Sherlock Holmes verblüfft noch heute. Sein arroganter Ermittlungsstil, der auf überlegenem Wissen beruht, begeistert Leserinnen und Leser in der Gegenwart genauso wie seinen Begleiter Doktor Watson. Die Faszination der Geschichten des britischen Autors Arthur Conan Doyle beruht vor allem darauf, dass Holmes, der 1887 seinen ersten Fall löste, quasi alle kriminaltechnischen Innovationen seiner Gegenwart in einer Person vereinte. Das war unrealistisch, aber reizvoll. Holmes brillierte besonders in der Auseinandersetzung mit den Spuren und Objekten am Tatort – also mit den stummen Zeugen einer Straftat, die man auch "Realien" oder "Evidenzen" nennt.

Die Analyse der Spuren gewann im Laufe des 19. Jahrhunderts an Bedeutung, weil sie eine Leerstelle in der Ermittlungsarbeit von Polizei und Justiz schließen sollte. Zeugenaussagen waren durch die Wissenschaft Schritt für Schritt diskreditiert worden: Die Erzählungen über einen Tathergang, so hatte man erkannt, waren in entscheidendem Maße von der individuellen Fähigkeit und dem Willen der Zeugen bestimmt, etwas wahrzunehmen und sich an Geschehenes zu erinnern. Konnte das eine sichere Basis für die kriminalistische Arbeit darstellen? Die wissenschaftlich-technologisch fundierte Befragung der Tatortspuren versprach eine gute Alternative zu sein.

Sherlock Holmes blickte bei seinen Ermittlungen meist mit Verachtung auf die Kriminalbeamten, die am Tatort arbeiteten – ob der Inspektor nun Lestrade hieß oder Hopkins. Diese Beamten konnten dem genialischen Meister des Fachs natürlich nicht das Wasser reichen. Ihnen fehlte der Sachverstand, sie wussten schlicht nicht, auf welche Art und Weise sie Spuren sichern sollten, damit die moderne Kriminaltechnik sie auswerten konnte. Conan Doyle inszenierte damit ein reales Problem der Polizei: Die neuen kriminaltechnischen Methoden waren den Beamten und Untersuchungsrichtern nur zugänglich, indem sie auf ein weit gespanntes Netzwerk von Spezialisten zurückgriffen. Das war mühsam – und setzte eigenes Wissen voraus.

Erfolgreich konnte die moderne Analyse in den Labors nur dann sein, wenn die Spuren am Tatort so umsichtig und vollständig wie möglich gesichert wurden. Dafür musste der häufig noch grobschlächtige Dilettantismus der vormodernen Polizeiarbeit überwunden werden. Der Kriminalpolizist musste zumindest basale Kenntnis davon haben, wozu Wissenschaft und Labor in der Lage waren. Ein solches Wissen aber war unter Polizisten zur Jahrhundertwende eher die Ausnahme, wie folgendes Beispiel aus Deutschland zeigt.

Der Tierarzt Wilhelm Eber schlug 1888 der Berliner Polizei vor, an Tatorten Fingerabdrücke zu sammeln, um bestimmen zu können, wer sich dort aufgehalten habe. Eber war auf die Idee bei seiner Arbeit in einem Schlachthof gekommen: Dort floss jede Menge Blut, und er hatte beobachtet, wie die Arbeiter ihre blutigen Hände regelmäßig mit Handtüchern abtrockneten. Sie hinterließen deutliche Abdrücke ihrer Hautlinienbilder im Stoff. Eber erblickte in diesen Abdrücken mögliche Indizien, mit denen auch die Anwesenheit eines Verdächtigen an einem Tatort nachweisbar sein müsste. Der Tierarzt teilte seine Idee der Polizei mit und entwickelte sogar ein Verfahren, um die Abdrücke mittels Jod zu konservieren.

Dieser Text stammt aus dem Magazin ZEIT Geschichte Nr. 1/2018.

Die Berliner Polizei jedoch ließ sich von seinem Vorschlag nicht beeindrucken. Im Juni 1888 schrieb ihr Präsident: "Soweit die diesseitigen Beamten sich zu erinnern vermögen", seien "an Türklinken, Gläsern und anderen für die Aufnahme und Zurücklassung eines Handbildes geeigneten Gegenständen auch bei der sorgfältigsten Besichtigung des Tatortes solche Spuren nicht wahrgenommen worden".

Man muss der Berliner Polizei zugutehalten, dass der Vorschlag von einem Tierarzt kam. Das war nicht unbedingt ein fachlicher Hintergrund, der für kriminaltechnische Innovationen prädestinierte. Ebers Idee aber war seiner Zeit mehr als nur einen Schritt voraus. Erst mehr als 20 Jahre später – Eber war mittlerweile gestorben – begann die Polizei auch in Deutschland, die Fingerabdrücke von Verdächtigen und Verhafteten zu nehmen. Sie wurden gesammelt, die unterschiedlichen Formen klassifiziert und registriert. Das Fingerabdruckverfahren, die Daktyloskopie, etablierte sich. Langsam kam die Idee von Wilhelm Eber zu ihrem vollen Recht.