Der Autor Daniel Kehlmann wurde mit seinem Roman "Die Vermessung der Welt" international bekannt. Mit ZEIT Geschichte spricht er über seinen neuen Roman "Tyll". Der Schauplatz des Buches: das Europa des Dreißigjährigen Krieges, der vor 400 Jahren ausbrach.

ZEIT Geschichte: Herr Kehlmann, Sie haben einen Roman über eine Phase der deutschen Geschichte geschrieben, die viele nur aus der Schule kennen. Welche Rolle spielte der Dreißigjährige Krieg in Ihrem Unterricht?

Daniel Kehlmann: Keine große. Er gehört zur Vorvergangenheit, die in Lehrplänen und im Bewusstsein nur diffus präsent ist, als Hintergrund, aber nicht in Details.

ZEIT Geschichte: Sie haben als Schüler das von Jesuiten gegründete Kollegium Kalksburg bei Wien besucht. Auch in Ihrem Buch spielen Jesuiten eine Rolle: Athanasius Kircher, ein deutscher Universalgelehrter aus dem Stab des Papstes, hält gleich zu Beginn in Tyll Ulenspiegels Dorf ein fürchterliches Strafgericht gegen einen angeblichen Hexer ab. Welchen Ihrer Lehrer haben Sie da porträtiert?

Kehlmann: Gar keinen, Ehrenwort. Ich hatte Jesuiten nur in Geschichte und Religion, beide waren wunderbare Menschen. Ich hatte nie Schwierigkeiten mit Jesuiten! Aber sie haben in der Geschichte oft eine unheilvolle Rolle gespielt, und die Jesuiten, die ich kenne, wären die Ersten, die das zugeben würden.

ZEIT Geschichte: Warum ist die Sicht des Jesuiten Kircher und des Narren Ulenspiegel auf den Dreißigjährigen Krieg so erhellend?

Kehlmann: Kircher steht für die damalige Wissenschaft, die seltsame Gemengelage aus Alchimie, Magie und beginnendem Empirismus. Tylls Sicht wiederum ist deshalb erhellend, weil er als Vagant überall hingehen kann. Er kann die unterschiedlichsten Leute treffen, er sucht die unterschiedlichsten Orte auf. In der statischen Gesellschaft der Frühen Neuzeit ist das nicht selbstverständlich.

ZEIT Geschichte: Sie schildern im Buch auch historische Persönlichkeiten ganz nah: "Winterkönig" Friedrich V. von der Pfalz und seine Frau schlafen stets bei Kerzenschein ein; Schwedenkönig Gustav Adolf hat Essensreste im Bart. Wo und wie haben Sie die Grenze gezogen zwischen dem, was Sie aus Quellen und Forschung übernehmen konnten, und dem, was pure Fiktion ist?

Kehlmann: Um von der Vergangenheit zu erzählen, muss man erfinden, aber man tut es auf der Basis der Fakten, die man kennt. Kerzen waren ein großer Luxus, besonders ruhig brennende Wachskerzen, die nicht stanken. Da kann man sich schon gut vorstellen, dass ein Kurfürst und seine Frau im Schlafzimmer diese schönen Kerzen hatten. Gustav Adolf war ein derber, bodenständiger Mensch, und die Zustände im Heerlager waren nicht gerade gesittet – warum sollte er keine Essensreste im Bart gehabt haben? Solche Dinge muss man erfinden, aber das macht sie nicht unwahr. Eine größere Erfindung war dagegen Elisabeth Stuarts Reise nach Osnabrück. Die gab es nicht, aber durch diese Idee konnte ich drei Szenen des Buches mitten im Friedenskongress wie auf einer Bühne ansiedeln und dadurch von dem eigentlich ereignislosen Vorgang des Verhandelns erzählen. Oft muss man erfinden, damit sich die Fülle der Daten zu einer Geschichte formt. Aber nur Geschichten lassen sich erzählen. Daten allein sind stumm.

ZEIT Geschichte: Wie haben Sie das Schreiben des Buches vorbereitet? Welche Darstellung des Krieges bewundern Sie?

Dieser Text stammt aus dem Magazin ZEIT Geschichte Nr. 5/17.

Kehlmann: Am besten ist immer noch und nach wie vor C. V. Wedgwoods Gesamtdarstellung aus dem Jahr 1938. Die Autorin musste damals das Buch unter ihren Initialen veröffentlichen, damit man nicht merkte, dass es von einer Frau geschrieben war – man stellte sich vor, ernsthafte Militärhistoriker seien immer Männer. Als Rache am Historiker-Chauvinismus ist es aber bis heute das allerbeste Buch über den großen deutschen Krieg und wird es wohl auch weiterhin bleiben. Eine andere unvergessliche Darstellung ist natürlich Brechts Mutter Courage.

ZEIT Geschichte: Es gibt eine lange Reihe von berühmten Erzählungen über den Dreißigjährigen Krieg: Friedrich Schiller, Alfred Döblin und Golo Mann haben über Wallenstein geschrieben; den gesamten Krieg nahm neben Cecilia Veronica Wedgwood ebenso Ricarda Huch in den Blick. Wieso fordert die Zeit zwischen 1618 und 1648 auch Schriftsteller immer wieder heraus?

Kehlmann: Es ist nun mal eine erschütternde, aufregende, verwirrende und erschreckende Zeit, die Deutschland geprägt und für immer verändert hat. Natürlich fühlt man sich als Schriftsteller davon herausgefordert und angezogen. Es ist eine Zeit der Gärung. Unendlich viel verschwindet, aber manch Neues entsteht – darunter auch die deutsche Sprache, wie wir sie kennen und verwenden, und in den Gedichten von Fleming und Gryphius entsteht die deutsche Literatur.