Vom Paradies hat Marx nie geträumt. Für ihn wäre eine solche Vorstellung einem Bild von der Hölle nahegekommen – ganz im Sinne Hegels, der die Träume vom "Goldenen Zeitalter" als bloßes blödes Hindämmern in "idyllischer Geistesarmut" und stumpfer Glückseligkeit abgefertigt hatte.

Von anderen Zukunftsentwürfen hielt Marx genauso wenig. Alle literarischen Utopien der Neuzeit seit Thomas Morus’ Utopia von 1516 waren letztlich Bilder der Stillstellung. Ihren auf entlegene Inseln verbannten, meist in "kommunistischer" Gütergemeinschaft lebenden Idealgesellschaften war der Stachel der Unruhe gezogen worden. Und das bis ins Zeitalter der Entdeckungen und der bürgerlich-kapitalistischen Umwälzung, die Marx und Engels im Kommunistischen Manifest von 1848 als revolutionäre Entwicklungsdynamik hymnisch preisen.

Dieser Text stammt aus dem Magazin ZEIT Geschichte Nr. 3/2018.

Natürlich kann man auch dem von Marx hergeleiteten, von Engels und anderen entwickelten "wissenschaftlichen Sozialismus" einen utopischen Charakter zuschreiben. Nur beruht das meist auf Missverständnissen.

Sie beginnen mit der Vorstellung, Marx habe den "Kommunismus" als umfassenden Gegenentwurf zur bürgerlich-kapitalistischen Gesellschaft in Stellung gebracht. Tatsächlich war der Kommunismus für ihn aber "nicht als solcher das Ziel der menschlichen Geschichte", wie er in seinen frühen Pariser Notizen festhält. Er diente ihm als kritischer Gegenbegriff zur gegenwärtigen Produktions- und Eigentumsordnung, in der die "Reichheit der menschlichen Bedürfnisse" sich lediglich in einer Masse toter Gegenstände (Waren) materialisiere. Und in der das arbeitsteilig erwirtschaftete Gesamtprodukt, vor allem die als Kapital akkumulierten Produktionsmittel, den Arbeitenden als eine fremde, überlegene Macht gegenübertrete – so wie der Staat, die Kirche und Gott selbst.

Bemerkenswert ist, dass Marx diese früheste Bestimmung des Kommunismus als einer nicht entfremdeten und dem Menschen gemäßeren Lebens- und Produktionsweise kategorisch abgrenzt von dem, was er "rohen und gedankenlosen Kommunismus" nennt – einem Negativbild, das "auf gewaltsame Weise von Talent etc. abstrahieren" müsse und letztlich auf "die Rückkehr zur unnatürlichen Einfachheit des armen und bedürfnislosen Menschen" hinauslaufe.

In seinen raren, knappen Bestimmungen, was Kommunismus bedeuten könne, ist von einem sozialen Egalitarismus nirgends die Rede – im Gegenteil. Weder im Kommunistischen Manifest noch sonst in den öffentlichen Schriften kommt der Kommunismus überhaupt als programmatischer Begriff vor. Nach 1850 lässt Marx das Wort sogar als Selbstbezeichnung weitgehend fallen, weil sein eigentliches Metier die Kritik des Bestehenden ist.

Stattdessen formuliert er die Zielbestimmung einer "Assoziation, worin die freie Entfaltung eines Jeden die Bedingung der freien Entfaltung Aller" ist. Das ist unbedingt in dieser Reihenfolge zu verstehen und schließt Frauen nicht nur ein, sondern meint sie an erster Stelle: Denn "der Grad der weiblichen Emanzipation", so schrieb Engels später, sei "das natürliche Maß der allgemeinen Emanzipation".

Erst in Marx’ später (interner) Kritik des Gothaer Programms von 1875, also der programmatischen Grundlage der erstmals vereinigten Sozialistischen Arbeiterpartei Deutschlands, der späteren SPD, finden sich Andeutungen, was "Sozialismus" und "Kommunismus" positiv bedeuten könnten. Doch alle Vorstellungen, durch die "Erhebung der Arbeitsmittel zum Gemeingut der Gesellschaft" und die "unverkürzte Verteilung des Arbeitsertrags" (wie es im Programm hieß) werde sich ein Schlaraffenland eröffnen, überzieht Marx mit ätzendem Spott. Aus einem sozialisierten Gesamtprodukt müssten eher noch größere und konstantere Allgemeinaufgaben übernommen werden als bisher, und nur was dann noch übrig bleibe, stehe der individuellen Konsumtion zur Verfügung.

Die Aufhebung der aufgezwungenen Arbeitsteilung

Ebenso verfehlt erschien Marx die Erwartung, eine sozialistische Gemeinwirtschaft müsse auf eine "gerechte", also egalitäre Angleichung der Löhne und Gehälter hinauslaufen. Vielmehr gehe es um eine strikte Leistungsgesellschaft nach dem Prinzip "Jeder nach seinen Fähigkeiten, jedem nach seiner Leistung" – wie es die bourgeoise Klassengesellschaft gerade nicht war.

In einer späteren, höheren Entwicklungsstufe, wenn "die Arbeit [...] selbst das erste Lebensbedürfnis geworden" sei und "mit der allseitigen Entwicklung der Individuen auch ihre Produktivkräfte gewachsen und alle Springquellen des genossenschaftlichen Reichtums voller fließen", könne man sich auf die Fahne schreiben: "Jeder nach seinen Fähigkeiten, jedem nach seinen Bedürfnissen!" Aber ein Reich der Gleichheit wäre auch das nicht: Die unterschiedlichen Neigungen, Bedürfnisse, Fähigkeiten und Lebensentwürfe der Individuen müssten dann erst recht zur freien Entfaltung kommen.

Die Aufhebung der aufgezwungenen Arbeitsteilung machte Marx auch zur Pointe einer frühen, spielerischen Vorstellung einer neuen Welt, in der "die Gesellschaft die allgemeine Produktion regelt" und es dem Einzelnen ermöglicht werde, "heute dies, morgen jenes zu tun, morgens zu jagen, nachmittags zu fischen, abends Viehzucht zu treiben, nach dem Essen zu kritisieren, [...] ohne je Jäger, Fischer, Hirt oder Kritiker zu werden".

Wer dieses Bild freilich so verstand, dass die Arbeit ein Spiel wäre, ein "Amusement", wie der utopische Sozialist Charles Fourier meinte, der war wiederum auf dem Holzweg. Wirklich "freie[s] Arbeiten, z. B. Komponieren", war für Marx "zugleich verdammtester Ernst, intensivste Anstrengung". Der eigentliche Gewinn gesellschaftlicher Kooperation musste sich nach Marx in der Rückverwandlung der bisher den Arbeitern abgepressten Mehrarbeit in frei verfügbare Zeit bemessen – die er allerdings nicht als Zeit zur bloßen Erholung und Zerstreuung verstand, sondern als "freie Zeit für freie Entwicklung". Hier wie überhaupt ging es ihm um die "Entwicklung der vollen Produktivkräfte der Einzelnen, daher auch der Gesellschaft" – wieder in dieser logischen Reihenfolge.

Dieser weit offene, in keiner Weise vorgezeichnete Weg zum "Sozialismus" oder "Kommunismus" bedeutete zunächst nur den Austritt aus der barbarischen, von blanker Notdurft und physischem Zwang bestimmten "Vorgeschichte" der menschlichen Gattung als einem "Reich der Notwendigkeit" – und die Eröffnung ihrer eigentlichen Geschichte als eines "Reichs der Freiheit", in dem die Subjekte ihre Lebenswelt endlich bewusst gestalten können.

Das wäre ein Kosmos neuer, noch gar nicht absehbarer Herausforderungen und auch Konflikte. Gegensätze jedoch, die sich zwischen Menschen zwangsläufig ergeben, besäßen keinen unversöhnlichen Charakter mehr und müssten nicht mehr durch sozialen, politischen oder militärischen Zwang entschieden werden. Sie könnten vielmehr durch freie Übereinkunft und Demokratie geregelt oder in Wettbewerben ausgetragen werden. Die höheren Fähigkeiten, klügeren Konzepte, praktischeren Vorschläge und ästhetischeren Entwürfe sollten sich dabei durchsetzen.

Bei allen wohlbegründeten Einwänden, die sich gegen diese Gesellschafts- und Geschichtsvorstellung erheben lassen: So extravagant kommt einem Marx’ betont vage, fast mit einem Bilderverbot belegte Vorstellung vom Kommunismus dann auch wieder nicht vor.