ZEIT Geschichte: Herr Pfeiffer, haben Sie schon mal darüber nachgedacht, einen Mord zu begehen?

Christian Pfeiffer: Nie.

ZEIT Geschichte: Könnte im Prinzip jeder von uns zum Mörder werden, auch Sie oder ich?

Pfeiffer: Jeder kann lernen zu töten. Ich bin bei der Bundeswehr sogar dazu ausgebildet worden, den Feind im Krieg zu töten. Aber Mord ist etwas anderes, dazu gehören Heimtücke und niedere Beweggründe.

ZEIT Geschichte: Was macht einen Menschen zum Mörder?

Pfeiffer: Ein Gewaltverbrecher ist meist selbst Opfer von Gewalt geworden. Zum Mörder wird man nicht geboren, dazu wird man gemacht. Die Sexualmorde zum Beispiel sind seit 30 Jahren um fast 90 Prozent zurückgegangen, weil sadistisch-brutale Kindererziehung immer seltener geworden ist.

Rebekka Habermas: Ich glaube auch, dass man zum Mörder gemacht wird. Gerade bei Sexualdelikten spielt jedoch eine maßgebliche Rolle, welche Art von Sexualität in einer Gesellschaft als legitim oder illegitim gilt und wo die Grenzen der sexuellen Selbstbestimmung verlaufen. Je nachdem sind die Schwellen höher oder niedriger. Diese Vorstellungen wandeln sich im Laufe der Geschichte erheblich.

ZEIT Geschichte: Ende des 19. Jahrhunderts haben Kriminologen versucht, den "geborenen Verbrecher" zu identifizieren. Kommt die heutige Hirnforschung, die den freien Willen negiert, nicht zu ähnlichen Ergebnissen? Für Neurobiologen sind Mörder andere Menschen als wir.

Pfeiffer: Einspruch. Es fehlen bis heute Vergleiche von Gewaltverbrechern etwa mit Menschen, die Weltmeister im Boxen geworden sind. Es gibt eine Gewaltorientierung, die genetisch bedingt ist – aber ob man Mörder oder Weltmeister im Boxen wird, ist in erster Linie eine Frage der sozialen und kulturellen Einflüsse. Die Zwillingsforschung bestätigt das. Den geborenen Mörder gibt es nicht!

Habermas: Cesare Lombroso, dem Mentor der Kriminalanthropologie, ging es um den atavistischen Verbrecher, der auf eine Vorstufe der Zivilisation zurückfällt. Das ist ein ganz anderes Denkmodell, als der Hirnforschung zugrunde liegt. Außerdem haben sich biologistische Theorien immer mit Denkmodellen abgewechselt, die auf das soziale Umfeld abstellen.

ZEIT Geschichte: Welche Rolle spielen die Gene überhaupt?

Pfeiffer: 95 Prozent der Strafgefangenen sind Männer. Ich bestreite also gar nicht, dass es genetische Unterschiede gibt. Aber die Vorprägung ist kein Schicksal. Sie stattet manche Menschen, vor allem Männer, mit gehörigem Risikopotenzial und mit großen Körperkräften aus, was im Konflikt vielleicht schneller zu Gewalt führt. Die soziale Einbettung kann jedoch aus jedem Menschen einen friedlichen Zeitgenossen machen. Verlässliche Daten aus früheren Jahrhunderten gibt es leider nur zum Mord. Sie zeigen, dass dieses Delikt in den vergangenen 300 Jahren beispielsweise in England und Deutschland um das Zehnfache zurückgegangen ist. Nicht die Gene haben sich seither stark verändert, sondern die sozialen Rahmenbedingungen und Normen.

Dieser Text stammt aus dem Magazin ZEIT Geschichte Nr. 1/2018.

ZEIT Geschichte: Kann man der Kriminalstatistik bei solch langen Zeiträumen überhaupt trauen?

Habermas: Die Statistik entwickelte sich erst Anfang des 19. Jahrhunderts – und galt als großes Heilsversprechen: Wenn wir alles statistisch erfassen, dachte man, kontrollieren wir es. Dabei hält die Statistik im 19. Jahrhundert vor allem fest, wie die Gerichte arbeiten, sie soll sie kontrollieren und nicht Tatbestände erheben. Ich halte sie für eine hochproblematische Quelle.

ZEIT Geschichte: Erschaffen Statistik und Kriminologie nicht überhaupt erst die Vorstellung davon, was ein "Verbrechen" ist?

Habermas: Ohne jeden Zweifel. Lombrosos Bild vom atavistischen Verbrecher hatte erhebliche soziale Macht: Polizisten wurden trainiert, einen bestimmten Typus von Männern für besonders kriminell zu halten. Diese Personen gerieten automatisch stärker in den Fokus der Beamten.

Pfeiffer: Lassen wir das 19. Jahrhundert, mir reicht es schon, auf die jüngere Vergangenheit zu schauen: Mitte der 1980er Jahre zählte die Polizei 55 Sexualmorde pro Jahr, 2016 waren es 7. Seit dem Jahr 2000 sind die Fälle von Totschlag und Mord um 31 Prozent zurückgegangen. Da fragt man sich doch: warum?

ZEIT Geschichte: Und?

Pfeiffer: Ein Grund ist die wachsende Macht der Frauen. Sie sind friedlicher als Männer. An Mordtaten sind sie nur zu 10 bis 12 Prozent beteiligt. Bei eher harmlosen Delikten sind die Frauen mit dabei, aber bei den schweren kaum ...

ZEIT Geschichte: Weil sie weniger verbrecherisch sind oder weil sie andere Methoden bevorzugen als Männer?

Pfeiffer: Sie sind eindeutig weniger gewalttätig. Der zweite, noch wichtigere Grund für den Rückgang von Gewaltverbrechen ist der Wandel der Erziehungskultur. Gewalt wird erzeugt durch prügelnde Eltern. Wir haben Menschen aller Altersgruppen in Deutschland gefragt: Wie war deine Kindheit? Heraus kam, dass Kindesmisshandlungen bis in die siebziger Jahre auf relativ hohem Niveau blieben, dann ging die Zahl steil nach unten. Zugleich wuchs die Zuwendung der Eltern: "Mehr Liebe, weniger Hiebe".

Habermas: Hiebe können auch Liebe sein. Gewaltausübung in Familien heißt ja nicht, dass Kinder nicht geliebt werden.