegenüber dem verschwörungstheoretischen Unfug, der sich um den 11. September rankt und mit den Alternativmedien der Blogs und sozialen Netzwerke ein neues Biotop gefunden hat. Wer heute von diesen Positionen aus von der "Systempresse" und "Lügenpresse" spricht, wird sich genauso wenig von Faktenchecks überzeugen lassen wie vom aufklärerischen Bemühen der etablierten Medien, die zeigen wollen, wie sie "in Wirklichkeit funktionieren".

Wer hingegen in den AfD-Kreisen weniger ideologisch, antisemitisch und verschwörungstheoretisch veranlagt ist, sollte sich fragen, ob er mit dem Begriff der "Lügenpresse" wirklich eine mehr als 200-jährige Geschichte fortschreiben will – mit all ihren ewig gleichen, ewig dummen Versatzstücken.