Als Alexander von Humboldt am 14. September 1769 das Licht der Welt erblickt, erreicht die große Berliner Debatte um die Neue Welt gerade ihren ersten Höhepunkt. Ihr Wortführer Cornelis de Pauw, der ein Jahr zuvor den ersten Band seines Werkes Recherches philosophiques sur les Américains in der preußischen Hauptstadt veröffentlicht hat, setzt sich mit der These durch, dass Europa dem amerikanischen Kontinent in jeder Hinsicht überlegen sei. Zumindest in der Alten Welt feiert man ihn. Sogar Hegel bezieht sich auf den in Amsterdam geborenen Aufklärer, der zeitweise am Hofe Friedrichs II. weilt, für die Encyclopédie schreibt und die Berliner Akademie ziert. Für de Pauw repräsentiert die Neue Welt das Andere schlechthin: Die Ureinwohner und ihre als solche nicht anerkannten Kulturen seien der europäischen Zivilisation weit unterlegen und hätten gefälligst aus der Geschichte, der von Europa aus entworfenen Weltgeschichte, zu verschwinden.

Um diese These zu entfalten, hat der hochrenommierte Philosoph sich nicht auf Reisen begeben müssen. Wie den meisten Gelehrten Europas wäre ihm nie der Gedanke gekommen, Amerika zu besuchen, um über Amerika zu schreiben. Wozu auch? Er griff auf vorhandene Reiseberichte zurück. Längst hatten die Europäer die Welt erkundet, und schon Herder hatte bemerkt: "Alles läuft, was in Europa nichts zu tun hat, mit einer Art philosophischer Wut über die Erde!"

Es überrascht kaum, dass die transatlantischen Stimmen in der Berliner Debatte kaum Gehör finden. Europa herrscht nicht allein über die Meere, sondern auch über die Diskurse. Es genügt, europäische Reiseberichte zu lesen, um sich ein Bild von der Welt und vom Anderen zu machen. Wozu da noch den Anderen hören, gar auf ihn hören?

Alexander von Humboldt liest die Reiseberichte von Europäern nicht weniger fleißig, gibt sich aber wie sein Lehrmeister Georg Forster, der James Cook auf dessen zweiter Weltumsegelung begleitet hat, nicht damit zufrieden. Er will raus aus der Berliner Enge, aus dieser "Sandwüste". Auf seiner Reise mit Forster an den Niederrhein, in die Niederlande, nach England und ins revolutionäre Paris sehnt Humboldt sich danach, endlich auch Europa zu verlassen. Als er nach dem Tod seiner Mutter über das notwendige Geld verfügt, quittiert er den preußischen Dienst und versucht zunächst, sich in Paris der geplanten Weltumsegelung Kapitän Baudins anzuschließen. Als diese nicht zustande kommt, nimmt er sein Schicksal in die eigenen Hände. Mit dem jungen französischen Arzt und Botaniker Aimé Bonpland bildet er ein ambitioniertes Forschungsteam. Abreise aus Paris ins Ungewisse: "Ich sah mir Bonpland an, mit dem ich eine so weite Reise unternehmen sollte. Welche Verheiratung!" Das Reisen ist für den jüngeren der beiden Humboldt-Brüder längst zu einer Lebensform geworden.

Ende Oktober 1798 bricht das deutsch-französische Forscherteam nach Marseille auf. Schon in der Kutsche beginnt Humboldt, die Mitreisenden zu porträtieren: Begegnungen mit einem berechnenden Branntweinhändler, einem geschwätzigen vorgeblichen Wissenschaftler oder "einer Dame, deren Eroberung der Klumpfuß machte. Sie war in allen Départements umhergereist, kannte alle Armeen und war erst 19–20 Jahr alt." Ein Buch der Begegnungen entsteht.

Dieser Text stammt aus dem Sonderheft ZEIT Geschichte Panorama.

Humboldts Ziel zu Beginn der Reise ist die andere Seite des Mittelmeeres. Aber alle Pläne, Ägypten zu erreichen oder Tunis oder den Hohen Atlas, um von dort zu den heiligen Stätten des Islams vorzudringen, scheitern an den Kriegswirren der napoleonischen Zeit. Das Pech wird sich jedoch als Glück erweisen: Die beiden brechen nun über Spanien zur anderen Seite des Atlantiks auf und werden fünf Jahre lang durch die heutigen Länder Venezuela, Kuba, Kolumbien, Ecuador, Peru, Mexiko und die USA reisen. Es wird die Expedition ihres Lebens – die Tropen werden ihr wissenschaftliches Dorado.

Im Juli 1799 gehen Humboldt und Bonpland in Venezuela an Land. Sie erkunden die Küste, durchstreifen Urwälder, befahren den Orinoco, sammeln exotische Pflanzen und zeichnen Tiere, die in Europa noch niemand zu Gesicht bekommen hat. Im Juni 1802 besteigen sie den Chimborazo, einen 6.310 Meter hohen erloschenen Andenvulkan im heutigen Ecuador, der damals als höchster Berg der Erde gilt. Sie erreichen nicht den Gipfel, stoßen aber in Höhen vor, in die sich noch kein Wissenschaftler gewagt hat.

Der Reise folgt nicht weniger als eine Revolution. Humboldt selbst hat sie in allen Details festgehalten. Denn seine Amerikanischen Reisetagebücher, die sich seit November 2013 in der Berliner Staatsbibliothek befinden, bezeugen buchstäblich Schritt für Schritt, wie sich unter dem Eindruck empirischer Erfahrung und unmittelbaren Erlebens sein Blick auf die Neue Welt verändert. Auf den 4.500 Manuskriptseiten mit ihren nicht weniger als 450 Skizzen und Zeichnungen schält sich eine "Wissenschaft aus der Bewegung" heraus, die Humboldtsche Wissenschaft.

Er begreift: "Alles ist Wechselwirkung"

Nicht allein die Forscher auf ihrer Reise, nein, alles gerät in Bewegung: die Kontinente, die Tiere, die Pflanzen, die Menschen, ja der gesamte Kosmos. Humboldt beschreibt die Gegenstände mehrdimensional, lässt sie gleichsam kubistisch erscheinen in seinem Buch, in dem er Wissenschaft und Kunst zusammendenkt. Gestochen scharfe Kurzporträts von Vizekönigen und Gouverneuren, Großgrundbesitzerinnen und Händlerinnen, indianischen Führern und schwarzen Sklaven stehen neben Messungen von Sonnenhöhen und Schneegrenzen oder Überlegungen zu Kanalbauten und lebenspraktischen Erörterungen. Landschaften und Städte, die Vulkane im andinen Hochland oder die Missionen am Orinoco: Alles wird nicht nur sorgfältig beschrieben, sondern im Verhältnis zueinander erfasst. Humboldt begreift: "Alles ist Wechselwirkung." Nichts steht für sich, nichts ist statisch. Die Bewegung wird zum Schlüssel seines Weltverstehens.

Die Humboldtsche Wissenschaft, die hier entsteht, ist Teil jener "glücklichen Revolution", die der Forschungsreisende und Schriftsteller an der Wende zum 19. Jahrhundert heraufziehen sieht. Amerika, seine Bewohner und Kulturen sind nicht das Andere, nicht das Fremde, sondern auf vielfältige Weise mit der Welt verbunden. Die Amerikanischen Reisetagebücher zeigen, wie Humboldt sich Stück für Stück – und nicht ohne Widersprüche – seiner europäischen Vorurteile zu entledigen sucht: unter dem Druck des Empirischen und vielleicht mehr noch durch das ständig neu reflektierte Erleben, das auch die eigenen Anschauungen als "Mühlraddenken der Europäer" entlarvt.

Humboldt schreibt auf Französisch und Deutsch, auf Latein und Spanisch und greift auf diverse Idiome zurück – in dem Bewusstsein, dass wir die Welt nicht mit einer einzigen Sprache begreifen können. In seinen Ansichten der Natur und in seinem dreißigbändigen Reisewerk, ja selbst noch in seinem Kosmos greift Humboldt auf das Spezialwissen unterschiedlicher Disziplinen zurück, das den Dingen, die ihn umgeben, Tiefenschärfe und Mobilität verleiht. Sein Denken ist stets auf dem Sprung.

Zugleich entfalten sich in seinen Amerikanischen Reisetagebüchern auch die neuen Formen Humboldtschen Schreibens: Sie entziehen sich jedweder durchgängigen Logik, folgen keiner chronologischen oder thematischen, keiner sprachlichen oder argumentativen Anordnung. Humboldt schreibt in kleinen Textinseln, die über Hunderte, ja Tausende von Seiten hinweg miteinander in Verbindung stehen. Seine Wissenschaftskonzeption, in der alles mit allem zusammenhängt, benötigt Ausdrucksformen, die an die Stelle des Kontinuierlich-Monologischen treten. Natur und Kultur sind nicht zu trennen: Sie sind wie beim menschlichen Körper – so zeigt es Humboldt in seinen Selbstversuchen immer wieder – unauflöslich miteinander verknüpft.

Mehr als 200 Jahre sind seit der Rückkehr Humboldts und Bonplands von ihrer großen Reise durch die amerikanischen Tropen vergangen. Unsere Zeit heute ist eine andere. Gelehrte wie Humboldt, die ein vollständiges Bild der Welt zeichnen wollen, kennt die moderne, ausdifferenzierte Wissenschaft nicht mehr. Viele seiner Forschungsergebnisse sind überholt, auch wenn sie im Bereich der Klimafolgenforschung, der Vulkanologie, der Altamerikanistik oder der Globalisierungstheorie noch immer wichtige Anstöße liefern. Die Humboldtsche Wissenschaft mit ihrem Entwurf einer anders, weiter gedachten Moderne hat sich über weite Strecken des 19. und 20. Jahrhunderts nicht gegenüber Kolonialismus und Rassismus, gegenüber ausgrenzendem und monologischem Denken durchsetzen können.

Und doch: Die Humboldtsche Forschungsreise hat ein Wissen und ein Weltbewusstsein erzeugt, das als verschüttete Tradition abrufbar blieb, um eine andere Zukunft zu entwerfen. Das Zusammendenken von Natur und Kultur im Horizont einer Ökologie, die sich mit Gesellschaft und Wirtschaft vernetzt; der Entwurf einer Kosmopolitik, die nicht auf Unterdrückung und Abhängigkeit zielt, sondern die Zirkulation von Wissen zur Grundlage sich demokratisierender Gesellschaften macht; ein Weltbild, das ethisch verantwortlich auf die Vielfalt der Kulturen setzt: Dies alles sind Kreuzungspunkte von Humboldts Denken.

Dagegen erscheint ein simpler Dialog der Kulturen auf der Grundlage eines "Wir und die Anderen" oder gar eines "The West and the rest" im Lichte von Humboldts Weltbewusstsein als gänzlich unzureichend und unangemessen. Der Forschungsreisende hatte längst seine Konsequenzen aus der Berliner Debatte um die Neue Welt gezogen. In seinen Werken finden die außereuropäischen Stimmen Gehör und werden auf Augenhöhe zitiert. Haben wir diesen Stand je wieder erreicht?

Alexander von Humboldts Forschungsreise ist ein Gründungsmoment moderner Wissenschaft – und sie ist noch weit mehr. Sie liefert uns Impulse und Grundlagen für ein 21. Jahrhundert, das im Zeichen des Zusammendenkens und Zusammenlebens stehen muss. So gesehen ist seine Forschungsreise noch lange nicht zu Ende.

Weiterlesen:
Alexander von Humboldt: "Das Buch der Begegnungen"