Über Jahrhunderte hinweg war der Koran für die Gebildeten Europas ein Phantom. Gewiss, es hatte hier und da Übersetzungen und sogar Kommentare gegeben, kaum je aber ohne polemische Absicht. Der Koran galt schlicht als gefährlich. Kirchenvater Johannes von Damaskus (um 650–754) hatte ihn als "100. Häresie" verurteilt, und zwar bereits ein knappes Jahrhundert nach seiner Entstehung. Für Christen war der Koran damit als feindliche Schrift gebrandmarkt, die angeblich zur Zersetzung ihres Glaubens verfasst worden war. Noch die erste Übertragung ins Deutsche durch den Pfarrer Salomon Schweigger im Jahr 1616, also fast tausend Jahre nach der Niederschrift, trug den Titel Der Türcken Alcoran, Religion und Aberglauben.

Erst Mitte des 19. Jahrhunderts wagte es Abraham Geiger, ein junger Rabbiner aus Frankfurt, den Koran wissenschaftlich in den Blick zu nehmen. Geiger hatte sich seit Jugendtagen auf eine Laufbahn als Rabbiner vorbereitet, dann aber ein Studium der orientalischen Philologie in Heidelberg begonnen. 1830 war er nach Bonn gewechselt, wo er sich auch wieder der Theologie zuwandte. Seine Pionierarbeit Was hat Mohammed aus dem Judenthume aufgenommen? zeichnete die Universität Bonn 1832 mit einem Preis aus. 1833 erschien sie in gedruckter Form, da war Geiger schon in Wiesbaden zum Rabbiner gewählt worden. Die Universität Marburg verlieh ihm für das Werk einen Doktortitel.

Kurz zuvor hatte bereits Goethe mit seinem West-östlichen Divan (1819/1827) für die literarische Entdeckung des Korans gesorgt und mit seinem feinen Gespür für poetische Raffinesse einen unbefangenen Blick auf den Text ermöglicht. Doch Goethes Divan allein hätte die theologisch-ideologische Front gegen den Urtext des Islams schwerlich aufbrechen können.

Das geschah gewissermaßen durch äußere Umstände: Unter dem Eindruck der Aufklärung öffneten sich zu Beginn des 19. Jahrhunderts auch christliche Theologen in Europa, zuerst die protestantischen, einem historisch-kritischen Zugang zu ihren heiligen Schriften. Dem Koran näherten sich zeitgleich Forscher wie Abraham Geiger, die Vorkämpfer der neuen "Wissenschaft des Judentums" – eine junge Gruppe von Akademikern, die selbst im Kreuzfeuer der Polemik von christlicher wie jüdischer Seite stand. Diese jüdischen Gelehrten verstanden sich als Reformbewegung, die antrat, um die kanonischen Texte des Judentums zu historisieren, neben der Thora auch die rabbinische Literatur. Sie lasen – wie die modernen christlichen Theologen – ihre elementaren Schriften nicht allein als religiöse, sondern als historische Texte. Durch diese neue Form der Lektüre wurden die Schriften aus ihrer jahrhundertealten Deutungstradition in Synagoge und Kirche gerissen und in die säkulare Disziplin der Geschichte überführt. Den christlichen Historisierern wäre es damals allerdings kaum in den Sinn gekommen, auch den Koran einzubeziehen. Warum also taten es die jüdischen Forscher?

Der Grund liegt in der Art und Weise, wie Geiger und seine Mitstreiter auf die Welt und die Geschichte blickten: Der Koran gehörte für Juden nicht "ins ferne Morgenland", sondern in die Mitte ihrer eigenen Herkunft und Kultur. Während die christlich geprägten Forscher in der griechisch-römischen Antike ihr "Goldenes Zeitalter" sahen, schauten die Vertreter der jüdischen Wissenschaft eher auf die arabisch-islamische Vergangenheit am Mittelmeer und im Nahen Osten. Dorthin also, wo man zu dieser Zeit gemeinhin den "Orient" vermutete. Für das christliche Europa lag dieser besondere Ort jedoch noch eine Zeit lang im Zwielicht. Man las wohl gerne Märchen von Kalifen, Räubern und Haremsdamen; aber wenn die Begriffe Koran und Islam fielen, erinnerte man sich an Bedrohung und Gefahr; an die Eroberungen* in Spanien, an die Belagerung von Wien.

Jüdische Europäer dagegen, gerade die Gelehrten unter ihnen, empfanden jenen "Orient" genauso als Teil ihrer Identität und Geschichte wie den "Okzident". Da sie sich von der christlichen Mehrheitsgesellschaft ohnehin immer wieder die Deklassierung als "Orientale" gefallen lassen mussten, lag es nahe, den Spieß umzudrehen und sich offen zur "orientalischen" Vergangenheit zu bekennen. Man kann sagen, dass eine Selbstorientalisierung zum Auslöser der neuen Forschungsrichtung der Jüdischen Wissenschaften wurde.

Dieser Text stammt aus dem Sonderheft ZEIT Geschichte Panorama.

Ihre jungen Gelehrten hielten die Erinnerung an eine alte kulturelle Synergie zwischen Islam und Judentum wach. Im maurischen Spanien (711–1492) war daraus die Convivencia, also ein enges Zusammenleben und Zusammenarbeiten von jüdischen und arabischen Gelehrten geworden. Die Erforschung des alten, arabischen Islams und seiner Schriften bedeutete für die jüdische Wissenschaft gleichsam, eigene Kulturgeschichte zu betreiben. Es existiert bis heute eine umfangreiche Bibliothek von arabischsprachigen Werken jüdischer Autoren aus vielen Jahrhunderten – Maimonides und Ibn Gabirol sind vielleicht die bekanntesten unter ihnen. Diese Schriften über Philosophie, Theologie und Literatur legen Zeugnis davon ab, wie fruchtbar und anspruchsvoll das geistige Zusammenspiel von Islam und Judentum einst war. Einen eindrucksvollen Widerhall fand diese Symbiose noch in der Architektur vieler Synagogen-Neubauten des 19. Jahrhunderts in Europa, die in maurisch-orientalisierendem Stil ausgeführt wurden.

Zu Beginn des 20. Jahrhunderts entwickelte sich aus der Arbeit der jüdischen Wissenschaftler die allgemeine Islamwissenschaft; besonders das Werk des Gelehrten Ignaz Goldziher (1850–1921) aus Österreich-Ungarn setzte bis heute geltende Standards. Er erforschte die Hadithe, also die Überlieferungen dessen, was Mohammed gesagt und getan haben soll, in seinen Muhammedanischen Studien, erschienen 1889/90. Seine Vorlesungen über den Islam widmeten sich der Geschichte dieser Religion, dem Leben Mohammeds und dem Rechtssystem der Muslime sowie den Sekten im Islam. Goldziher gilt heute als Begründer der modernen Islamwissenschaft.