Das Verbrechen ist beinahe perfekt: Die meisten Opfer merken nichts. 75 Postbeamte fahren in einem Zug der Royal Mail und sortieren Briefe, in den vorderen Waggons wird Geld transportiert. Um 18.50 Uhr ist der Zug aus Glasgow abgefahren, um 3.41 Uhr soll er am Londoner Bahnhof Euston ankommen. Sortiert wird die ganze Fahrt lang. So macht man es in den Postzügen Ihrer Majestät, seit 125 Jahren. Ohne Zwischenfall. Um 3.05 Uhr bremst der Zug.

Die Postler sortieren artig weiter, 20 Minuten lang. Dann öffnet ein Wachmann ein Fenster. Draußen ist schwarze Nacht, nur das Haltesignal leuchtet rot. Ein anderer Zug? Kann nicht sein. Nicht um diese Zeit, nicht hier, knapp 50 Kilometer nördlich von London. Außerdem kennt der Wachmann den Fahrplan auswendig. Und auch seine Vorschriften: Er läuft eine Meile hinter den Zug und stellt Warnlichter auf, dann läuft er Richtung Lok – doch die ist weg. Ebenso die vorderen zwei Waggons. Man findet sie eine Meile voraus, die Ladung aber ist verschwunden: Geld von Banken, das in London vernichtet werden soll. 2,631 684 Millionen Pfund. Nach heutigem Wert etwa 56 Millionen Euro.

Um 4.26 Uhr erreicht ein Notruf die Polizei. In den folgenden Stunden beginnt die Geschichte dieses Zuges und dieser Nacht um die Welt zu gehen; die Geschichte eines unglaublichen Coups: des großen Postzugraubs vom 8. August 1963.

Spektakuläre Verbrechen faszinieren die Menschen von jeher. Der Überfall in der Nähe von London stellt aber vieles in den Schatten: Nie wurde bis dahin eine höhere Geldsumme erbeutet. Der Prozess, der den Räubern von Januar 1964 an gemacht werden wird, ist der längste der britischen Justizgeschichte, und die insgesamt 307 Jahre Gefängnis, die der Richter verteilt, sind ohne Beispiel.

Doch fasziniert haben die Briten auch die Morde von Jack the Ripper und andere Verbrechen. Die Postzugräuber aber rufen Sympathie hervor: Nie zuvor und niemals danach schließen die Briten eine Bande von Dieben so sehr ins Herz. Ohne die Begeisterung wäre der Überfall vielleicht schon vergessen. Ganz sicher wäre er nicht zur Legende geworden, zum Stoff für Dutzende von Büchern und Filmen. Tatsächlich sind die Charaktere der Bande filmreif: Unter den 16 Räubern gibt es einen vierschrötigen Ex-Boxer, einen jungenhaften Rennfahrer, einen geschniegelten Friseur. Vor allem aber prägt ihr Anführer Bruce Reynolds das Bild: Er ist der Kriminelle mit dem Gestus eines Gentlemans. Reynolds wächst als Sohn eines Gewerkschafters und einer Krankenschwester auf den Straßen Londons auf, seit seiner Jugend landet er immer wieder im Gefängnis. Sobald er draußen ist, feiert er Partys mit Models und Popstars. Er hört Jazz, fährt Aston Martin und trägt maßgeschneiderte Anzüge – aber keine Waffe. Nie. Als einer aus der Bande bei der Vorbereitung des Postraubs nach Waffen fragt, deutet Reynolds auf eine Eisenstange. Er bittet aber darum, sie in Isolierband zu wickeln. Seine Begründung: "Ich hasse Brutalitäten."

Den Slapstick zur Gentleman-Attitüde liefert ein Mitläufer der Bande, der später jedoch zum Gesicht des Postraubs wird: Ronald "Ronnie" Biggs, ein Kleinkrimineller. Er wird nur ins Team geholt, weil er einen pensionierten Lokführer kennt, der den abgekoppelten Zugkopf lenken soll.

Dieser Text stammt aus dem Magazin ZEIT Geschichte Nr. 1/2018.

Anderthalb Jahre lang haben die Posträuber den Überfall geplant. Ein Informant namens "Ulsterman" gab ihnen den Tipp. Er wurde nie enttarnt, seine Informationen waren gut: Jede Nacht fährt da dieser Zug durchs Land, zehn bis zwölf Waggons lang. Zwei davon sind voller Geld.

Die Bande hat vor dem Postraub einen Flugplatz überfallen, um sich Geld für die Vorbereitung zu beschaffen. Sie hat Fahrzeuge zum Transport der Beute organisiert. Sie hat die Gegend nahe London ausgekundschaftet: Bei Sears Crossing finden die Räuber eine Stelle, an der ein einsames Haltesignal steht, das sie manipulieren können. In einer Werkstatt haben sie gelernt, wie man Waggons entkoppelt – das müssen sie tun, denn das Haltesignal steht eine Meile von der nächsten Brücke entfernt, an der die Beute verladen werden kann. Als Angler verkleidet haben sie sich an einen nahen Fluss gesetzt und notiert, wie schnell die Züge vorbeirauschen, wie befahren die Straße ist, wo das Notruftelefon steht. Als Basis haben sie die Leatherslade Farm erworben, die 26 Kilometer Luftlinie vom Tatort entfernt ist. Dort haben sie ein Vorratslager angelegt: 16 Feldbetten, 36 Stück Seife, 65 Dosen Baked Beans.