Menschenaffen in freier Wildbahn sind Frauensache – davon war der Paläoanthropologe Louis Leakey überzeugt. Er hielt Frauen für die besseren Beobachter; und seiner Meinung nach reagierten männliche Affen auf Frauen nicht so aggressiv. Leakey setzte auf drei Forscherinnen, um mehr über die Lebensweise von Gorillas, Schimpansen und Orang-Utans herauszufinden. Heute sind Jane Goodall, Dian Fossey und Birutė Galdikas die bekannten "Trimates" der Primatenforschung – und wer kennt Louis Leakey?

Der in Kenia geborene Brite erhoffte sich neue Erkenntnisse für seine eigenen Untersuchungen; er wollte mehr über die Affen wissen, um etwas über die Vorfahren des Menschen zu erfahren. In den 1960er Jahren rekrutierte er die drei Frauen, die damals in der Welt der Wissenschaft noch keinen Namen hatten. Mehr noch: Sie galten als vollkommen unqualifiziert. Jane Goodall war Leakeys Sekretärin; Dian Fossey hatte ihr Tiermedizin-Studium abgebrochen und arbeitete als Ergotherapeutin in einem Kinderkrankenhaus. Birutė Galdikas studierte immerhin Anthropologie, war aber wie die anderen beiden komplett unerfahren in der Feldforschung.

Die Erste, die Leakey losschickte, war die Britin Jane Goodall. Dass sie die nötige Ausdauer mitbringen würde, hatte sie schon als Kind bewiesen: Als sie fünf Jahre alt war, jagte sie ihrer Familie einen Schrecken ein, weil sie stundenlang unentdeckt in einem Stall hockte, um Zeuge zu werden, wie Hühner Eier legen. Schon damals lernte sie: Wenn man etwas über Tiere erfahren will, muss man Geduld haben. Leakey motivierte Goodall dazu, für ihn nach Afrika zu reisen, um dort Schimpansen zu beobachten. Dass sie keinen akademischen Grad hatte, war ihm egal. Wichtig waren ihm Leidenschaft und Neugier.

Als alle Fördergelder und Genehmigungen gesammelt waren, brach Goodall 1960 auf in den Gombe-Stream-Nationalpark im heutigen Tansania. Die Erlaubnis, im Lebensraum der Schimpansen zu forschen, hatten die Behörden nur unter der Bedingung erteilt, dass die junge Frau in Begleitung kam. Deshalb reiste ihre Mutter Vanne mit ihr. Während Vanne Goodall Kontakte zu Einheimischen knüpfte, streifte ihre Tochter durch den Wald. Schon vor Sonnenaufgang bahnte sie sich den Weg durchs Unterholz, kletterte auf Hügel und Bäume – doch die Schimpansen waren scheu. Sie konnte noch so behutsam sein: Sobald die Affen sie erblickten, machten sie sich davon. Monatelang ging das so.

Dieser Text stammt aus dem Sonderheft ZEIT Geschichte Panorama.

Bis sie einmal Besuch von einem Schimpansen bekam, den sie "David Greybeard" taufte. Auf der Suche nach Bananen streunte er mehrfach durch das Camp. Seine Zutraulichkeit öffnete ihr die Tür in die Welt der Schimpansen. War sie im Wald unterwegs, kam er fortan zu ihr und signalisierte so seinen Artgenossen, dass von ihr keine Gefahr ausging.

Doch langsam wurde das Geld knapp, Jane Goodall brauchte dringend einen Erfolg, eine wichtige Entdeckung. "David Greybeard" half ihr erneut. Goodall beobachtete, wie er einen Zweig von Blättern befreite und damit Termiten aus einem Hügel fischte, um sie zu verspeisen. Der Schimpanse hatte sich also ein Werkzeug gebaut und es zielgerichtet benutzt. Diese Erkenntnis veränderte das Bild von den Menschenaffen in der Forschung grundlegend.