Gott schuf Eva aus einer Rippe, aber ein Paläontologe braucht auch nicht mehr. Einen einzelnen Knochen hat Othniel Charles Marsh in der Dämmerung eines Novemberabends 1870 in den Kreidefelsen des westlichen Kansas aufgelesen: beinahe 20 Zentimeter lang, hohl und mit einem merkwürdigen Gelenk verbunden. Aus Europa stammen ähnliche Fossilien, kleine Flugsaurier aus der Kreidezeit, deren lederne Flügel kaum mehr als die Spannweite eines Huhns erreichen. Das Exemplar, das Marsh aus seinem Knochen rekonstruiert, ist, wie es sich für Amerika gehört, ein bisschen größer: Von Flügelspitze zu Flügelspitze misst es sechs Meter. Spektakuläre Funde wie dieser führen der Öffentlichkeit vor Augen, dass solche riesenhaften Wesen einst die Erde bevölkerten, und bringen ein jahrhundertealtes Weltbild ins Wanken. Es sieht nicht gut aus für Adam und Eva.

Noch zu Beginn des Jahrhunderts, 1804, hatte der amerikanische Präsident Thomas Jefferson die jungen Offiziere Meriwether Lewis und William Clark angewiesen, auf ihrer Expedition in das Innere des Kontinents nach lebenden Mastodonten und anderen Riesenwesen Ausschau zu halten. Undenkbar war es da noch, dass eine von Gott erschaffene Spezies aussterben könnte. Aber mittlerweile haben die Wissenschaften mächtig am Thron des Schöpfers gerüttelt. Dass die Welt erst 5800 Jahre alt sein soll, wie die Kirche behauptet, mag man angesichts der Erkenntnisse der Geologie kaum noch glauben. Mit Charles Darwins Schrift Über die Entstehung der Arten von 1859 gerät die Vorstellung einer unveränderlichen göttlichen Schöpfung so unter Druck wie nie zuvor. Was noch fehlt, sind Beweise.

In Amerika machen sich im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts zwei junge Paläontologen daran, sie auszugraben. Ihr Ehrgeiz bringt die beiden schnell miteinander in Konflikt. Die Paläontologie wird nicht nur Kronzeugin für Darwins Theorie, sondern zum Schauplatz einer der erbittertsten Fehden der Wissenschaftsgeschichte.

Auf der einen Seite steht der exzentrische, draufgängerische Autodidakt Edward Drinker Cope aus Philadelphia, der schon als Kind mit wissenschaftlicher Akkuratesse Tierexponate im Museum beschrieben hat und mit 19 ohne Universitätsabschluss seinen ersten Artikel veröffentlicht. Auf der anderen Seite der Methodiker Othniel Charles Marsh aus Yale, der als Student auch durch sein politisches Geschick auffällt. Und der finanziell ganz andere Voraussetzungen mitbringt: Marsh ist der Neffe des reichen Philanthropen George Peabody, der sein Studium finanziert und Yale ein naturkundliches Museum stiftet. Die Universität bedankt sich bei Marsh für die Vermittlung mit einer eigens geschaffenen Professorenstelle; das Gehalt muss allerdings ebenfalls "Onkel George" übernehmen.

War die Paläontologie bislang auf Zufallsfunde angewiesen, wird sie nun auch zur Frage des Geldes. Und wie die Blicke aller im Land wenden sich auch die der Knochensucher nach Westen. Zum Beispiel nach Nebraska. Als Professor Marsh und 13 sauber gescheitelte Studenten aus Yale dort Mitte Juli 1870 aus ihrem Eisenbahnwagen steigen, haben sie ebenso viele Waffen wie Werkzeuge dabei. Sie tragen Pistolen – es heißt, es habe Probleme mit Indianern gegeben. An der Bahnstation nimmt sie eine Kavallerieeskorte in Empfang. Zu dieser Zeit ist der Westen noch wild; von einem Großteil der Gegend gibt es nicht einmal Karten. "Keiner von uns interessierte sich im Mindesten für die Objekte, um deretwillen die Expedition unternommen wurde", erinnert sich einer der Teilnehmer später. "Aber wir alle sehnten uns hinaus in den noch unbekannten Westen, um Büffel zu schießen und mit Indianern zu kämpfen."

Dieser Text stammt aus dem Sonderheft ZEIT Geschichte Panorama.

Bereits am ersten Morgen kehrt ein Trupp mit den Mokassins eines erschossenen Indianers ins Lager zurück. Mit von der Partie ist ein junger Mann von 24 Jahren, der seit Kurzem unter seinem Künstlernamen Buffalo Bill bekannt ist. Die Ponys, mit denen man die Expedition ausrüstet, hat die Armee erst kurz zuvor von den Cheyenne erbeutet. Während man sich bei sengender Hitze über die baumlose Prärie auf den Weg macht, spähen zwei Kundschafter die Route zum Schutz vor Indianern aus. Professor Marsh hält der Eskorte derweil vom Sattel aus eine Vorlesung über die geologische Beschaffenheit der Umgebung. Buffalo Bill revanchiert sich, indem er dem Dozenten die Feinheiten der Büffeljagd erläutert.

Nach fünf Tagen im Sattel beginnen sie endlich mit der Arbeit. Bald spannt Marsh auch die Soldaten ein, um nach Fossilien zu suchen. Bevor sie zwei Wochen später nach Wyoming und Colorado weiterreisen, haben sie sechs ausgestorbene Pferdespezies und zwei Rhinozeros-Arten bestimmen können. Mit 36 Kisten Fossilien und einem einzelnen Knochen kehrt die Gruppe im Dezember nach Yale zurück. Marsh hat sich auch einen Spitznamen mitgebracht: Bone Medicine Man.

Schon im nächsten Sommer ist Marsh wieder im Westen, zunächst in Kansas. Allerdings ist Cope in derselben Region unterwegs. Die beiden Wissenschaftler wildern bereits seit Längerem in den Gefilden des anderen und missgönnen sich jede Entdeckung. Cope grollt Marsh, weil er einen seiner besten Fundorte hinterrücks übernommen habe; Marsh brüstet sich, seinem Kontrahenten einen Fehler bei der Rekonstruktion eines eindrucksvollen Seereptils nachgewiesen zu haben – Cope hatte den Kopf auf das Schwanzende gesetzt. Beschämungen solcher Art kann der aufbrausende Cope schwer verwinden, zumal er Marsh für intellektuell unterlegen hält: "Marsh hat nie etwas veröffentlicht, ohne meinen Rat zu suchen", behauptet er später. Marsh habe ihn benutzt, um sich "mit Hirn auszustatten".