Ein Teufel spaltet den Körper des Propheten mit dem Schwert vom Kopf bis zum Bauch, sodass die Eingeweide herausquellen. Aber Mohammed stirbt nicht. Die grässliche Wunde scheint zu verheilen, wird jedoch von der Waffe des Teufels immer wieder aufgerissen. Die Spaltung seines Körpers, so gibt Mohammed klagend zu erkennen, sei die Höllenstrafe für diejenigen, die wie er versucht hätten, durch eine falsche, ketzerische Lehre die Menschen vom rechten Glauben abzubringen und sie zu Kriegen im Namen der Religion anzustiften. Nun büße er durch ewige Zerfleischung.

Solch drastische Bilder waren den Christen des abendländischen Mittelalters selbstverständlich, wenn es um die Auseinandersetzung mit dem Islam ging. Und die Szene entstammt nicht etwa einem der vulgären Traktate der damaligen Zeit: Sie findet sich in Dantes Göttlicher Komödie, einer der größten Dichtungen des Mittelalters. Selbst der universale Denker Dante Alighieri hatte sich Anfang des 14. Jahrhunderts nicht von den Vorurteilen seiner Zeit gegen den Islam lösen können. Er stimmte mit den dogmatischen Vorgaben der Kirche überein, nach denen Mohammed mit jenem "falschen Propheten" gleichzusetzen sei, der in der Offenbarung des Johannes als der große Gegenspieler Gottes angekündigt wird.

Mohammed, der Antagonist Gottes – ein solches theologisch fundiertes Feindbild ist typisch für die Spätantike, das Mittelalter und die Frühe Neuzeit. Es handelt sich um eine Denkkategorie, die uns seit der Aufklärung in einem weitgehend säkularisierten Europa kaum mehr nachvollziehbar ist. Wo hat sie ihren Ursprung?

Im 7. Jahrhundert wurde das christlich geprägte Abendland in seinem religiösen Selbstverständnis elementar erschüttert: Arabische Heere unter dem Banner des Islams eroberten Syrien, Ägypten und das Heilige Land – jene Regionen, in denen sich das Christentum geistig zur Weltreligion entwickelt hatte. Das Gefühl elementarer Bedrohung wuchs, als die Muslime ihre Herrschaft im Westen über Nordafrika und Spanien bis an die Grenze des damaligen Frankenreiches ausdehnten. Innerhalb weniger Jahrzehnte nach Mohammeds Tod im Jahr 632 hatte sich seine neue Glaubenslehre zur größten Herausforderung des christlichen Abendlands entwickelt.

Religiös schmerzte besonders der Verlust von Jerusalem als geistigem Ursprungsort des Christentums. Die Christen sahen sich einem Gegner gegenüber, der wie sie mit dem Anspruch auftrat, die ganze Welt der "allein richtigen" Religion zu unterwerfen. Damit schien der Absolutheitsanspruch der eigenen Religion außer Kraft gesetzt. Zudem rangen die Christen mit der Frage, wie Gott es zulassen könne, dass die "ungläubigen" Muslime militärisch und schließlich auch politisch zu triumphieren vermochten. Die Mehrheit der Theologen kam zu dem Schluss, dass es sich um eine Prüfung Gottes handeln müsse und die Christen zu einem Entscheidungskampf zwischen "Gottesreich" und "Teufelsreich" anzutreten hätten.

Dieser Text stammt aus dem Sonderheft ZEIT Geschichte Panorama.

Bei den Muslimen dagegen findet sich keine Darstellung, die etwa Jesus als den Verkünder des anderen, christlichen Glaubens in der Hölle ansiedeln würde. Im Gegenteil: Jesus gilt den Muslimen als zweitwichtigster Prophet, zwar nicht als "Sohn Gottes", jedoch in der Rangfolge unmittelbar hinter Mohammed. Diese Tatsache ist vielen Europäern noch Mitte des 20. Jahrhunderts kaum geläufig gewesen. Damals war es auch noch ein weitverbreitetes Missverständnis, dass man Allah für den Namen eines fremden Gottes hielt. Dabei ist das arabische Wort al-Lah schlicht mit "der Gott" zu übersetzen – und diese Bezeichnung gebrauchen Muslime ebenso wie zum Beispiel arabische Christen für den gemeinsamen Gott aller monotheistischen Religionen.

Die Christen der Spätantike, des Mittelalters und der Frühen Neuzeit übertrafen mit ihrer Abwehr gegen Andersgläubige und Andersdenkende die Muslime ihrer Zeit beträchtlich – das zeigte sich besonders während der Kreuzzüge vom 11. bis zum 13. Jahrhundert. Bernhard von Clairvaux, der sich der Nachwelt als namhafter Theologe und Heiliger der katholischen Kirche eingeprägt hat, wurde zum maßgebenden Ideologen eines glaubenskämpferischen Hasses. Seine Predigten erinnern in ihrer flammenden Unduldsamkeit an die Appelle von radikalislamischen Organisationen unserer Gegenwart: "Der Soldat Christi, sage ich, tötet unbekümmert, noch sicherer stirbt er. Wenn er stirbt und wenn er tötet, unterstellt er sich Christus. Denn nicht ohne Grund trägt er das Schwert: Er steht im Dienst Gottes, um den zu bestrafen, der Böses tut. [...] Durch den Tod der Heiden wird der Christ verherrlicht. [...] Die sind keine Mörder, die gegen die Feinde der Kirche kämpfen."