Mit harter Hand aufräumen, das Verbrechen an seiner Wurzel packen und "ausmerzen", ohne nach den sozialen Hintergründen zu fragen, und dabei lästige Hürden der Rechtsstaatlichkeit einebnen – in diesen Vorstellungen über die Bekämpfung von Kriminalität trafen sich die Nationalsozialisten selbst mit solchen Polizisten und Juristen, die ihnen anfangs fernstanden. Diese Sehnsüchte nach radikalem Durchgreifen, die teilweise noch heute aktuell sind, schienen sich nach 1933 rasch zu erfüllen. Mit ihnen begann eine Entwicklung, die in der unerbittlichen Verfolgung von "Gewohnheits- und Berufsverbrechern" und schließlich in tausendfachem Mord mündete.

Die nationalsozialistische Verbrechensbekämpfung entgrenzte in Schüben. Zum einen weiteten Polizei und Justiz den Kreis der Betroffenen stetig aus. Zum anderen wurden die Strafen verschärft, bis aus Sanktionen vorbeugende, rassisch motivierte Polizei- und Justizgewalt wurde. Bestraft wurden nicht mehr nur tatsächliche Delikte, sondern der unterstellte Wille zu weiteren Straftaten oder die behauptete genetische Disposition zum Verbrechen. Aus rigoroser Ahndung von Kriminalität wurde eine mörderische Kriminalprävention nach rassischen Grundsätzen.

Schon bald nach der Machtübernahme wandte sich die Polizei gegen solche Kriminelle, denen sie bis dahin nicht beigekommen war. In Großrazzien wurden viele von ihnen aufgegriffen und verhaftet. Vor allem sozial Deklassierte, sogenannte "Asoziale", gerieten ins Visier. Mitte September 1933 verhaftete die Polizei Bettler von der Straße weg und holte Obdachlose aus den Asylen. Mehrere Zehntausend Menschen wurden bei diesem Polizeieinsatz vorübergehend verhaftet. Im November 1933 führte das NS-Regime per Erlass die "Vorbeugehaft" ein. Nun konnte die Polizei mehrfach vorbestrafte Menschen ohne zeitliche Begrenzung und ohne Urteil in Haft halten. Wenige Tage später folgte ein "Gesetz gegen gefährliche Gewohnheitsverbrecher". Es verschärfte die Strafen für Wiederholungstäter und ermöglichte die unbefristete Sicherungsverwahrung, "wenn die öffentliche Sicherheit es erfordert".

Wer aber als Gewohnheitsverbrecher zu gelten hatte, legte das Gesetz nicht fest – darüber befanden die Richter. Dem Bild vom Gewohnheits- oder Berufsverbrecher lag ein biologistisches Verständnis zugrunde, dessen Wurzeln weiter zurückreichen. Die Verfechter der Kriminalbiologie sahen die Ursache für notorische Kriminalität in genetischer Veranlagung. "Ausgemerzt" werden konnten Verbrechen demnach nur, indem man Übeltäter reihenweise inhaftierte. Die Statistik schien dies zu bestätigen, gingen doch Delikte wie Diebstahl zunächst signifikant zurück. Weitere Radikalisierungsschübe der NS-Kriminalitätspolitik sollten diesen Trend forcieren.

Durch den Erlass zur "vorbeugenden Verbrechensbekämpfung" wurden der Polizei Ende 1937 fast unbegrenzte Handlungsmöglichkeiten gegen Kriminelle und "Asoziale" eingeräumt. Die Ermittler selbst erhielten die Deutungsmacht darüber, wer vorbeugend inhaftiert werden konnte. Außer dreifach Vorbestrafte konnte dies nun auch jeden treffen, dem die Beamten einen Willen zu weiteren Straftaten attestierten oder der angeblich "durch sein asoziales Verhalten die Allgemeinheit gefährdet".

Dieser Text stammt aus dem Magazin ZEIT Geschichte Nr. 1/2018.

Diese weite und offene Definition fand ihre Entsprechung in immer neuen Großaktionen. Im April 1938 wurden 2000 "Arbeitsscheue" verhaftet, also Personen, die mindestens zweimal "grundlos" eine Arbeitsstelle abgelehnt oder unentschuldigt ihren Arbeitsplatz verlassen hatten. Im Juni folgte die nächste Großaktion gegen alle als "asozial" Eingestuften, also Bettler, Landstreicher, Zuhälter, "Zigeuner", mehrfach Vorbestrafte sowie Juden mit einer Gefängnisstrafe. In dieser als "Aktion Arbeitsscheu" bezeichneten Verhaftungswelle wurden mindestens 10.000 Menschen aufgegriffen und in die Konzentrationslager gebracht.

Auf Unterstützung aus der Bevölkerung konnten die in "Schutzhaft" Genommenen, wie die Form der Inhaftierung beschönigend hieß, kaum hoffen. Dass mit Vorbestraften, Zuhältern, Obdachlosen und Bettlern "endlich aufgeräumt" wurde, stieß nicht nur bei Anhängern des Regimes auf Zustimmung.

Mit Kriegsbeginn trat die Verbrechensbekämpfung in eine neue Phase und schlug einen mörderischen Kurs ein, zugleich nahm die Kriminalität wieder deutlich zu. Ein neues Motiv der Strafverfolgung war die Sicherung der "Heimatfront": Schon in den ersten Kriegstagen wurden "Wehrunwürdige", also erheblich vorbestrafte Männer, verhaftet und in Konzentrationslager eingewiesen. Auf immer mehr Delikte stand nun die Todesstrafe als höchstes Strafmaß; die Zahl der verhängten Todesurteile – bis Kriegsende außerhalb der Militärjustiz rund 17.000 – schoss in die Höhe. Vornehmlich verhängten Richter die Höchststrafe gegen ausländische Zwangsarbeiter und "Volksschädlinge".