Wehenschmerz und Wahnsinn – Seite 1

Im Jahr 1903 wird in einem Kindsmordprozess im schlesischen Hirschberg die 22-jährige Landmagd Hedwig Otte freigesprochen. Die Richter und die Geschworenen – unter ihnen der Dichter Gerhart Hauptmann – fällen dieses Urteil aus Mitleid. Der Prozess liefert ein ländliches Drama als Stoff für ein bürgerliches Trauerspiel: Hauptmanns Rose Bernd.

Mehr als hundert Jahre zuvor, im Jahr 1772, wird die Frankfurter Kindsmörderin Anna Margaretha Brandt noch nach den harten Vorgaben der Constitutio Criminalis Carolina von 1532 zum Tode verurteilt und hingerichtet. Der Prozessbeobachter Johann Wolfgang von Goethe macht sie in der Gretchentragödie des Urfaust zur tragischen Heldin.

Zwischen diesen beiden Prozessen liegen die Auswirkungen der Debatten der Aufklärung, die das Ende der Todesstrafe und einen humaneren Umgang mit Kindsmörderinnen forderten. Mit ihnen vollzog sich nicht nur ein Wandel in der Rechtsprechung, sondern auch ein Wandel des Bildes der Kindsmörderin. Verurteilte das Gericht 1772 einen "vorsetzlich und boshafterweise" verübten Mord, ging man um 1900 davon aus, dass der drohende Verlust der Geschlechtsehre und die Angst vor der Schande die ledige Mutter bewogen hatten, ihr Kind zu töten.

Ehrlos aus der Gesellschaft verstoßen, in bitterer Not lebend, töteten die Mütter in Wehenschmerz und Wahnsinn ihr Kind – so melodramatisch brachten auch andere Dichter des Sturm und Drang das Unglück unschuldig verführter Kindsmörderinnen auf die Bühne und in Bänkelliedern auf die Marktplätze. In dem neuen "Gretchenparadigma", dem jammervollen Gegenbild zur sittsam-ehelichen Mütterlichkeit, spiegelte das Bürgertum seine Sexualmoral und sein Tugendideal, das in der Keuschheit vor der Ehe den höchsten Wert der Frau sah. Der Freispruch für Hedwig Otte – und der ihm zugrunde liegende Paragraf 217 des Reichsstrafgesetzbuches von 1871, wonach Kindstötung "die vorsätzliche, sei es überlegte, sei es nicht überlegte Tötung des unehelichen Kindes durch die Mutter in oder gleich nach der Geburt" ist – huldigte in seinen Milderungsgründen dieser Vorstellung.

Aber welche Geschichten erzählen die Kindsmörderinnen vor Gericht, Mägde wie Hedwig Otte, deren groben Dialekt Hauptmann zum Entsetzen des bürgerlichen Theaterpublikums 1903 in Berlin auf die Bühne bringt? Kriminalstatistiken, die nur verurteilte Fälle, aber nicht hohe Dunkelziffern berücksichtigen, zeigen, dass es sich bei der Kindstötung vor allem um ein ländliches Delikt handelte, während in Städten die Abtreibungsziffern höher lagen. Der Blick auf den ländlichen Raum zeigt zugleich, auf welchen sozialen Rückhalt Kindsmörderinnen hoffen durften.

Dieser Text stammt aus dem Magazin ZEIT Geschichte Nr. 1/2018.

Nach bayerischen Schwurgerichtsakten, die von Arbeits- und Lebensverhältnissen in der bäuerlichen Welt berichten, waren Kindsmörderinnen zwar ledig, aber kaum von Schande bedroht, da in Oberbayern Mitte des 19. Jahrhunderts 25 Prozent der Kinder der ländlichen Unterschichten vorehelich zur Welt kamen. Im Gesindedienst war die Ledigenzeit eine lange Übergangsphase oft bis zum 35. Lebensjahr, in welcher der zukünftige Haushalt erst langsam aufgebaut wurde. Viele der oberbayerischen Kindsmörderinnen hatten zum Zeitpunkt der Tat sogar schon Kinder. Die unehelichen Elternpaare lebten in einer Familienordnung dörflicher Prägung, in der Kinder bei Groß- oder Pflegeeltern aufwuchsen, bis die Eltern heiraten und einen Hausstand gründen konnten. Ein weiteres Kind bedeutete für viele von ihnen eine zusätzliche Härte, aber ihnen drohte keine Verstoßung durch die Familie oder ihre Umgebung.

Die Väter der unehelichen Kinder stammten meist aus derselben dörflichen Schicht wie die Kindsmörderinnen, waren Tagelöhner, junge Handwerker oder Knechte, mit denen sie unter einem Dach lebten und arbeiteten. In Zeugenaussagen ist von Liebesbeziehungen unter dem Gesinde die Rede, aber auch von der Rigidität der Bauern, wenn es um drohende Störungen durch Schwangerschaften geht. Die Mägde konnten ihren Arbeitsplatz verlieren, wenn sie sich nicht an die strengen Regeln bäuerlicher Arbeitszyklen hielten oder während der Ernte ausfielen. Auch zu viele uneheliche Kinder konnten zur Last werden und das wenige Ersparte verschlingen.

Dort, wo für Geburten des ledigen Gesindes kein Platz war

Mägde gerieten aber vor allem dann in Schwierigkeiten, wenn der Vater des Kindes sie im Stich ließ, die Vaterschaft leugnete, keine Alimente zahlte oder wenn er nach den Regeln der dörflichen Heiratsordnung der "Falsche" war: ein verheirateter Mann, ein Bauernsohn oder ein Fremder. Vor allem wenn sie Liebschaften mit mehreren Knechten gehabt hatte, fiel eine Frau im dörflichen Gerede in Ungnade, denn das Dorf mit seinen begrenzten Ressourcen befürchtete, für solche Kinder mit der Armenkasse aufkommen zu müssen. War der Ruf der Frau beschädigt, konnte sie als "liederlich" gelten und die Solidarität des Dorfes aufs Spiel setzen.

In der bäuerlichen Arbeitswelt, in der für die Kindsgeburten des ledigen Gesindes kein Platz war, brachten manche Kindsmörderinnen nach einer verheimlichten Schwangerschaft ihre Kinder ohne Beistand zur Welt. Sie taten dies während der Arbeit – im Stall, auf dem Abtritt, auf einem Heuboden, im Pferdestand, auf dem Feld –, in einer Gaststube nach der Arbeit, nachts in einer Kammer, wo oft auch andere Mägde schliefen. Dann nahmen sie am nächsten Morgen den Dienst wieder auf, als sei nichts geschehen. Zeugenaussagen in Schwurgerichtsakten und die Umstände der Aufdeckung der Kindstötungen zeigen, dass die Kindsmörderinnen in ein Netzwerk von beobachtender Solidarität und Neugier von Mägden, Bäuerinnen, Nachbarinnen oder Hebammen eingebunden waren, von denen abhing, ob die Tat aufgedeckt wurde oder nicht.

Untersuchungen zum Kindsmord in den bäuerlichen Welten des 19. Jahrhunderts zeigen, dass der Aufdeckung einer Kindstötung häufig eine Verurteilung durch das Dorf als "liederlich" – diebisch, faul, den hierarchischen Sittenkodex missachtend – vorausgegangen war. Oft war das Dorf quasi die erste gerichtliche Instanz, die darüber entschied, ob eine Kindsmörderin vor das bürgerliche Gericht treten musste. Kam es zu Anzeige, Prozess und Verurteilung, konnten manche Kindsmörderinnen nach ihrer Entlassung damit rechnen, wieder in das Dorf aufgenommen zu werden.

Eindrucksvoll zu sehen ist dies im Fall von Anna H., einer Mutter dreier unehelicher Kinder, die ihr viertes, das sie mit einem verheirateten Mann hatte, umbrachte. Nachdem der Leichnam gefunden worden war, verurteilte sie ein Schwurgericht 1887 zu sechs Jahren Haft. Doch bereits nach zwei Jahren konnte ein vom Dorf erstelltes Leumundszeugnis das Gericht überzeugen, Anna H. freizulassen, da sie "eine ausgezeichnete landwirtschaftliche Arbeiterin ist, wo leicht ein gutes Unterkommen findet, denn genannte Arbeiterinnen sind immer wenig und sind sehr gesucht".

Im kriminalistischen Diskurs von Juristen, Medizinern und der Psychiatrie in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts ist aber nicht nur das mitleiderregende "Gretchenparadigma" wirksam. Vielmehr wird die Kindsmörderin in rechtsmedizinischen Abhandlungen unter die degenerierten Verbrecherinnen eingeordnet, ihr sozialer Hintergrund ist plötzlich belanglos: Das Gespenst der "entarteten Verbrecherin", der kein Mutterinstinkt zuerkannt wird, löste die Vorstellung vom "gefallenen Mädchen" ab. In diesen Debatten findet sich die Kindsmörderin neben Prostituierten und anderen "geborenen Verbrecherinnen" wieder, die im bürgerlichen Sittenkanon das Gegenbild zur tugendhaften Ehefrau darstellen.