Es war einmal im Inselreich von Indien und China, am Königshof von Samarkand oder in der Stadt Chorasan und dem Land Babel – dort hinten, weit im Orient, wo die Geografie verschwimmt und wo eine gute Geschichte ein Leben wert ist, dort spielt Tausendundeine Nacht. Schon die Rahmenhandlung, welche die vielen einzelnen Erzählungen zusammenhält, ist für sich genommen so spannend, so faszinierend, so herausragend, dass sie die Märchensammlung zu einem der bekanntesten Werke der Weltliteratur gemacht hat.

In dieser Geschichte sind König Schahriyar und sein Bruder Schahsaman – Ersterer ist der Herrscher von Indien und China, Letzterer von Samarkand in Persien – so unverschämt von ihren Ehefrauen hintergangen worden, dass sie ihrer Herrschaft entsagen und sich auf den Weg in die weite Welt machen. Auf ihrer Wanderschaft erleben sie, dass selbst Geisteswesen wie die Dschinnen keine Macht über das weibliche Geschlecht haben. Zurück in seinem Königreich, fasst der ältere Bruder, Schahriyar, den Plan, jede Nacht eine neue Frau zu heiraten und sie am Morgen nach der Hochzeitsnacht hinrichten zu lassen, denn "auf der ganzen Welt", so stellt er fest, "gibt es keine einzige anständige Frau". Nachdem im Volk schon fast alle jungen Frauen Opfer seiner grausamen Rache geworden sind, meldet sich Schahrasad, die kluge Tochter seines Wesirs, freiwillig für die Hochzeit mit dem Massenmörder. Doch sie wünscht sich, dass sie ihre kleine Schwester mit zum König ins Brautgemach nehmen darf. In der Nacht, als alle schlafen gehen wollen, verlangt die Schwester, von Schahrasad eine Geschichte zu hören.

Was sie da erzählte, "war schön und köstlich, und als Schahrasad gerade mitten darin war, hob sich das Morgenrot", wie es im "Glücklichen Ende" von Tausendundeine Nacht heißt. "Das Herz des Königs aber hing daran, die Fortsetzung der Geschichte zu hören, und so verschob er ihre Hinrichtung auf die zweite Nacht. Als aber die zweite Nacht gekommen war, erzählte sie ihm wieder eine Geschichte von aufregenden und spannenden Abenteuern, von fernen Ländern und fremden Menschen. Die war noch spannender und noch aufregender als in der ersten Nacht, und wieder brach, als sie gerade mitten im Erzählen und die Geschichte an die spannendste Stelle gekommen war, der Morgen an, und sie verstummte. Da ließ der König von ihr ab und verschonte sie bis zur nächsten Nacht, um das Ende der Geschichte zu hören und sie danach zu töten." Genau das ist das Geheimnis von Schahrasad, der Erfinderin des Cliffhangers und Urmutter der modernen Vorabendserie: Sie hält den König tausendundeine Nacht lang im Bann ihrer Worte – bis er schlussendlich geläutert zur Einsicht gelangt und als gerechter Herrscher und glücklicher Mensch aus den Erzählnächten hervorgeht.

Diese Rahmenhandlung hatte ihre Vorstufen in der alten indischen Literatur, also gewissermaßen im "Orient des Orients". Von dort wurden die Erzählmotive zwischen dem 2. und dem 6. Jahrhundert ins Mittelpersische, um das Jahr 800 dann in Bagdad aus dem Mittelpersischen ins Arabische übersetzt. Tausendundeine Nacht war also, als es in die arabische Literatur gelangte, bereits ein Produkt globalen Literaturtransfers.

Doch erst in der so erzählfreudigen arabischen Kultur gelangte es zu seiner größten Blüte. Wie ein Geschichtenmagnet wanderte die Erzählidee durch die arabische Literatur und zog alles an, was aufregend genug schien, um die Aufmerksamkeit des Sultans zu fesseln und der Erzählerin Nacht für Nacht das Leben zu retten: Romanzen voll erotischer Sinnlichkeit waren ebenso darunter wie bluttriefende Horrorgeschichten, spannende Kriminalstücke und Komödien vom Hof des Kalifen Harun ar-Raschid – ebenso fantastische Abenteuer mit magischen Dschinnen in der Wüste oder Wassernixen im Meer. Das Spektrum der Genres reichte von kurzen Witzen, Fabeln und Anekdoten bis zum mehrere Hundert Seiten umfassenden Ritterroman. Es entstand ein buntes Sammelsurium der Unterhaltungsliteratur.

Im Jahr 1701 gelangten die ersten drei oder vier Bände einer ehemals wahrscheinlich zwölfbändigen Tausendundeine Nacht -Handschrift des 15. Jahrhunderts aus Aleppo nach Paris. Ihre Übersetzung und Fortschreibung durch den französischen Orientalisten Antoine Galland war der Beginn eines regelrechten Triumphzuges des Werkes in Europa. Schon 1706, zwei Jahre nach der Veröffentlichung des ersten Bandes der französischen Mille et Une Nuits, erschien eine erste Weiterübersetzung ins Deutsche, der viele weitere in alle europäischen Sprachen folgen sollten.

Doch was da übersetzt und weiterübersetzt wurde, hatte immer weniger mit dem arabischen Original zu tun. Schon Gallands Eingriffe waren massiv: Der Text wurde von 282 Nächten – nach denen der dritte Band des Originalmanuskripts abbricht – auf 1001 Nächte aufgestockt, und gerade die heute bekanntesten Geschichten wie Aladin und die Wunderlampe oder Ali Baba und die vierzig Räuber stehen nicht im Original, sondern wurden dem Übersetzer in Paris von einem Bekannten, dem Maroniten Hanna Diyab, in die Feder diktiert; wohl gleich in französischer Sprache.

Zudem verschwanden die literarischen Charakterzüge des Originals. Das arabische Tausendundeine Nacht besticht durch den lebhaften Kontrast der verschiedenen Sprach- und Stilebenen: flotte und schlichte Erzählsprache, kunstvoll ausgefeilte Reimprosa-Passagen und klangvolle Gedichte im klassischen arabischen Reim und Versmaß. Die meisten europäischen Übertragungen verzichteten jedoch auf die Gedichte, die den Spannungsverlauf der Geschichte eher zu stören schienen. Auch teilten sie das Werk nicht nach Nächten ein, sondern nach abgeschlossenen Geschichten, die dann teilweise viel bekannter wurden als das Werk im Ganzen. Einige wurden später sogar wieder ins Arabische rückübersetzt; so konnte das Orientbild des Westens wiederum Teil der arabischen Überlieferung von Tausendundeine Nacht werden.

Aber der Orient hatte auch einen eigenen Okzident, nämlich das arabische Abendland: den Maghreb. Hier, im arabischen Westen, taucht eine "kleine Schwester" des großen Werkes auf: Hundertundeine Nacht . Dessen Schauplätze sind Nordafrika, das heutige Tunesien und das maurische Spanien. Die Geschichten atmen andalusisches Lokalkolorit, sie beinhalten sogar Dialektwortschatz aus dem arabischen Spanien. Auch die älteste erhaltene Hundertundeine Nacht-Handschrift stammt aus Andalusien. Sie ist auf 1234 zu datieren; das Werk selbst dürfte noch um einiges älter sein.

Hundertundeine Nacht ist keine Kurzfassung von Tausendundeine Nacht, sondern ein eigenständiges Werk, dem zwar dieselbe Erzählidee zugrunde liegt, das aber schon in der Rahmengeschichte signifikant abweicht: König Schahriyar von Indien hält sich für den schönsten Menschen auf der Welt. Jedes Jahr ruft er seinen Hofstaat zusammen, setzt sich vor einen großen Spiegel und lässt sich bestätigen, dass er der Schönste ist – so lange, bis ein alter Scheich ihm eines Tages von der Schönheit eines jungen Kaufmanns aus Chorasan berichtet. Ihn holt König Schahriyar nun an seinen Hof, und die Geschichte nimmt ihren Lauf. Dieser Einstieg ist in der europäischen Literatur mehrfach zitiert worden und hat sich – zusammen mit anderen Motiven – bis in die Märchen der Brüder Grimm fortgeschrieben, ohne dass das zugrunde liegende Werk als solches bekannt gewesen wäre. Erst seit 2012 gibt es die Geschichtensammlung unter dem Titel 101 Nacht in deutscher Übersetzung.

Schon für die arabische Welt galt: Die spannendsten Geschichten findet man im Orient. Bis heute zeugen davon alle "Arabischen Nächte" zusammen: Tausendundeine Nacht, also der große morgenländische Geschichtenschatz, und ebenso Hundertundeine Nacht, seine kleine abendländische Schwester.