Im August 1925 erreicht Margaret Mead das Paradies. Vor den Augen der 23-Jährigen breitet sich eine surreale Landschaft aus: Malerisch umspült das Türkis des Meeres die weißen Strände, während die satten grünen Ausläufer des Dschungels dem Anblick etwas Geheimnisvolles verleihen. Hier, in diesem Idyll, will die Forscherin eine der Urfragen der Anthropologie beantworten: Was prägt den Menschen? Sein Erbgut oder seine Erziehung? Biologie oder Kultur? Kein Ort scheint dafür besser geeignet als das ursprüngliche, der Zivilisation entrückte Samoa.

Damit wagt sich die junge Ethnologin aus New York mitten in die hitzig geführte nature versus nurture-Debatte ("Natur versus Erziehung") der 1920er Jahre. Mead hat an der Columbia-Universität bei Franz Boas promoviert, dem aus Minden in Westfalen stammenden Begründer des Kulturrelativismus. Sie vertritt die Auffassung, die Persönlichkeit des Menschen werde durch die Gesellschaft geformt. Diesem Ansatz stellt sich ein zu dieser Zeit mächtiges Weltbild unbeugsam entgegen: Für Rassentheoretiker determiniert allein das biologische Erbe den Menschen.

Meads Wunsch, die Debatte durch eigene Forschung mitzubestimmen, wächst, als sie im Sommer 1924 an einer Tagung der British Association for the Advancement of Science in Toronto teilnimmt. Die Art, wie sich die Forscher hier selbstsicher auf die von ihnen untersuchte ethnische Gruppe stützen, beeindruckt sie. In ihren Erinnerungen von 1972 führt sie an, damals erstmals die Sehnsucht nach einer "eigenen Ethnie" verspürt zu haben.

Insel Ta’u (Amerikanisch Samoa)

Hier führte Margaret Mead im Jahr 1925 ihre Studie an 50 einheimischen Mädchen und jungen Frauen durch.

Zwölf Monate später hat sie ihr Ziel erreicht. Mit einem Stipendium von 150 Dollar im Monat und sechs Baumwollkleidern im Gepäck betritt Margaret Mead das Land ihrer Träume. Sie ist zunächst jedoch etwas enttäuscht, weil Samoa bei genauerer Betrachtung weniger ursprünglich und "primitiv" zu sein scheint als aus der Ferne erhofft. Das unter US-Verwaltung stehende Südsee-Archipel wurde 1830 von Missionaren der London Missionary Society besiedelt und steht nunmehr unter dem Einfluss der Congregational Church. In jedem Dorf gibt es christliche Kirchen und Schulen. Zudem bevorzugen die Einheimischen eine schlichte, für nordamerikanische Augen durchaus gewöhnliche Garderobe anstelle der traditionellen Bekleidung aus Baumrinden.

Dennoch spricht die Bevölkerung kein Englisch, ernährt sich ausschließlich von Fischfang und Landwirtschaft und lebt in einfachen Behausungen, die gemeinhin offen stehen und bis in jeden Winkel einsehbar sind. Ausreichend Sonne und Regen sorgen für fruchtbare Plantagen; Palmenstrände, Lagunen und Wasserfälle prägen die Landschaft. Nicht einmal giftige Tiere und Tropenkrankheiten gibt es hier. Trotz einiger Abstriche also – ein Garten Eden.

Dieser Text stammt aus dem Sonderheft ZEIT Geschichte Panorama.

Mit ihrem Doktorvater Boas ist Mead übereingekommen, die Pubertät junger Mädchen zu erforschen. Sie will herausfinden, wie sehr kulturelle Einflüsse das Sturm-und-Drang-Verhalten dieser Lebensphase prägen. Und inwieweit biologische Veranlagungen für die Widerspenstigkeit heranwachsender Menschen verantwortlich sind. Liegt der Jugend die Rebellion im Blut? Oder wehrt sie sich nur gegen das gesellschaftliche Korsett?

Mit Feldforschung hat die junge Ethnologin allerdings keinerlei Erfahrung. Boas hat ihr lediglich eine halbstündige Einführung gegeben – und seiner Schülerin empfohlen, sich beim Zuhören in Geduld zu üben. Die ersten sechs Wochen verbringt sie damit, die samoanische Sprache sowie die Etikette der Dorfgemeinschaft zu erlernen. Sie ist Gast bei einem Häuptling, lernt traditionelle Zeremonien und die wichtigsten Höflichkeitsformeln im Umgang mit anderen Oberhäuptern.

Im November 1925 zieht sie auf die Insel Ta’u in der nördlichsten Region von Samoa, wo die Bewohner von der amerikanischen Kultur noch relativ unberührt zu sein scheinen. Für ihre Studie wählt sie 50 Mädchen und junge Frauen im Alter von 10 bis 20 Jahren aus, führt Einzel- und Gruppengespräche, studiert Konventionen und Bräuche. Eine junge Einheimische hilft ihr bei der Auswertung von Familiengeschichten und Beziehungskonstellationen.