Kein anderer Rohstoff hat die jüngere Geschichte Europas so geprägt wie die Steinkohle. Keine andere europäische Region erlangte eine so große wirtschaftliche Bedeutung wie das Ruhrgebiet. Beide Entwicklungen vollzogen sich rasend schnell: Um das Jahr 1800 war weder vom Siegeszug der Steinkohle noch vom Aufstieg des Ruhrgebiets etwas zu spüren.

Zwar wurde Kohle zu dieser Zeit bereits in vielen Gegenden Europas gefördert, meist aber nur in kleinen Mengen. Kohle setzt bei der Verbrennung Rauch, Staub, Ruß und unangenehme Gase frei; weshalb jeder, der konnte, Holz bevorzugte. Die Menschen fürchteten zu Recht, Kohlerauch im eigenen Heim würde die Räume verschmutzen und der Gesundheit schaden; Bäcker und Brauer sorgten sich um den Geschmack von Bier oder Brot; und in den Werkstätten und Betrieben bangte man um die Qualität der Produkte. Es gab Ausnahmen wie Schmieden, denen die Kohle höhere Temperaturen ermöglichte, oder Salinen, die bei der Salzgewinnung ebenfalls extreme Hitze benötigten und die Holzvorräte der Umgebung rasch aufbrauchten. Nur in Großbritannien fand die Kohle bereits im 18. Jahrhundert großen Absatz. Das lag an der hohen Bevölkerungszahl von London, an günstig gelegenen Lagerstätten und preiswerten Transportwegen über Flüsse und das Meer. Um 1800 förderte der britische Bergbau mehr als fünfmal so viel Kohle wie alle Zechen auf dem Kontinent zusammen.

Ebenfalls eine lange Tradition besaß die Förderung von Steinkohle in Bochum oder Hattingen. Doch auch hier wurde der Rohstoff noch um 1750 ausschließlich zum Heizen verwendet. Um 1800 existierten an der Ruhr zwar bereits 158 Zechen; sie beschäftigten aber lediglich 1546 Bergleute, also etwa zehn pro Betrieb. 1913, gut hundert Jahre später, arbeiteten im Ruhrgebiet mehr als 400.000 Bergleute. Andere Reviere in Europa expandierten ebenfalls und zählten insgesamt mehr als zweieinhalb Millionen Bergarbeiter. Aus der Kohle war ein extrem gefragter Rohstoff geworden.

Die wichtigste technische Voraussetzung für den Förderboom war der Einsatz der Dampfmaschine, die es erlaubte, große Mengen der schweren Kohle nach oben zu schaffen. Zudem konnten die neuen Maschinen Wasser abpumpen, das in die Schächte einströmte, Luft zuführen und Bergleute in immer größere Tiefen bringen. Erst dadurch entstanden die modernen Großzechen, die Tausende Arbeiter beschäftigten und Hunderte Meter in die Erde eindrangen.

So wichtig die Dampfmaschine für den Bergbau war – ihre Bedeutung ging weit über die Zechen hinaus. Durch ihre Erfindung gelang es erstmals, Wärme in Bewegung zu wandeln und mit der abgebauten Kohle nicht nur Hitze zu erzeugen, sondern auch größere Maschinen anzutreiben. Das war bis dahin nur Tieren und Menschen möglich – durch Muskelkraft. Bereits Anfang des 19. Jahrhunderts trieben Dampfmaschinen Schiffe, Eisenbahnen, Mühlen, Hammerwerke und zahllose andere Anlagen an. Für deren Bau wurden enorme Mengen an hochwertigem Eisen und Stahl benötigt, deren Produktion wiederum Kohle und Koks erforderte. Die Nachfrage schoss in die Höhe. Nach 1800 begannen Chemiker zudem, die sogenannten Nebenprodukte zu nutzen, die bei der Verkokung anfielen: Gase zur Beleuchtung von Straßen und Gebäuden – und vor allem Teer, aus dem die chemische Industrie Farben, Medikamente und von 1900 an erste Plastikprodukte herstellte.

Dieser Text stammt aus dem Magazin ZEIT Geschichte Nr. 3/2018.

Als Brennstoff für das Heizen im eigenen Heim setzte Kohle sich ebenfalls durch, da neue Öfen und Kamine den Einsatz auch in Wohnungen erlaubten. Allerdings beseitigten die neuen Geräte die unangenehmen Emissionen nicht, sondern leiteten sie in die Umgebung ab: Sie verschmutzten Städte und ganze Regionen. Ebenso wie die Zechen sorgten sie für eine wachsende Umweltbelastung.

Hinzu kamen gegen Ende des 19. Jahrhunderts die ersten Kraftwerke, die aus Kohle Strom erzeugten. Als Brennstoff wurde die Kohle nun in noch größeren Mengen benötigt, sie eroberte nahezu alle industriellen und häuslichen Bereiche, in denen Energie erzeugt wurde. Die Kohleflöze entpuppten sich als wahre Schatzkammern, deren Kostbarkeiten über Jahrhunderte in der Erde geschlummert hatten und die nun plötzlich innerhalb weniger Jahre gehoben wurden. Ohne die Kohle hätte es die Industrialisierung in Europa nicht gegeben. Und ohne die Kohle wäre das Ruhrgebiet nicht zum wichtigsten Industrierevier Europas aufgestiegen.

Der Bergbau an der Ruhr lieferte Kohle, die besonders gefragt war, die in reichhaltigen Mengen unter der Erde lag und vergleichsweise günstig abgebaut werden konnte. Entsprechend expandierte die Förderung von bescheidenen 1,7 Millionen Tonnen im Jahr 1850 auf bereits 35,5 Millionen im Jahr 1890, um danach geradezu zu explodieren: 1913 erreichte die Fördermenge 111 Millionen Tonnen. Die größten Zechen förderten jetzt mehr Kohle als hundert Jahre zuvor alle Zechen zusammen. Entlang der Flüsse Ruhr und Emscher entstand das größte Bergbaurevier Europas. Hinzu kamen chemische Fabriken und Werke zur Eisen- und Stahlerzeugung, die diese Region in nur wenigen Jahren in eine gigantische Industrielandschaft verwandelten.