ZEIT Geschichte: Herr Schmidt, hat es den Dreißigjährigen Krieg überhaupt gegeben?

Georg Schmidt: Selbstverständlich. Unsicherheit entsteht aber bei der Datierung: Im 17. Jahrhundert sprechen etliche Quellen von einem 32-jährigen Krieg, der bis zur Demobilisierung der Truppen 1650 dauert. Die runde Zahl setzt sich jedoch durch.

ZEIT Geschichte: Hängen die Ereignisse in den 30 Jahren so eng zusammen? Man könnte doch auch sagen: Es gibt immer wieder Einzelkriege mit brüchigen Friedensschlüssen.

Schmidt: Natürlich: Mit der Niederschlagung des böhmischen Aufstandes ist der Krieg eigentlich 1620 schon zu Ende. So gesehen ist der "große Krieg" eine Konstruktion. Aber eben nicht nur eine der Historiker; schon die Mehrheit der Zeitgenossen – das ist mir wichtig – zählt die Kriegsjahre seit 1618.

ZEIT Geschichte: Im Gegensatz zu den Historikern heute, die lieber von der "Epoche europäischer Kriege" sprechen. Der Dreißigjährige Krieg ist nur einer von vielen auf dem Kontinent.

Schmidt: Auch Frankreich, Spanien, Schweden, die Niederlande, Dänemark und andere Länder führen im 16. und 17. Jahrhundert Kriege, an die sie sich später erinnern: Für die Niederländer steht der Freiheitskampf gegen Spanien im Vordergrund. Dänemark oder Schweden blicken nicht auf eine Zeit des Leidens zurück, sondern auf eine Phase nationaler Größe. In Frankreich spielt der Dreißigjährige Krieg fast überhaupt keine Rolle, wohl aber der Krieg mit Spanien, der erst 1659 endet. Für die Deutschen hingegen steht er im Mittelpunkt der nationalen Erinnerung.

ZEIT Geschichte: Ist der Dreißigjährige Krieg im Kern ein deutscher oder ein europäischer Krieg?

Schmidt: Er hat deutsche Ursachen und endet mit einem deutschen Frieden: Es geht vor allem um die Reichsverfassung. Der Kaiser will monarchisch regieren, die Reichsstände dagegen wollen an ihrer "deutschen Freiheit" festhalten, an der ständischen Libertät. Monarchie oder Machtteilung – das ist die zentrale Frage dieses Krieges, ein deutsches Problem. Hätte der Kaiser seinen Willen durchgesetzt, wäre er Europas Hegemon geworden. Das mussten die Könige auf dem Kontinent zu verhindern versuchen.

Dieser Text stammt aus dem Magazin ZEIT Geschichte Nr. 5/17.

ZEIT Geschichte: Geht es gar nicht mehr um den rechten Glauben? Um das Erbe der Reformation?

Schmidt: In erster Linie ist der Krieg ein deutscher Verfassungskampf. Daneben spielen aber auch konfessionelle Regelungen eine Rolle: Protestanten und Katholiken streiten, wie der Augsburger Religionsfrieden von 1555 zu verstehen sei – bis der Kaiser diese Frage 1629 mit dem Restitutionsedikt vorerst entscheidet.

ZEIT Geschichte: Lassen sich Konfessions- und Machtpolitik in der damaligen Zeit überhaupt trennen?

Schmidt: Die beiden Kategorien hängen zusammen, aber sie bedingen einander nicht: Frankreich zum Beispiel interveniert in den Dreißigjährigen Krieg, weil es die Vorherrschaft der österreichischen und spanischen Habsburger in Europa verhindern will.

ZEIT Geschichte: Die Zeitgenossen nehmen den Krieg aber als Konfessionskrieg wahr, die Propaganda spricht fast nur diese Sprache. Ist das alles bloße Rhetorik?

Schmidt: Die Propaganda strapaziert den Konfessionsgegensatz, weil man auf diese Weise Loyalität, Solidarität und Verbündete zu finden hofft. Die Katholiken werden aufgerufen, gegen die Ketzer zu kämpfen; die Protestanten sollen für den Sieg der wahren Religion und gegen den Antichrist streiten, den sie im Papsttum und in seinen Helfern sehen. Beide Seiten meinen, einen gottgewollten Krieg zu führen. Sie fühlen sich bestätigt, wenn sie gewinnen – und wenn nicht, dann waren eben die Anstrengungen nicht groß genug. Am Ende würde Gott der eigenen Sache zum Sieg verhelfen. Politisch geht es den Protestanten darum, als gleichrangige religiöse Partei im Reich akzeptiert zu werden.

ZEIT Geschichte: Das führt schon vor 1618 zu Konflikten im Reich, aus denen fast Kriege entstehen. Warum kann der Streit da noch geschlichtet werden – und 1618 nicht mehr?

Schmidt: Die Kriegsgefahr ist tatsächlich 1609/10 größer als 1618, aber sie löst sich dadurch auf, dass der französische König Heinrich IV. ermordet wird. Beim Aufstand in Böhmen treten dann zwei Dinge hinzu: Die Niederlande werden unmittelbar zum Vorbild der protestantischen Ständeopposition, weil die nördlichen Provinzen erfolgreich ihre Unabhängigkeit gegen die Spanier erkämpft und verteidigt haben. Außerdem steht, was zu wenig beachtet wird, 1618 im Herbst ein riesiger Komet am Firmament über Europa. Er wird als unheilvolles Zeichen Gottes gedeutet: Sofort schließen viele Publizisten daraus, dass nun der große Krieg bevorstehe, mit dem Gott die Menschen für ihre Sünden strafen wolle. Nichts anderes, so dachten viele, beginne gerade in Böhmen.