Nicht allein die Forscher auf ihrer Reise, nein, alles gerät in Bewegung: die Kontinente, die Tiere, die Pflanzen, die Menschen, ja der gesamte Kosmos. Humboldt beschreibt die Gegenstände mehrdimensional, lässt sie gleichsam kubistisch erscheinen in seinem Buch, in dem er Wissenschaft und Kunst zusammendenkt. Gestochen scharfe Kurzporträts von Vizekönigen und Gouverneuren, Großgrundbesitzerinnen und Händlerinnen, indianischen Führern und schwarzen Sklaven stehen neben Messungen von Sonnenhöhen und Schneegrenzen oder Überlegungen zu Kanalbauten und lebenspraktischen Erörterungen. Landschaften und Städte, die Vulkane im andinen Hochland oder die Missionen am Orinoco: Alles wird nicht nur sorgfältig beschrieben, sondern im Verhältnis zueinander erfasst. Humboldt begreift: "Alles ist Wechselwirkung." Nichts steht für sich, nichts ist statisch. Die Bewegung wird zum Schlüssel seines Weltverstehens.

Die Humboldtsche Wissenschaft, die hier entsteht, ist Teil jener "glücklichen Revolution", die der Forschungsreisende und Schriftsteller an der Wende zum 19. Jahrhundert heraufziehen sieht. Amerika, seine Bewohner und Kulturen sind nicht das Andere, nicht das Fremde, sondern auf vielfältige Weise mit der Welt verbunden. Die Amerikanischen Reisetagebücher zeigen, wie Humboldt sich Stück für Stück – und nicht ohne Widersprüche – seiner europäischen Vorurteile zu entledigen sucht: unter dem Druck des Empirischen und vielleicht mehr noch durch das ständig neu reflektierte Erleben, das auch die eigenen Anschauungen als "Mühlraddenken der Europäer" entlarvt.

Humboldt schreibt auf Französisch und Deutsch, auf Latein und Spanisch und greift auf diverse Idiome zurück – in dem Bewusstsein, dass wir die Welt nicht mit einer einzigen Sprache begreifen können. In seinen Ansichten der Natur und in seinem dreißigbändigen Reisewerk, ja selbst noch in seinem Kosmos greift Humboldt auf das Spezialwissen unterschiedlicher Disziplinen zurück, das den Dingen, die ihn umgeben, Tiefenschärfe und Mobilität verleiht. Sein Denken ist stets auf dem Sprung.

Zugleich entfalten sich in seinen Amerikanischen Reisetagebüchern auch die neuen Formen Humboldtschen Schreibens: Sie entziehen sich jedweder durchgängigen Logik, folgen keiner chronologischen oder thematischen, keiner sprachlichen oder argumentativen Anordnung. Humboldt schreibt in kleinen Textinseln, die über Hunderte, ja Tausende von Seiten hinweg miteinander in Verbindung stehen. Seine Wissenschaftskonzeption, in der alles mit allem zusammenhängt, benötigt Ausdrucksformen, die an die Stelle des Kontinuierlich-Monologischen treten. Natur und Kultur sind nicht zu trennen: Sie sind wie beim menschlichen Körper – so zeigt es Humboldt in seinen Selbstversuchen immer wieder – unauflöslich miteinander verknüpft.

Mehr als 200 Jahre sind seit der Rückkehr Humboldts und Bonplands von ihrer großen Reise durch die amerikanischen Tropen vergangen. Unsere Zeit heute ist eine andere. Gelehrte wie Humboldt, die ein vollständiges Bild der Welt zeichnen wollen, kennt die moderne, ausdifferenzierte Wissenschaft nicht mehr. Viele seiner Forschungsergebnisse sind überholt, auch wenn sie im Bereich der Klimafolgenforschung, der Vulkanologie, der Altamerikanistik oder der Globalisierungstheorie noch immer wichtige Anstöße liefern. Die Humboldtsche Wissenschaft mit ihrem Entwurf einer anders, weiter gedachten Moderne hat sich über weite Strecken des 19. und 20. Jahrhunderts nicht gegenüber Kolonialismus und Rassismus, gegenüber ausgrenzendem und monologischem Denken durchsetzen können.

Und doch: Die Humboldtsche Forschungsreise hat ein Wissen und ein Weltbewusstsein erzeugt, das als verschüttete Tradition abrufbar blieb, um eine andere Zukunft zu entwerfen. Das Zusammendenken von Natur und Kultur im Horizont einer Ökologie, die sich mit Gesellschaft und Wirtschaft vernetzt; der Entwurf einer Kosmopolitik, die nicht auf Unterdrückung und Abhängigkeit zielt, sondern die Zirkulation von Wissen zur Grundlage sich demokratisierender Gesellschaften macht; ein Weltbild, das ethisch verantwortlich auf die Vielfalt der Kulturen setzt: Dies alles sind Kreuzungspunkte von Humboldts Denken.

Dagegen erscheint ein simpler Dialog der Kulturen auf der Grundlage eines "Wir und die Anderen" oder gar eines "The West and the rest" im Lichte von Humboldts Weltbewusstsein als gänzlich unzureichend und unangemessen. Der Forschungsreisende hatte längst seine Konsequenzen aus der Berliner Debatte um die Neue Welt gezogen. In seinen Werken finden die außereuropäischen Stimmen Gehör und werden auf Augenhöhe zitiert. Haben wir diesen Stand je wieder erreicht?

Alexander von Humboldts Forschungsreise ist ein Gründungsmoment moderner Wissenschaft – und sie ist noch weit mehr. Sie liefert uns Impulse und Grundlagen für ein 21. Jahrhundert, das im Zeichen des Zusammendenkens und Zusammenlebens stehen muss. So gesehen ist seine Forschungsreise noch lange nicht zu Ende.

Weiterlesen:
Alexander von Humboldt: "Das Buch der Begegnungen"