Rastlos sind die Europäer in die entlegensten Gebiete des Globus vorgedrungen, gierig nach Wissen, Land und Gold. Und doch gibt es im 18. Jahrhundert noch riesige weiße Flecken auf der Karte. Einer davon ist der südliche Pazifik, wo viele Experten einen gewaltigen Kontinent vermuten. Man malt sich ein Traumreich aus Gold und Honig aus. Dass sich dort stattdessen eine blaue Wüste dehnt, gesprenkelt mit Inseln und Inselchen, wissen die Europäer dank ihm: James Cook.

Nichts spricht dafür, dass er zum berühmtesten Engländer der Epoche aufsteigt. Was soll aus dem Sohn eines Tagelöhners schon werden in jener Zeit, in der Stände und Klassen fest gefügt sind? 1728 wird er geboren in einem Kaff namens Marton, heute ein Teil des nordostenglischen Städtchens Middlesbrough. Immerhin kann der intelligente Junge ein paar Jahre zur Schule gehen, finanziert vom Farmer, bei dem der Vater sich verdingt. Eine Krämerlehre bricht er ab.

Lieber zur See! Das Abenteuer lockt. Mit 18 Jahren heuert er auf einem Kohletransporter an, bald geht er in die Royal Navy, wo nicht nur Herkunft, sondern auch Talent und Taten gefragt sind: Das ist seine Chance. Er steigt rasch auf, absolviert die Prüfung zum Steuermann, erhält ein Kommando als Kapitän, bildet sich zu einem exzellenten Kartografen. Kaum ein anderer Seemann hat seinen Horizont, seine Kenntnisse.

Dann, im Mai 1768, erfolgt der Durchbruch für den knapp Vierzigjährigen: Er soll eine wissenschaftliche Expedition in den südlichen Pazifik führen. Die Forschungsreise ist eine Idee der Royal Society, doch gegen deren Willen beauftragt die Admiralität Cook mit der Leitung. Damit bevorzugt sie den Mann schlichter Herkunft gegenüber seinem Rivalen Alexander Dalrymple aus feinem Hause (und von weniger feinen Manieren), der nicht müde wird, über den großen Südkontinent zu räsonieren.

Cooks Auftrag: Er soll vom Südpazifik aus den äußerst seltenen Durchgang der Venus vor der Sonne vermessen, um Entfernungen im Sonnensystem berechnen zu können. Ein zweiter, geheimer Auftrag steht in einem versiegelten Dokument, das Cook erst während der Fahrt öffnen darf: die Erforschung des Südpazifiks und die Suche nach dem Südkontinent.

Dieser Text stammt aus dem Sonderheft ZEIT Geschichte Panorama.

Es ist ein Kommando unter den Augen des Königs und der Nation, es geht um Stolz und Macht des britischen Empire. Im Zeitalter der Aufklärung rivalisieren Herrscher und Staaten nicht mehr nur mit Prunk und Flitter, zunehmend verheißt auch die Wissenschaft Prestige. Und das aufstrebende Britannien will die anderen Kolonialmächte niederhalten, die absteigenden wie Spanien und Portugal ohnehin, erst recht die jüngeren wie die Niederlande und Frankreich.

Am 26. August 1768 sticht die Endeavour in See, ein 340 Tonnen schwerer vormaliger Kohletransporter von 32 Metern Länge. An Bord befinden sich 73 Seeleute und zwölf Angehörige der Royal Navy. Daneben – und das ist neu – reist eine große Zahl von Wissenschaftlern mit, darunter Joseph Banks, ein junger vermögender Botaniker, der für seine Teilnahme viel Geld bezahlt. Ebenfalls mit an Bord: etliche Fässer Sauerkraut. Das ist Cooks Geheimrezept gegen Skorbut, die grausige Mangelkrankheit der Seeleute. Zwar murrt die Besatzung über die Kost, doch kein einziger wird von dem heimtückischen Leiden befallen.

Im Januar 1769 geht es an Kap Hoorn vorbei in die endlosen Weiten des Pazifiks, mit Kurs auf Tahiti, das erst kurz zuvor entdeckt worden ist. King George Island, wie die Engländer die Insel damals nennen, ist bekannt als Paradies, vor allem: als Männerparadies. Denn die polynesischen Frauen verkörpern aus Sicht der Europäer nicht nur ein exotisches, sondern auch ein erotisches Ideal. Viele aus der Besatzung versinken während des dreimonatigen Aufenthalts in einem Sexrausch, "bezahlt" wird mit Schiffsnägeln. Derweil vermessen Cook und sein Team die Venuspassage, nachdem sie einen von den Einheimischen gestohlenen Quadranten, mit dem die Position der Gestirne ermittelt wird, wieder zurückerhalten haben.