Am Tag, als die Kamele zu weinen beginnen, packt Sven Hedin die Angst. Zwar klingeln die Glöckchen an ihrem Geschirr noch bei jedem Schritt; aber lauter ist das hilflose Ächzen der abgemagerten Tiere. Hedin, dreißig Jahre alt, Forscher aus Stockholm, Doktor der Geografie, Abenteuerschriftsteller, Liebling des schwedischen Königs, ist ausgezogen, um die Wüste Taklamakan im Herzen Asiens zu bezwingen. Er weiß, was die Tränen seiner Kamele bedeuten: Ihr Tod rückt näher. Sein Tod rückt näher. Die Karawane hat kaum noch Wasser. Den flehenden Blick der Tiere, so schreibt er später, habe er nie mehr vergessen. "Ich kann ihn jetzt noch, Jahre danach, auf mich gerichtet spüren, im Bett, wenn der Schlaf sich nicht einstellen will, am Schreibtisch zu Hause."

Zwei Wochen zuvor, Mitte April 1895, ist Hedin aus dem Dorf Merket aufgebrochen, in der Nähe von Kaschgar, dem letzten Außenposten Chinas vor den Bergen Turkestans. Einst war die Stadt ein wichtiger Knotenpunkt der Seidenstraße zwischen Samarkand und Peking. Es heißt, dass unter den Dünen der Taklamakan Ruinenstädte verborgen liegen, die vom verlorenen Glanz der alten Zeit erzählen können.

Hedin ignoriert alle Warnungen: Niemand sei je lebend aus der Wüste zurückgekommen, sagt man. Es dauere dreißig Tage, das Sandmeer zu durchqueren – und dahinter liege das Ende der Welt, meint ein Schäfer. Trotzdem findet Hedin vier Einheimische, die mit ihm ziehen, denn er zahlt gut.

Auf den ersten Blick wirkt Sven Hedin nicht wie der Eroberer, als der er sich in seinen eigenen Texten inszeniert: Er trägt stets eine starke Brille, auf einem Auge sieht er kaum noch; dazu ist er nicht eben groß. Ständig schreibt er oder fertigt Skizzen. Er porträtiert die Menschen Asiens, die Berge und Weiten, und er zeichnet Karten, die so exakt und so ästhetisch sind, dass sie noch heute Geografen in Staunen versetzen. Hedin spricht wenig, aber er beherrscht nicht nur Schwedisch, Deutsch, Englisch und Französisch, sondern kann sich auch auf Persisch, Russisch, Türkisch und in einigen Idiomen der Turkvölker verständigen. Hinter seinem milden Auftreten verbergen sich Entschlossenheit, Zähigkeit und heftiger Ehrgeiz, ja beizeiten unfassbarer Leichtsinn. Einmal hat er eine Expedition immer höher und höher auf die viertausend, fünftausend, sechstausend Meter aufragenden Gipfel des Gebirges Pamir gescheucht – bis die Lasttiere in Gletscherspalten einbrachen und seine Männer im Nachtlager erfroren. In einem Reisebuch Hedins, das bereits 1892 erschienen ist, nimmt der Tod der Gefährten allerdings weniger Platz ein als der "Silberschein des Mondes" hoch oben auf den eisigen Kuppen des Pamir.

Als die Karawane am Mittwoch der Karwoche 1895 Merket verlässt, klettern die Leute auf die Dächer und rufen: "Die kommen nie zurück!" Wenn er an das Klingeln der Kamelglöckchen zurückdenke, so schreibt Hedin im Nachhinein, könne er den Aufbruch "mit nichts anderem als einem Leichenzug vergleichen. [...] Was war auch in Wirklichkeit das Ziel, das die meisten von uns dort in den Wüsten des fernen Ostens erwartete, anderes als ein stilles Grab, im ewigen Sande bereitet."

Die vier Einheimischen an seiner Seite weisen den Weg, tragen Lasten und führen die Kamele. Einer von ihnen heißt Kasim. 455 Liter Wasser hat die Karawane aufgeladen, für 25 Tage – dann will Hedin den einzigen Fluss erreicht haben, der die Wüste durchzieht; er liegt etwa 290 Kilometer entfernt. Die acht Kamele tragen Holzkisten, vollgepackt mit Vermessungsinstrumenten, Fotoapparaten, Waffen und Munition, Zelten und einem Feldbett, Stiften, Papier und Karten. Neben den Kamelen begleitet die Karawane eine "lebende Speisekammer", die aus drei Schafen, zehn Hühnern und einem Hahn besteht und von zwei Hunden bewacht wird.

Dieser Text stammt aus dem Sonderheft ZEIT Geschichte Panorama.

In der ersten Woche ziehen sie am Rand der Wüste nach Nordost; Hedin sitzt bequem auf dem Kamel, gepolstert durch Teppich und Kissen, kartiert die Gegend, schreibt und liest. Am 24. April ändert die Gruppe ihre Marschrichtung geradewegs gen Osten, jenseits aller Pfade, durch die hohen Dünen, in Richtung des einzigen Flusses. Am 25. April stellt Hedin fest, dass das Trinkwasser nicht reichen wird. Am 27. April verliert die Karawane ihre ersten zwei Kamele.

Am 28. April zieht ein Sandsturm in Orkanstärke auf, und das dritte Kamel stirbt. Am 30. April gibt es kein Wasser mehr. Am 1. Mai schlagen die Männer ihr letztes Lager auf. Hedin lässt Tiere und Ausrüstung zurück, bis auf das, was er am Körper trägt. Auch zwei der vier Diener rühren sich nicht mehr. Am 4. Mai ist nur noch ein Begleiter bei Hedin: Es ist Kasim. Am 5. Mai gibt auch er auf und bleibt zurück. In der Nacht erreicht Hedin das Bett des beinahe ausgetrockneten Flusses und schöpft aus einem Tümpel Wasser. Nachdem er selbst getrunken hat, füllt er seine "schwedischen wasserdichten" Stiefel und geht zurück, um Kasim zu retten. "Er zuckte zusammen", schreibt Hedin später, "und als ich ihm den Stiefelschaft an die Lippen setzte, trank er in einem Zuge aus."