ZEIT Geschichte: Also doch ein Religionskrieg?

Schmidt: Auch ein Religionskrieg, ja – aber kein Konfessionskrieg. Ob der Gegner katholisch oder protestantisch war, steht weder für die Mehrheit der Söldner noch für die Monarchen im Mittelpunkt. Es ist ja modern, zu behaupten, vor dem Dreißigjährigen Krieg habe sich ein "konfessionelles System" in Europa entwickelt. Selbst wenn das so wäre, kämpfen fast überall in diesem Krieg konfessionsgleiche Parteien gegeneinander: im Norden die Schweden gegen die Dänen, im Westen die Franzosen gegen die Spanier, im Süden die Venezianer gegen die österreichischen Habsburger.

ZEIT Geschichte: Warum entfacht die böhmische Rebellion am Rande des Reiches überhaupt einen so großen Krieg?

Schmidt: Der böhmische Krieg endete eben nicht nach der Schlacht am Weißen Berg – weil sich der Kaiser Hilfe durch Maximilian von Bayern geholt hatte. Dessen Gegenforderung musste noch durchgesetzt werden: Er wollte über die Oberpfalz herrschen, das im Norden Bayerns gelegene Fürstentum des "Winterkönigs" Friedrich von der Pfalz. Und er beanspruchte auch den Kurfürstentitel von Friedrich für sich. Als die bayerischen Truppen 1621 die Oberpfalz besetzten und in die Rheinpfalz einfielen, hatte sich der Krieg endgültig ins Innere Deutschlands verlagert.

ZEIT Geschichte: Aber auch dort sind die entscheidenden Schlachten 1623 geschlagen.

Schmidt: Trotzdem geht der Krieg weiter. Die Bayern und der Kaiser lassen ihre siegreichen Armeen nach Norden marschieren. Sie wollen ihr neues Herrschaftsgebiet durch ein Vorfeld absichern. Erst geht es gegen Hessen, dann gegen den Niedersächsischen Kreis – das ist der Moment, in dem Dänenkönig Christian IV. als Herzog von Holstein betroffen ist und in den Krieg eintritt.

ZEIT Geschichte: Von jetzt an wird immer rücksichtsloser auf Kosten der Bevölkerung gekämpft. Ist der Dreißigjährige Krieg der grausamste der Geschichte?

Schmidt: Das lässt sich schwer messen. Es gibt Aufzeichnungen von ungeheuerlichen Grausamkeiten. Auf dem Papier muss aber eine Scheußlichkeit die andere überbieten, um überhaupt Gehör zu finden, Hilfe herbeizurufen oder einen Gegenschlag zu rechtfertigen. Diese Überbietungsstrategie kennzeichnet eine Reihe von Quellen, in denen es etwa um Kannibalismus und Folter geht – oder um Vergewaltigungen, die es in jedem Krieg gegeben hat. Verdächtig ist, dass es meist Ausländer sind, die angeblich die grausamsten Taten verüben.

ZEIT Geschichte: Sie trauen den Quellen nicht?

Schmidt: Punktuell lässt sich nachweisen, dass eine Quelle von der anderen abgeschrieben ist, und überprüfbar ist davon wenig. In Schmalkalden soll es beispielsweise tausend Tote nach einem Überfall kroatischer Söldner gegeben haben. Die Toten finden sich aber nicht in den Kirchenbüchern, die sonst ganz gut geführt sind. Natürlich gibt es in diesem Krieg viele Grausamkeiten – aber wie viele genau? Welcher Art? Wo? Für die Verallgemeinerungen und für Übertreibungen hat vor allem die deutschnationale Geschichtsschreibung im 19. Jahrhundert gesorgt.

ZEIT Geschichte: Der Dreißigjährige Krieg als Urkatastrophe der deutschen Geschichte?

Schmidt: Der Dreißigjährige Krieg wird im 19. Jahrhundert zum Tiefpunkt der deutschen Geschichte erklärt, der Westfälische Frieden zum Diktat fremder Mächte. Das Bild vom Trauma stammt aus dieser Zeit, es diente dazu, den Aufstieg Preußens umso heller erstrahlen zu lassen. Preußens Mission sollte der deutsche Nationalstaat sein, von der Urkatastrophe zum Licht gewissermaßen.

ZEIT Geschichte: Bestimmt dieses Bild unseren Blick noch?

Schmidt: Ich glaube, das ist immer noch unser Blick. Die deutsche Meistererzählung gilt weiterhin: Der Weg führt vom Westfälischen Frieden, dem Tiefpunkt der Nation, zu Bismarcks Nationalstaatsgründung 1871. Nach dem Zweiten Weltkrieg werden die Vorzeichen lediglich umgedreht: Was vorher Gloria war, wird Schande. Und irgendwann nennt man es den "deutschen Sonderweg".

ZEIT Geschichte: In der Nachkriegszeit hat der Historiker Sigfrid H. Steinberg versucht, das Geschichtsbild des 19. Jahrhunderts umzustoßen. Für ihn waren die Kriegsgräuel reine Mythen.

Schmidt: Steinberg geht zu weit. Es ist unstrittig, dass es enorme Verwüstungen gab. 30 bis 45 Prozent der Bevölkerung im Reich fallen dem Krieg zum Opfer. Aber ist es eine Totalverwüstung, die Deutschland um Jahrhunderte zurückwirft, wie im 19. Jahrhundert behauptet? Ich denke, dieses Bild stimmt nicht. Die Bevölkerungsverluste sorgen sogar dafür, dass Ernährungsprobleme nach dem Krieg kaum noch eine Rolle spielen. In der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts wird Deutschland zu einem Land voller Kinder, die Wirtschaft kommt erstaunlich schnell wieder in Schwung.

ZEIT Geschichte: Das Massensterben als Chance für die Überlebenden?

Schmidt: Auch wenn es zynisch klingt: Viele Menschen, die vom Gesellschaftssystem ausgeschlossen waren, finden nach dem Krieg ihren Platz – schlicht und einfach, weil es weniger Menschen gibt. Es fehlt aber auch an Konsumenten, das bremst den Aufschwung. Bis die Bevölkerung wieder den alten Stand von etwa 15 bis 19 Millionen Menschen erreicht, vergehen fast hundert Jahre.

ZEIT Geschichte: Städte wie Hamburg erleben schon während des Krieges einen Aufschwung. Warum trifft der Krieg einige Regionen hart, andere gar nicht?

Schmidt: Über Hamburg laufen Kriegskredite, hier werden auch Waffen verkauft und verschifft. Die Hamburger verschanzen sich zwar hinter ihren Mauern, aber sie betreiben Welthandelspolitik und arrangieren sich mit ihren Kunden. So kommen Städte wie Hamburg oder Frankfurt am Main gut durch den Krieg. Oder nehmen Sie Oldenburg: Hier werden Kaltblüter gezüchtet, die jede Armee braucht, um ihre Geschütze zu bewegen – die Grafschaft geht mit einem leichten Plus aus dem Krieg. Es ist auch viel Glück und Zufall dabei: Die Heere ziehen meist entlang der Flüsse. Die Zerstörungen sind, grob gesagt, in einer Diagonale von Pommern bis ins Elsass am größten. Einige Gebiete bleiben vom Krieg nahezu unberührt: die Steiermark zum Beispiel oder Südtirol.