Es braucht wenig Mühe, um zu erkennen, wie heruntergewirtschaftet die sizilianische Mafia ist. Ein Besuch im Restaurant Villa Pensabene in Palermo genügt. Dort wollen die Bosse aus der Region im Jahr 2011 eine neue Führungsriege bestimmen. Früher wäre man in einem Nobelrestaurant zusammengekommen, doch inzwischen tut es auch eine abgelegene Wirtschaft, deren Pizza zu den schlechtesten der Stadt gehört.

Die Mafia-Paten müssen sich in der Villa Pensabene aber nicht nur mit zweitklassigen Speisen zufriedengeben. Sie werden dort von der Polizei belauscht. Kein Neuanfang erwartet die Bosse, sondern das Gefängnis.

Das aufgeflogene Treffen ist einer von vielen Rückschlägen, welche die (un)ehrenwerte Gesellschaft – einst eines der mächtigsten Verbrecher-Syndikate der Welt – in diesen Tagen einstecken muss. Immer öfter geht bei ihren Geschäften etwas schief, immer weniger akzeptiert sind die Mafiosi in der Bevölkerung. Dabei hatte doch alles so gut angefangen für die Cosa Nostra, vor rund 150 Jahren.

Die früheste Beschreibung der Mafia findet sich in einem Bericht von Niccolò Turrisi Colonna, Baron von Buonvicino – ein reicher Großgrundbesitzer, der 1860 die Führung der neuen Nationalgarde in Palermo übernahm. Bald darauf wurde er Abgeordneter im italienischen Parlament und befasste sich mit Fragen der inneren Sicherheit. Er erkannte, dass in Sizilien vernetzte Gruppen ihr Unwesen trieben, die für Erpressung, Raub und Mord verantwortlich waren. Die Dunkelziffer war hoch, auffallend wenige Fälle waren angezeigt worden.

Im Jahr 1864 skizzierte Turrisi Colonna die Situation in einem amtlichen Bericht: Vor rund zwanzig Jahren sei durch Zusammenschlüsse geschäftstüchtiger Bauern eine "Sekte" entstanden, aus Wachleuten, die auf den Gütern um Palermo eingesetzt waren, und aus Schmugglern. Er beschrieb damit die frühe Mafia.

Dieser Text stammt aus dem Magazin ZEIT Geschichte Nr. 1/2018.

Turrisi Colonna schilderte auch ihr Geschäftsmodell. Sie stahl Rinder und schlachtete sie oder verlangte Lösegeld für die Tiere. Schon damals differenzierte sich die Organisation in unterschiedliche Banden aus, die sich spezialisierten. Ebenfalls bereits vorhanden: geheime Erkennungszeichen, traditionelle Riten, die Aufnahmefeier und das Schweigegelübde. Auch die Einschüchterung von Zeugen beklagte der Baron: "Diese Leute können sich der Strafjustiz einfach entziehen, sie erfreuen sich des Mangels an Beweisen, auch wegen des Drucks auf Zeugen."

Die Banden traten anfangs als Gegenstaat zum verhassten Regime der spanischen Bourbonen auf. Doch schnell erkannte man die Vorteile einer Verflechtung mit dem entstehenden italienischen Nationalstaat und seinen Institutionen. So kooperierte auch Turrisi Colonna mit den Kriminellen: Einem Clan-Mitglied verhalf er zu einem Führungsposten in der Nationalgarde, und auf einem seiner Anwesen durfte die Mafia die Aufnahme neuer Mitglieder feiern.

In seinem Standardwerk zur Geschichte der Cosa Nostra datiert der Journalist und Historiker John Dickie die erste Erwähnung des Begriffs "Mafia" auf die Zeit unmittelbar nach Fertigstellung von Turrisi Colonnas Bericht im Jahr 1864. Allerdings war damals noch nicht genau umrissen, was das Wort bedeutete.

Die Clans jedoch operierten bereits so, wie wir es bis heute kennen: Sie investierten in neue, lukrative Gewerbe, in diesem Fall in das boomende Geschäft mit Zitrusfrüchten. Zitronen aus Sizilien wurden bis nach New York verschifft. Ihre Produktion war nicht einfach, die Plantagen mussten mit Dampfpumpen bewässert werden, aber der Gewinn rechtfertigte den Aufwand. Insbesondere für die Clans: Sie zweigten Früchte ab und verkauften diese weiter.

Zugleich versuchten sie, selbst in die Produktion einzusteigen und sich der Unternehmen zu bemächtigen. Aktenkundig wurde der Fall eines Betriebes, um den sich zwei Clans stritten. Einer der Aufpasser des Besitzers wurde erschossen, sein Nachfolger ebenfalls. Wie sich später zeigte, hatten beide einen mafiösen Hintergrund: Sie waren von zwei Banden in das Unternehmen geschleust worden – mit dem Ziel, es zu ruinieren, damit es sich die Clans unter den Nagel reißen konnten.