Heinrich Heine verwendet in seinen 1840 in Augsburg erscheinenden Pariser Korrespondenzen einen Begriff, den er aus der französischen Hauptstadt mitgebracht hat: die "Soziale Frage". In Frankreich wurde so seit etwa 1830 das Anwachsen eigentumsloser Bevölkerungsgruppen beschrieben, denen Verelendung drohte und die politisch als gefährlich galten, als classes dangereuses.

Bald etablierte sich der Begriff auch in Deutschland. Er bezeichnete die krisenhaften Erscheinungen, die das Arbeits- und Alltagsleben der Menschen in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts dramatisch veränderten: die Not der schnell wachsenden ländlichen Bevölkerung, den schleichenden Niedergang der Heimgewerbe, die beginnende Massenabwanderung in die überforderten Städte, die grassierende Arbeitslosigkeit, die Kinderarbeit – schlicht alle erdenkbaren Verelendungsphänomene der Zeit. Unter der Sozialen Frage wurde die lebensbedrohliche Unsicherheit eines neuen, eigentumslosen "Proletariats" gefasst, das noch nicht in die Lohnarbeiterschaft der expandierenden Industrie hineingewachsen war.

Anders als in Großbritannien oder Belgien blieben die deutschen Territorien bis weit in die zweite Hälfte des 19. Jahrhunderts vorwiegend agrarische Gebiete. Zwar entstanden seit den 1830er Jahren hier und dort Inseln der Industrialisierung; aber erst um 1850 begann mit dem Ausbau der Eisenbahnen der Aufschwung der Schwerindustrie. Die Menschen zogen vom Land in die Städte, doch die Städte dehnten sich nicht etwa räumlich aus: Die Zuwanderer drängten sich in den mittelalterlichen Quartieren. Die Zustände wurden zusehends unerträglich.

Hauptträger der gewerblichen Produktion blieben das städtische Handwerk und das ländliche Heimgewerbe. Schleichend geriet beides unter den Einfluss von Kaufmannskapital: Kaufleute schoben sich zwischen die handwerklichen Produzenten und ihre Kunden. Ihren Profit schlugen sie daraus, dass sie den Herstellern der Waren den Zugang zum Markt bahnten – und dabei die Einkaufspreise nach Kräften drückten. Handwerker mussten sich bei Kaufleuten verschulden, weil sie selbst kein Kapital besaßen, einige verpfändeten ihre gesamte Produktion. Insofern ist die Gegenüberstellung von "altem Handwerk" und "dynamischer Industrie" ein Mythos: Lange bevor sich das Fabriksystem in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts in Deutschland ausbreitete, wurden die handwerklichen Produktions- und Betriebsformen kapitalistisch kommerzialisiert.

Ein typischer Vertreter der ersten Handwerkergeneration, die sich vor diese völlig neuen Herausforderungen gestellt sah, war August Bebel. Nach seiner Wanderschaft arbeitete er von 1860 an in Leipzig als Drechslergeselle. Von seinem Meister entlassen, erwarb er 1864 im Alter von 24 Jahren eine kleine Drechslerwerkstatt und das entsprechende Handwerkszeug. Finanzieren konnte er dies nur, weil er Ackerparzellen verkaufte, die er von den Wetzlarer Verwandten seiner Mutter geerbt hatte.

Dieser Text stammt aus dem Magazin ZEIT Geschichte Nr. 3/2018.

Bebel produzierte mit einem Gesellen und einem Lehrling für einen Leipziger Kaufmann, der ihn "das Elend eines Kleinmeisters" gründlich spüren ließ: "Die gelieferten Waren mußten auf längeren Kredit gegeben werden, Lohn für Gehilfe und Lehrling, Spesen und der eigene Lebensunterhalt erforderten aber täglich und wöchentlich Ausgaben. Woher das Geld nehmen? Ich lieferte also einem Kaufmann meine Ware gegen Barzahlung zu einem Preis, der nur wenig höher als die Selbstkosten war. Holte ich aber am Samstag mein Geld, so erhielt ich lauter schmutzige Papierscheine, von denen damals Leipzig durch seinen Verkehr mit den thüringischen Kleinstaaten überflutet wurde. [...] Daneben erhielt ich aber auch öfter Coupons irgendeines industriellen Unternehmens, die noch nicht fällig waren, oder Dukaten, die der Manichäer derart beschnitten hatte, daß ich statt 3 Taler 5 Groschen, wie sie mir angerechnet wurden, beim Bankier, bei dem ich sie wechseln mußte, oft nur 3 Taler und weniger erhielt."

Auch auf dem Land waren die Handwerker bereits von Kaufleuten abhängig: Diese organisierten die Produktion dezentral in Heimarbeit, häufig im "Verlagssystem", das eine weit entwickelte Form eines betriebslosen Kapitalismus verkörperte. Der "Verleger", meist ein in der Stadt wohnender Kaufmann, stattete die in ihren Kotten und Hütten arbeitenden Produzenten mit dem Arbeitsgerät – Spinnrad oder Webstuhl – und Rohmaterial aus, um ihnen später das fertige Produkt abzukaufen. Der Preis, den der Verleger zahlte, war der ganze Lohn der Arbeit. Dieser war aber nicht fix, sondern abhängig von der produzierten Menge und davon, ob der Verleger die angebotene Qualität akzeptierte und den vollen Preis bezahlte; darüber hinaus wirkten sich Preisschwankungen in der weltweiten Konjunktur auf die Höhe des Lohnes aus. Die Heimarbeiter mussten also ein unternehmerisches Risiko auf sich nehmen, obwohl sie abhängig Beschäftigte waren und keinen eigenen Marktzugang hatten. Sie konnten ihre Ware einzig und allein bei ihrem Verleger absetzen.

In Bielefeld etwa beherrschte um 1860 ein knappes Dutzend Kaufmannsfamilien das regionale Leinengeschäft, in dem mehrere Tausend "verlegte" Heimspinner und Heimweber ums nackte Überleben kämpften. Dass diese Art von Kostenflexibilität die Heimarbeit lange gut gegen die zentralisierte Fabrik konkurrieren ließ, ist nicht verwunderlich.