Für die letzten Tagesetappen gibt Amundsen die Parole aus: "Nur nicht hasten!" So zieht der kleine Trupp seine Spur über das Eisplateau, mit stetem Seitenblick auf den Kompass, bis der Entfernungsmesser 27 Kilometer anzeigt. 27 Kilometer pro Tag, einen Breitengrad in vier Tagen. Man dürfe die Hunde auf keinen Fall überfordern, hat Amundsen den Männern eingeschärft. Nur nicht die Beherrschung verlieren, so kurz vor dem Ziel.

Die Versuchung, zum Endspurt anzusetzen, ist groß. Sieben Wochen haben sich die Norweger mit ihren Hundeschlitten durch die antarktische Eiswüste gekämpft, durch Gelände, das keines Menschen Fuß zuvor betreten hat. Zuerst über die Ross-Barriere, ein Eisschelf von der Größe Frankreichs, bis zum Fuß der Berge. Über einen zerklüfteten Gletscher auf das Polarplateau. Und dann immer geradeaus auf der scheinbar endlosen Ebene, in 3000 Meter Höhe. Hier gibt es nur Eis und Himmel, Himmel und Eis – und die fünf Menschen mit ihren 18 Hunden, die bald als Erste den südlichsten Punkt der Erde erreichen werden, den geografischen Südpol.

Roald Amundsen und seine vier Begleiter – Olav Bjaaland, Helmer Hanssen, Sverre Hassel und Oscar Wisting – sind siegesgewiss, aber sie wissen auch, dass sie nicht die Einzigen sind, die sich in diesem historischen Moment im Dezember 1911 dem Südpol nähern. Eine Expedition unter Robert Falcon Scott, die wie die Norweger am Rand des antarktischen Kontinents überwintert hat, will am Pol die britische Fahne aufpflanzen. Und so blicken die Norweger angespannt nach Süden, ob sich in der weißen Einöde nicht doch ein im Wind flatternder Union Jack abzeichnet. Je näher sie dem Ziel kommen, desto mehr wächst die Spannung.

Amundsen leidet am meisten. Seine Gefährten merken es daran, dass der Chef noch unausstehlicher ist als sonst. Aber er bleibt unerbittlich: 27 Kilometer pro Tag, keinen Schritt weiter! Denn Amundsen weiß, dass es nicht nur darauf ankommt, als Erste den Pol zu erreichen. Sie müssen auch lebend heimkehren, dürfen ihre Kräfte nicht verausgaben.

Es ist das Finale eines Wettlaufs, dessen Startschuss fast zwölf Jahre zuvor gefallen ist, am 16. Februar 1900, als der Norweger Carsten Borchgrevink erstmals einen Fuß auf das Ross-Eisschelf setzte und auf Skiern bis 78 ° 50 ' Süd vorstieß – zum südlichsten Punkt auf der Erdkugel, den bis dahin ein Mensch erreicht hatte.

Dieser Text stammt aus dem Sonderheft ZEIT Geschichte Panorama.

Knapp drei Jahre später schoben drei Briten diesen Punkt weiter vor bis auf 82 ° 17 '. Ihr Anführer hieß Robert Falcon Scott, ein Karriere-Offizier der Royal Navy, der zum Leiter der "Nationalen Antarktis-Expedition" erkoren worden war. Diese Expedition war ein Prestigeprojekt der elitären Royal Geographical Society in London. Als Scott und seine Männer nach zwei Wintern in der Antarktis 1904 in die Heimat zurückkehrten, wurden sie als Helden gefeiert. Die Presse, die damals ihre Goldene Ära erlebte, verbreitete Scotts Namen bis in die hintersten Winkel des Empire.

Der britische Vorstoß zeigte, welche enormen Herausforderungen Menschen zu meistern hatten, die in der Antarktis überleben und ihre hochgesteckten Ziele erreichen wollten. Der riesige Kontinent, der aus nichts als Fels und Eis besteht, mit Temperaturen, die auch im Sommer selten über den Gefrierpunkt klettern, forderte seinen Entdeckern nicht nur ein Höchstmaß an körperlicher Ausdauer ab, sondern auch eine perfekte Logistik.

Die erfolgreichsten Polarforscher ahmten die Überlebensstrategien der Arktis-Ureinwohner nach: Sie kleideten sich in Robbenfell, aßen Pemmikan, eine Mischung aus Dörrfleisch und Fett, und fuhren auf Hundeschlitten übers Eis. Doch ein Gespann von zehn Hunden zu führen war für manch einen schwieriger, als ein Schlachtschiff der Navy zu kommandieren. Und selbst wenn man mit den Hunden zurechtkam, blieb deren Zugkraft begrenzt. Je länger der Weg, desto mehr Proviant musste man mitschleppen. Mehr Proviant aber hieß mehr Zugtiere, mehr Zugtiere wiederum mehr Proviant. Unter diesen Umständen eine Strecke von 750 nautischen Meilen (etwa 1400 Kilometer) zu bewältigen und heil zurückzukehren, kam der Quadratur des Kreises gleich.

Scotts Vorstoß bis 82 ° 17 ' Süd endete denn auch fast in einer Katastrophe. Nachdem alle Hunde krepiert waren, mussten er und seine Gefährten ihre Schlitten selber ziehen. Ausgemergelt und gezeichnet vom Skorbut, schleppten sich die drei Männer nach mehr als 90 Tagen wieder in ihr Basislager am Rand des Eisschelfs. Einen von ihnen hatte es besonders hart getroffen: Ernest Shackleton. Der gebürtige Ire hustete Blut und hielt sich nur mit letzter Kraft aufrecht.

Dennoch war es Shackleton mit einer eigenen Expedition beinahe beschieden, als erster Mensch den Südpol zu erreichen. Am 9. Januar 1908 stand er mit drei Gefährten bei 88 ° 23 ' Süd und sah sehnsüchtig in die Ferne, im Wissen, dass jeder Schritt vorwärts den sicheren Tod bedeutet hätte. Shackleton hatte die Hunde gegen Mandschurische Ponys getauscht und mit ihrer Hilfe einen langen Gletscher erklommen, der einen Weg vom Ross-Eisschelf durch das Transantarktische Gebirge auf die Hochebene im Innern des Kontinents eröffnete. Den Gletscher nannte er Beardmore-Gletscher, nach einem schottischen Stahlbaron, der für seine Expedition bürgte. Denn die Royal Geographical Society hatte Shackleton jegliche Unterstützung versagt. Das offizielle Britannien hielt zu Scott, der die Antarktis zu seinem Revier und Shackleton zum unrechtmäßigen Eindringling erklärt hatte. Was den Navy-Offizier nicht daran hinderte, von den Erfahrungen seines Rivalen zu profitieren, nachdem dieser den Südpol bloß um 180 Kilometer verfehlt hatte.