Im kollektiven Gedächtnis der Deutschen ist der Dreißigjährige Krieg verblasst. Das hat vor allem zwei Gründe: Zum einen liegt dieser Krieg nun bald vier Jahrhunderte zurück; über die Spuren, die er hinterließ, ist die Zeit längst hinweggegangen. Der andere Grund ist, dass der Zweite Weltkrieg – gemessen an den Zerstörungen, Vertreibungen und zivilen Opfern – dem Dreißigjährigen Krieg nicht unähnlich war und deswegen die Erinnerung an ihn "überschreiben" konnte. Gemeint ist weniger die individuelle oder in der Familie aufbewahrte Erinnerung, sondern das geschichtspolitisch geformte Gedächtnis, das mit den "Lehren", die aus der Vergangenheit gezogen werden müssen, angereichert wird. Die Lehre des Zweiten Weltkriegs lautet, jedenfalls in Deutschland, dass von deutschem Boden nie wieder Krieg ausgehen dürfe. Wenn ein Publizist heute seinen politischen Warnungen mehr Aufmerksamkeit verschaffen will, erinnert er an den Zweiten oder spricht von einem drohenden Dritten Weltkrieg.

Das war im 19. und noch zu Beginn des 20. Jahrhunderts mit dem Dreißigjährigen Krieg ganz ähnlich – nur dass die daraus gezogenen Schlussfolgerungen gänzlich andere waren. Alles, so die erste Lehre, müsse getan werden, damit ein solcher Krieg nicht noch einmal auf deutschem Boden ausgetragen werde. Daran schloss sich die zweite Lehre an: Konfessioneller Streit müsse so geregelt werden, dass sich weder Protestanten noch Katholiken veranlasst sähen, fremde Mächte zu ihrer Unterstützung ins Land zu rufen. Tatsächlich hat der in Münster und Osnabrück ausgehandelte Westfälische Frieden die konfessionellen Konflikte im Reich befriedet. Die Kriege, die danach auf deutschem Boden ausgetragen wurden, drehten sich im Wesentlichen um Macht und politische Interessen, aber nicht um religiös-konfessionelle Fragen.

Aus all diesem zogen die preußenfreundlichen Historiker des 19. Jahrhunderts den Schluss, Deutschland müsse im politischen Gefüge West- und Mitteleuropas ein auch militärisch starkes Zentrum bilden, um zu verhindern, dass Machtkonflikte in der geopolitischen Mitte Europas ausgetragen würden. Unter dem Eindruck der Napoleonischen Kriege wurde die Erinnerung an den Dreißigjährigen Krieg in dieser Hinsicht neu konturiert und zur Forderung nach einer politischen Einigung Deutschlands unter preußischer Führung zugespitzt. Das war eine Lehre aus dem Krieg, die in die nächsten Kriege hineinführte.

Die Beschäftigung mit dem Dreißigjährigen Krieg ist für uns heute auch deshalb so aufschlussreich, weil man an ihr studieren kann, dass beim "Lernen aus der Geschichte" – so die alte Formel der politischen Rhetorik – keineswegs immer das gelernt wird, was sich später als sinnvoll und richtig herausstellt. Jedenfalls hat das unter Verweis auf den Dreißigjährigen Krieg begründete Projekt der militärisch starken Mitte die Deutschen und Europa auf lange Sicht ins Unglück gestürzt. So pazifizierend sich die konfessionellen Regelungen des Westfälischen Friedenswerkes auf die inneren Verhältnisse im Reich auswirkten, so bellizistisch waren die Folgen, die aus dem Motiv der starken Mitte resultierten. Die Lernspuren des Dreißigjährigen Krieges in Deutschland sind zutiefst ambivalent. Diese Ambivalenz aufzuzeigen ist die Aufgabe der Politik- und Geschichtswissenschaft in Auseinandersetzung mit den Suggestionen der Geschichtspolitik, von der die "Lehren aus der Geschichte" verwaltet werden.

Wäre es deshalb vielleicht besser, man ließe die Geschichte ruhen und bemühte sich um einen anderen Ratgeber bei der Beantwortung gegenwärtiger Fragen? Die historische Erinnerung würde dann musealisiert und diente nur noch der gehobenen Unterhaltung, nicht der politischen Aufklärung. Derlei ist immer wieder versucht worden, doch nie mit dauerhaftem Erfolg. Gerade in Krisenzeiten waren Rückverweise auf die Geschichte immer wieder als politische Orientierungsmarken gefragt: Weltwirtschaftskrise, Vorgeschichte des Ersten Weltkriegs, die Appeasementpolitik der westlichen Demokratien gegenüber Hitler, die Zeit des Kalten Krieges – offenbar finden wir uns im Dickicht des Politischen nicht zurecht, ohne die Geschichte zu konsultieren. Es geht also nicht um einen Verzicht auf solche Rückversicherungen, sondern um die Verbesserung ihres Gebrauchs.

Dieser Text stammt aus dem Magazin ZEIT Geschichte Nr. 5/17.

Das gilt in besonderer Weise für den Dreißigjährigen Krieg. Die Schwierigkeiten der historischen Einordnung beginnen mit der schwer zu entscheidenden Frage, worum es in ihm eigentlich ging: um die Rechte der Stände gegenüber dem Landesherrn, die während des böhmischen Aufstands im Mittelpunkt standen? Oder um die Stellung und Anerkennung der Konfessionen, was bei den Calvinisten und Katholiken eine kriegstreibende Rolle spielte, während die Lutheraner sich eher zurückhielten, da sie mit dem Status quo des Augsburger Religionsfriedens ganz einverstanden waren? Oder ging es um die Machtverteilung in Europa, deren offene Fragen vor allem Spanien und Frankreich, aber auch die Niederlande, Dänemark und Schweden in den Krieg eingreifen ließen?

Lange Zeit ist die Forschung von der Idee geleitet worden, einer dieser drei Kriegsgründe müsse sich als der entscheidende herausfiltern lassen. Dementsprechend sind die Kontroversen um die Ursachen und die lange Dauer des Krieges entlang dieser Fragen ausgetragen worden. Inzwischen hat sich jedoch mehrheitlich die Auffassung durchgesetzt, es lasse sich nicht entscheiden, ob es in diesem Krieg wesentlich um Religions- oder um Machtfragen ging, weil beides sich gegenseitig durchdrungen und stimuliert habe. Man könne die einzelnen Dimensionen deswegen nicht in "wichtig" und "weniger wichtig" trennen. Dieser Krieg war ein Krieg, der aus vielen Kriegen, unterschiedlichen Kriegstypen, diversen Motiven und je eigenen Dynamiken zusammengesetzt war.