Vielleicht stimmt es ja, dass die Lektüre eines Buches den Lebensweg eines Menschen bestimmen kann. Ein Junge, gerade einmal elf oder zwölf Jahre alt, verschlingt die Märchen aus Tausendundeine Nacht und weiß von da an, dass er in den Orient aufbrechen wird. So hat Max von Oppenheim später den Anfang seiner Forscherkarriere erzählt, an der sich bis heute die Geister scheiden. Wer war dieser Mann, der eine der spektakulärsten Entdeckungen in der Geschichte der Archäologie machte, eine Enzyklopädie über das Leben der Beduinen verfasste, die Araber im Ersten Weltkrieg zum Dschihad gegen die Briten anstacheln wollte und sich in Kairo einen Harem hielt? Ein begnadeter Orientforscher, ein gewiefter Diplomat? Ein politischer Brandstifter, ein Ausbeuter? Eine tragische Figur?

Zunächst einmal ist Max von Oppenheim, geboren 1860, ein Glückskind. Vater Albert, schwerreicher Mitinhaber der Privatbank Salomon Oppenheim, und Mutter Paula lassen den Sohn ziehen, der eigentlich ins Unternehmen einsteigen sollte, finanzieren ihm erste Reisen nach Konstantinopel und Marokko. Da ist er Mitte 20, ein glühender Patriot aus dem noch jungen Deutschen Kaiserreich, der sich aber in den Gassen des Maghreb heimischer fühlt als in den Villenvierteln Kölns. Pflichtbewusst absolviert er nach seiner Rückkehr von der ersten großen Reise noch das Jura-Studium. 1892 aber zieht er nach Kairo und bricht von dort zu immer längeren Expeditionen in die Wüste auf. Er lebt bei und mit den Beduinen, deren Alltag er in den folgenden Jahren akribisch dokumentieren, aber auch verklären wird.

"Wie die Wüstensteppe seit Jahrtausenden dieselbe geblieben ist", schreibt Oppenheim, so sei auch der Beduine "von Europas Kultur noch unbeleckt". Ein kriegerisches, primitives, aber gastfreundliches "Herrenvolk" sieht er da vor sich. Echte Männer mit Mut und Ehrgefühl, keine verweichlichten europäischen Salonlöwen.

Diese Mischung aus wissenschaftlicher Neugier und Romantisierung war durchaus typisch für Oppenheims Zeit. Der Orient und der Islam hatten im Europa des 19. Jahrhunderts die Bedrohlichkeit vergangener Epochen verloren. Man blickte nun mit wissenschaftlichem Paternalismus und kolonialer Ambition auf die Region. Schon Napoleon hatte seine Ägypten-Expedition 1798 mit einem republikanischen Erziehungs- und Forschungsprojekt verknüpft. Als Oppenheim ein Jahrhundert später zu seinen ersten Reisen aufbrach, war das Entdecken und "Entschleiern" der arabischen Welt (bis hin zur Abbildung nackter muslimischer Frauen und zu Besuchen in Mekka) längst en vogue. Ihre Unterwerfung auch. Frankreich hatte 1881 Tunesien besetzt, Großbritannien ein Jahr später Ägypten. Gleichzeitig wurde der "unzivilisierte Orient" zur Projektionsfläche für Europäer, die sich, verunsichert von der rasanten Modernisierung ihrer eigenen Gesellschaften, zur vermeintlichen reinen Ursprünglichkeit der Unterworfenen hingezogen fühlten. Wie Oppenheim zu den Beduinen.

Doch ebenso groß wie seine Sehnsucht nach der Wüste ist auch sein Wunsch nach einer Rolle in der großen Politik: Diplomat im Nahen Osten ist immer Oppenheims eigentliches Berufsziel geblieben. Qualifiziert ist er mit seinem Studium, seinen Kontakten sowie seinen Sprach- und Landeskenntnissen allemal.

Dieser Text stammt aus dem Sonderheft ZEIT Geschichte Panorama.

Zwei Mal bewirbt er sich um Aufnahme in den diplomatischen Dienst. Beide Male wird er abgelehnt. Den Grund erfährt er nie, aber er ahnt ihn vermutlich. Man könne das diplomatische Corps nicht mit "einem Judenbengel" brüskieren, schreibt Herbert von Bismarck, Sohn des Reichskanzlers und damals Staatssekretär im Auswärtigen Amt, im September 1887 in einem Brief. Dass Oppenheim katholisch ist, seine Mutter aus einer christlichen Familie stammt, sein Vater vom Judentum zum Katholizismus konvertiert ist, spielt keine Rolle. Für Antisemiten ist das Judentum bereits zu dieser Zeit keine Konfession mehr, die man ablegen kann, sondern eine "Rasse", die sich vererbt.

Oppenheim jedoch lässt sich davon nicht bremsen. Er schützt sich zeit seines Lebens mit einer fast schizophrenen Verdrängung des Hasses gegen Juden – und durch seinen unbändigen Tatendrang. In Kairo hat er sich ein fürstliches Haus im orientalischen Stil eingerichtet, und seine Partys dort sind the talk of the town. Hier treffen sich im Salon ägyptische Nationalisten, arabische Intellektuelle, europäische Diplomaten und Adelige. Bald argwöhnen die britischen Kolonialbehörden, dass dieser Deutsche sich nicht nur für Archäologie und Beduinen interessiert, sondern Nachrichten nach Berlin weitergibt. Was stimmt, denn die detaillierten Berichte des "Judenbengels" findet man im Auswärtigen Amt dann doch interessant genug, um Oppenheim eine untergeordnete konsularische Stelle zu geben.