130 Jahre sind seit seinen Bluttaten im Londoner East End vergangen, doch der berühmteste Serienmörder der Geschichte bewegt die Öffentlichkeit nach wie vor. Zahlreiche Jack-the-Ripper-Touren versuchen sich Touristen abzujagen, sogar ein Ripper-Museum existiert. Ungezählt sind die Mutmaßungen über die Identität des nie überführten Mörders, die Liste der Verdächtigen verlängert sich bis in die Gegenwart hinein.

Gewiss hat der Hype um Jack the Ripper im Zeitalter des Massentourismus einen Höhepunkt erreicht, aber seine Wurzeln reichen zurück bis zum Ereignis selbst. Bereits 1888 lösten die Ripper-Morde einen Medienrummel aus, der in seiner Intensität selbst für Londoner Verhältnisse bis dahin unbekannt war. Literatur und Kunst nahmen sich des Stoffes an, gefolgt von Film und Fernsehen. Aber nicht nur Künstler, auch professionelle Fahnder ließen sich inspirieren: Die Ermittler versuchten erstmals, einem Unbekannten mit kriminologischem Profiling auf die Schliche zu kommen.

So breit die Beachtung ist, so spezifisch sind die Umstände im Fall Jack the Ripper. London, die Weltmetropole des britischen Empire mit ihren dramatischen sozialen Verwerfungen am Ausgang des 19. Jahrhunderts, gibt eine faszinierende Bühne ab für das grausige Geschehen. Andere Länder haben ihre eigenen Serienmörder mit eigenen Geschichten und Mythen. So hat sich in Deutschland um Fritz Haarmann, den "Schlächter von Hannover", der 1925 wegen Mordes an 24 Jugendlichen zum Tode verurteilt wurde, eine Folklore ganz eigener Art entwickelt. Der launig-grausige Gassenhauer über den Mörder mit dem Hackebeilchen klingt manchem noch heute in den Ohren.

Auf den ersten Blick mögen Serienmörder als ein exklusiv modernes Phänomen erscheinen. Allerdings hat die amerikanische Historikerin Joy Wiltenburg die Ursprünge des neuzeitlichen "Sensationalismus" bereits in den Flugschriften des 16. und 17. Jahrhunderts verortet. So berichtet eine "erschröckliche unerhörte neue Zeitung", gedruckt in Augsburg 1585, vom Mord des Blasius Endres an seiner schwangeren Frau, seinen drei Kindern, zwei Mägden und einem Knecht. Verbrechen faszinierten offenkundig bereits die Menschen vor einigen Hundert Jahren, entsprechende Druckerzeugnisse fanden guten Absatz.

Freilich stechen bei ihrer Lektüre auch gravierende Unterschiede ins Auge: Wie im Fall Endres wurde damals mit Vorliebe über Massenmorde innerhalb der Familie berichtet, die den Zeitgenossen offenkundig als besonders grausam und unerhört erschienen. Und nicht zufällig waren es oft religiöse Kategorien, mittels derer die Menschen das Unerhörte zu begreifen suchten, etwa indem sie den Täter dämonisierten und als vom Teufel angetrieben verstehen wollten.

Die modernen Serienmorde schrieben sich dagegen auf ganz andere Art in ihre jeweilige Epoche ein. Die Ripper-Morde, so analysierte Judith Walkowitz 1992, prägten das Bild Londons als sittlich verkommener und vor allem für Frauen gefährlicher Ort. Der Fall Haarmann wiederum machte die bedrohlichen Abgründe unterhalb der respektablen Bürgerlichkeit der Weimarer Republik sichtbar und profilierte den "Lustmord" als neuen Tattypus, dessen Motive in der Übersteigerung des männlichen Sexualtriebs gesucht wurden.

Dieser Text stammt aus dem Magazin ZEIT Geschichte Nr. 1/2018.

Der Serienmörder und die massenmediale Berichterstattung über ihn – das ist nur eine Facette im großen historischen Panorama des Verbrechens. Aber schon dieses Phänomen verdeutlicht: Erscheinungsformen und Wahrnehmungen von Kriminalität haben eine Geschichte, sie sind dem Wandel unterworfen. Was als "kriminell" verstanden wurde und mit welchen Strafen ein "Krimineller" zu rechnen hatte, darüber gibt es zu verschiedenen Zeiten sehr unterschiedliche Ansichten. Zunehmend hat sich die Geschichtswissenschaft in den vergangenen Jahrzehnten für dieses Thema interessiert. Nicht nur, weil auch Historiker von Kriminalgeschichten fasziniert sind (das sicher auch!), sondern vor allem, weil sich Verbrechen und Strafen hervorragend als Sonden eignen: Sie geben Auskunft über menschliche Verhaltensweisen und ihre moralisch-rechtliche Beurteilung, über soziale Probleme, politische Zustände und kulturelle Mentalitäten.

Dabei müssen wir uns jedoch über die begrenzte Reichweite dieser historischen Sonde im Klaren sein. "Kriminalität" im engeren Sinn gibt es nur dort, wo Mindestformen eines öffentlichen Strafrechts überhaupt definieren, was ein "Verbrechen" ist. Im Mittelalter existierte ein solches Strafrecht lediglich in Ansätzen. Es gab keine Amtsträger und keine "Polizisten", die gegen Gesetzesübertreter ermittelten, und es gab kein Gericht, vor dessen Schranken die Wahrheit ans Tageslicht kommen sollte. Richter und Schöffen beschränkten sich bis ins späte Mittelalter eher auf eine Art Schiedsrichterrolle: Sie überwachten die Einhaltung des formalistischen Verfahrens, bei dem Ankläger und Verteidiger vor Gericht um Sieg und Niederlage stritten. Die damals gebräuchlichen Beweismittel erscheinen uns heute ausgesprochen fremd: Zum Einsatz kamen neben Gottesurteilen vor allem Eide und Eideshelfer, also Leumundszeugen, die den guten Ruf eines Prozessbeteiligten beschworen; Wahrheitszeugen, die etwas über den Tathergang zu erzählen hatten, gab es nicht.