Prag, 23. Mai 1618. Aufgebrachte böhmische Adelige werfen die kaiserlichen Räte Jaroslav Bořita von Martinitz und Wilhelm Slavata von Chlum mitsamt ihrem Sekretär aus einem Fenster der Statthalterei auf dem Hradschin. Alle drei überleben. Und doch: Der Coup ist ein Mordversuch, ein Anschlag auf die habsburgische Staatsmacht. Aus Sicht der entrüsteten Adeligen unter Führung von Heinrich Matthias von Thurn geht es um kaum mehr als die Fortsetzung einer guten Tradition: Nach offizieller Zählung solcher Defenestrationen ist der "Prager Fenstersturz" der dritte "Fall" in der böhmischen Geschichte. Aber er verändert alles – in Böhmen wie im gesamten Heiligen Römischen Reich.

Warum waren die böhmischen Herren so aufgebracht? Es ging um verbriefte Rechte, die ihnen Kaiser und König Rudolf einst gewährt hatte. Seit 1526 trugen die Habsburger die böhmische Wenzelskrone in der ständisch dominierten Monarchie. Das finanzstarke Königreich war zu Beginn des 17. Jahrhunderts das bedeutendste Herrschaftsgebiet im habsburgischen Länderkonglomerat: Böhmen, Mähren und Schlesien zählten an die drei Millionen Einwohner. Konfessionell war Böhmen heterogen: zehn Prozent waren Katholiken, 80 Prozent Utraquisten (eine auf den Hussitismus zurückgehende Glaubensgemeinschaft), der Rest Lutheraner und Böhmische Brüder.

Die böhmischen Stände strebten nach rechtlicher und politischer Unabhängigkeit vom Heiligen Römischen Reich Deutscher Nation. Vor dem Hintergrund des Bruderzwists im Hause Habsburg machte Kaiser Rudolf im Majestätsbrief von 1609 auch weitreichende konfessionelle Zugeständnisse: Der bereits regierungsunfähige Kaiser und König verbriefte den Ständen freie Religionsausübung. 1612 folgte Matthias als Kaiser, und 1617 wählten die Stände seinen designierten Nachfolger Erzherzog Ferdinand zum böhmischen König. Dabei war der Steirer alles andere als ein Wunschkandidat der utraquistischen und lutherischen Stände: Ferdinand galt als strenger Gegenreformator, die protestantische Propaganda bezeichnete ihn als Tyrannen. So protestierte eine oppositionelle Ständeversammlung denn auch heftig gegen die habsburgische Konfessionspolitik.

Es ging im Königreich Böhmen also um ständische Freiheiten, und die Freiheit der evangelischen Religion war ein wichtiger Teil davon. Vor allem zwei Fälle wurden in Prag aufgeregt diskutiert: In den Gemeinden Braunau und Klostergrab gerieten die Protestanten beim Bau eines Gotteshauses in Konflikt mit ihren geistlich-katholischen Herrschaften. In Klostergrab war es der Erzbischof von Prag persönlich, der das Gotteshaus kurzerhand abreißen ließ. Obwohl der Kaiser Versammlungen verboten hatte, marschierten wütende protestantische Ständevertreter am 23. Mai 1618 auf den Hradschin und stellten die Statthalter zur Rede – die Folgen dieses Gesprächs sind oben geschildert. Bereits zwei Tage nach dem Fenstersturz, am 25. Mai, konstituierte sich in Prag ein Landtag, der eine 30-köpfige Direktorenregierung einsetzte. Damit war der Umsturz im Königreich Böhmen vollzogen. Über ein Jahr später, im Juli 1619, folgte ein eigenes Verfassungswerk für die fünf böhmischen Kronländer.

Einige Monate nach dem Fenstersturz werden auch in Wien die politischen Weichen neu gestellt. Am 20. Juli lassen die Erzherzöge Ferdinand und Maximilian den wichtigsten Berater von Kaiser Matthias festnehmen: Kardinal Melchior Khlesl steht eher für Kompromisspolitik und gefährdet Ferdinands Ambitionen auf den Kaiserthron. Doch vor allem muss ein schlagkräftiges Heer gegen die Böhmen aufgestellt werden. Schon eine Woche nach dem Fenstersturz beruft Matthias Karl Bonaventura Graf von Buquoy zum Armeekommandanten.

Hinter dem Kaiser stehen die mächtigen Verwandten in Madrid: Spanien, eine Weltmacht, die Wien sowohl finanziell als auch mit Truppenwerbungen unterstützt. Selbst der Papst stellt Geld bereit. Den Böhmen hingegen, die ein Heer unter Thurn und Georg Friedrich von Hohenlohe rekrutieren, gelingt es bei Weitem nicht, ihre potenziellen Unterstützer zu Verbündeten zu machen. Während die niederländischen Generalstaaten 6.000 Soldaten für Böhmen ins Feld schicken und 550.000 Gulden zahlen, hält sich Englands König Jakob I. vornehm zurück. Dafür darf man mit den protestantisch dominierten Kernländern Niederösterreichs rechnen, ebenso steht Karl Emanuel I. von Savoyen auf der Seite Böhmens. Der ausgezeichnete Heeresorganisator Ernst von Mansfeld, ein Condottiere im Dienst Savoyens, kommt mit einem Regiment zu Hilfe. Allerdings gelingt es der Regierung in Prag nie, die Armee befriedigend zu versorgen: Meutereien im böhmisch-pfälzischen Heer sind die Folge.

Dieser Text stammt aus dem Magazin ZEIT Geschichte Nr. 5/17.

Dennoch gehören die ersten Erfolge den Böhmen. Mansfeld erobert am 21. November 1618 das strategisch wichtige Pilsen. Thurn hat zuvor die Truppen Heinrichs von Dampierre, des zweiten kaiserlichen Generals, geschlagen, später besiegt er auch die Armee von Buquoy bei Lomnitz in Niederschlesien. Ende November stehen böhmische Soldaten in Niederösterreich: Mit dem Vorstoß in die habsburgischen Kernländer verfolgen die Böhmen den Plan, die österreichischen Protestanten für ihren Kampf zu gewinnen.

Auf der anderen Seite übernimmt nach dem Tod von Kaiser Matthias am 20. März 1619 Ferdinand das Oberkommando. Die habsburgische Militärmaschinerie kommt in Gang, auch erste Erfolge stellen sich ein: Die Truppen Buquoys siegen im Juni 1619 im Süden Böhmens bei Sablat. Mansfeld verliert den größten Teil seiner Verbände, angeblich können nur 150 Mann, darunter der Oberbefehlshaber, entkommen. Indessen wird im Mai das von Prag lang ersehnte Bündnis zwischen Böhmen und Mähren besiegelt. Anfang Juni stehen böhmische Truppen dann unter Thurn vor Wien. Aber dem Generalleutnant fehlt es an Belagerungsartillerie, er muss schon nach wenigen Tagen den Rückzug antreten. Der zweite böhmische Generalleutnant Hohenlohe gibt die Belagerung von Budweis auf. Immerhin können die Böhmen noch die Truppen Dampierres bei Wisternitz in Mähren schlagen.

Die dramatische Wende

Auf beiden Seiten kommt es von Beginn an zu Gräueltaten und Plünderungen. Solche Übergriffe werden ebenso prägend für den Alltag des Krieges wie die Probleme, mit denen die kaiserlichen Truppen zu kämpfen haben: mangelhafte Logistik, Desertionen, Meutereien, Erpressungsversuche durch die Soldateska und Krankheiten, die mehr Menschen dahinraffen als das Kriegsgeschehen. Trotz dieser Widrigkeiten macht sich Buquoy für eine Offensive bereit. Doch es tritt eine dramatische Wende ein.

Am 26. August 1619 wird Friedrich V. von der Pfalz zum böhmischen König gewählt. Der Landtag in Prag setzt Ferdinand kurzerhand ab. Dieser wird nur zwei Tage später – auch mit der Stimme der Kurpfalz – in Frankfurt zum römischen König und Kaiser gekürt. Die Böhmen haben mit Friedrich einen vermeintlich dicken Fisch an der Angel, der Pfälzer Kurfürst ist das Haupt der Protestantischen Union und Schwiegersohn des englischen Königs Jakob I. Doch die Union sieht sich weder militärisch noch politisch in der Lage, ihrem Direktor zur Seite zu stehen. Am Ulmer Unionstag im Juli 1620 wird ein Waffenstillstand mit dem katholischen Herzog Maximilian von Bayern beschlossen. Damit ist das Militärbündnis der Union quasi aus dem Spiel genommen. Auch England und Frankreich bieten keinen Rückhalt, im Gegenteil: Frankreich drängt die Union sogar zum Waffenstillstand.

Die protestantischen Stände Oberösterreichs hingegen gewinnt man als Verbündete. Es sind also nicht nur auswärtige Truppen, die Wien in eine – zumindest vorübergehende – Krise stürzen: Die Habsburger befinden sich in einem veritablen Bürgerkrieg. Auch Truppen der niederösterreichischen Stände verstärken die böhmischen Einheiten zunächst. Als Ferdinand den Niederösterreichern aber Religionsfreiheit zugesteht, huldigt die Mehrheit der Stände dem neuen Landesherrn. Dann tritt ein neuer Verbündeter Böhmens auf den Plan: Gabriel Bethlen, Fürst von Siebenbürgen, der mit seiner Hauptstreitmacht über Pressburg in Richtung Wien marschiert. Die Hauptstadt wird ein zweites Mal belagert, allerdings scheint die Lage diesmal wesentlich ernster zu sein. Doch Ende 1619 zieht sich die ständische Armee aus den Vorstädten Wiens zurück. Der oberungarische Adelige György Drugeth de Homonnai, ein Katholik und Feind Bethlens, ist den Habsburgern zu Hilfe gekommen und mit 11.000 Kosaken in Nordungarn eingefallen. Bethlen schließt darauf im Januar 1620 einen Waffenstillstand mit Ferdinand ab.

Wichtiger für die Habsburger sind jedoch neue Verbündete wie der protestantische sächsische Kurfürst Johann Georg, der sich seine Loyalität mit der Verpfändung der Ober- und Niederlausitz fürstlich abgelten lässt. Den wichtigsten Bündnispartner gewinnt der frisch gekürte Kaiser in München: Maximilian I., Herzog von Bayern, ein Schulfreund und Vetter Ferdinands. Im Vertrag von München vom 8. Oktober 1619 werden dem Wittelsbacher territoriale Gewinne und die pfälzische Kurwürde, das Recht der Kaiserwahl, versprochen – vor allem Letzteres wird maßgeblich zur Verlängerung des Krieges beitragen. Maximilian bietet dafür die Katholische Liga auf, das für die nächsten fünf Jahre bestimmende Militärbündnis der kaiserlich-katholischen Seite.

Im Juli 1620 überschreitet das gut ausgebildete Heer der Liga unter Generalleutnant Johann Tserclaes von Tilly die Grenze zu Oberösterreich. Der Widerstand im Land ob der Enns wird rasch zerschlagen. Im September stoßen dann die kaiserlichen Truppen hinzu, und fast zeitgleich besetzt der spanische Feldherrr Ambrosio Spínola Doria die Kurpfalz, während Johann Georg mit den sächsischen Truppen in die Lausitzen und nach Schlesien eindringt. Der böhmische König wird an allen Fronten angegriffen. Und er muss ohne seinen wichtigsten General auskommen: Mansfeld hat sich mit dem Prager Regiment überworfen und ist von seinen Pflichten entbunden worden.

Bei Prag, am Weißen Berg, stellt sich Christian von Anhalt, Architekt der pfälzischen Politik und Kronfeldherr Böhmens, am 8. November 1620 mit einem zahlenmäßig unterlegenen und demotivierten Heer den kaiserlich-ligistischen Truppen entgegen. Die religiös enorm aufgeladene Schlacht ist schnell geschlagen, das böhmisch-pfälzische Heer kann dem überlegenen Gegner nicht lange standhalten. Friedrich V., nun als "Winterkönig" verspottet, flieht in aller Eile aus Prag. Die habsburgische Strafjustiz jedoch kennt kein Erbarmen: 27 "Rebellen" und "Landfriedensbrecher" werden zum Teil grausam hingerichtet, Grundbesitzer radikal enteignet – die Folgen der Schlacht markieren einen epochalen Einschnitt in der Geschichte Böhmens und Tschechiens.

Mit dieser ersten Entscheidungsschlacht des Dreißigjährigen Krieges hätte der Aufstand in Böhmen nach gut zwei Jahren sein Ende finden können. Stattdessen wird aus dem Aufstand der "Teutsche Krieg". Maximilian lässt 1621 die Oberpfalz und die rechtsrheinische Pfalz besetzen – die linksrheinischen Gebiete sind schon durch spanische Truppen erobert worden. Die Residenzstadt Heidelberg fällt nach fast dreimonatiger Belagerung im September 1622. Maximilian verfrachtet die kostbare Bibliotheca Palatina nach Rom und schenkt sie dem Papst.

Der ehemalige Kurfürst Friedrich, 1621 in die Reichsacht genommen, verliert nicht nur sein pfälzisches Stammland, sondern auch die Protestantische Union, die sich endgültig auflöst. Dank englischer und niederländischer Unterstützung aber findet Friedrich alte und neue Verbündete: Zunächst tritt Mansfeld wieder in pfälzische Dienste, dann Christian der Jüngere von Braunschweig-Wolfenbüttel, und 1622 stellt sich Georg Friedrich, Markgraf von Baden-Durlach, an seine Seite. Doch Tilly schlägt diese Söldner-Trias nacheinander: Der Markgraf wird am 6. Mai 1622 mit spanischer Unterstützung bei Wimpfen am Neckar besiegt, Christian am 20. Juni bei Höchst und am 6. August 1623 bei Stadtlohn im Münsterland. Auch Mansfeld kann vom Generalleutnant der Liga in Schach gehalten werden. Der Krieg verlagert sich in den Norden, bis Christian IV. von Dänemark als Obrist des niedersächsischen Reichskreises interveniert und ein neues Kapitel des Dreißigjährigen Krieges aufgeschlagen wird.

Robert Rebitsch lehrt Geschichte an der Universität Innsbruck