Die Marx-Engels-Gesamtausgabe ähnelt dem Kölner Dom. Dessen Bau begann 1248, ruhte infolge der Reformation von 1520 bis 1842 und wurde 1880 doch vollendet. Die Errichtung der MEGA, 1927 begonnen, brach in den dreißiger Jahren nach zwölf Bänden durch Stalins Baustopp ab. Neustart um 1970, in Moskau und Ost-Berlin. Der staatsmarxistische Bankrott von 1989 brachte die Werkskathedrale, nun 43 Bände hoch, erneut in Gefahr. Jetzt aber naht der gute Schluss: 80 Prozent sind geschafft, 2031 soll Kirchweih sein. Soeben wurde ein zentraler Kapitellstein eingefügt: Die deutsche Ideologie, jenes Frühwerk, in dem – Gläubige wissen es – Karl Marx und Friedrich Engels unumstößlich den historischen Materialismus begründeten.

Die Sakral-Analogie endet rasch. Der Kölner Dombaumeister muss auch heute noch katholisch sein, der MEGA-Editor kein Marxist – seit der Weltenwende, als die roten Götter stürzten. Und Die deutsche Ideologie wird sich als Heilige Schrift erweisen, die es gar nicht gibt. Wir sollen uns noch wundern ...

Karl Marx steht wieder, knallrot. Wir besuchen ihn im MEGA-Hauptquartier, der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften am Gendarmenmarkt. Geformt vom Symbolfigur-Grossisten Ottmar Hörl, teilt sich der rote Plaste-Karl ein Büro mit MEGA-Chefredakteur Gerald Hubmann. Dieser jugendliche Freigeist vom Jahrgang 1962, Adept der Frankfurter Schule, kam 1998 nach Berlin. Sein Vorleben war bedenklich: Uwe-Johnson-Forscher.

Marx hatte er auch studiert. Karl Marx, sagt Hubmann, gehörte für mich zum Kanon der klassischen deutschen Philosophie, doch bei den Ost-Kollegen fand ich eine unglaubliche weltanschauliche Aufladung. Jedes Detail hatte seinen ganz bestimmten Platz im Marxschen Werk und Denken. Sie glaubten bei jedem Satz zu wissen, wo sich Marx in seinem stetig aufsteigenden Erkenntnisprozess gerade befand. Eine Mitarbeiterin bemerkte: Der junge Kollege aus dem Westen ist offensichtlich nicht richtig dialektisch geschult. Ich sagte: Ich bin hoffentlich überhaupt nicht geschult.

Ein Clash der Kulturen. Bis 1990 entstand die MEGA in zwei Partei-Einrichtungen: den Instituten für Marxismus-Leninismus beim ZK der KPdSU und beim ZK der SED. Heutige Herausgeberin ist die Internationale Marx-Engels-Stiftung, gegründet 1990 auf Initiative des Internationalen Instituts für Sozialgeschichte Amsterdam. Dort liegen, kriegsbedingt, zwei Drittel des Marx-Engels-Nachlasses; ein Drittel hütet in Moskau das Russländische Staatliche Archiv für Sozial- und Politikgeschichte. Von Hunderten Mitarbeitern verblieben in Berlin acht, in Moskau drei. Unentbehrlich ist die weltweite Korona von Marx-Engels-Forschern.

Dieser Text stammt aus dem Magazin ZEIT Geschichte Nr. 3/2018.

Das Editionsprinzip, damals wie heute: Die MEGA bietet das Werk von Karl Marx und Friedrich Engels in seiner Gesamtheit, getreu den ursprünglichen Handschriften und Drucken, in der Sprache der Originale. Freilich macht es für die Kommentierung einen Unterschied, ob man das Erbe historisch-kritisch sichtet oder gläubig inspiriert, als Wahrheitsfundus der Klassiker der wissenschaftlichen Weltanschauung.

Herr Hubmann, waren Sie den MEGA-Ostlern an Faktenkenntnis unterlegen?

Selbstverständlich. Die befassten sich oft seit Jahrzehnten mit dem Nachlass. Aber die Fixierung verleitete zur Teleologie. Das war reine Spekulation, wir wissen wenig über den späten Marx. Er hat ja nichts mehr publiziert, schon gar keine Prophetie der kommunistischen Zukunftsgesellschaft.

Der späte Marx saß unentwegt in der Bibliothek des British Museum und studierte nach allen Seiten: Grundlagenforschung, Statistik, die Hakenschläge des amerikanischen Kapitalismus, Atomtheorie, Geologie, Darwin. Er exzerpierte Zettel-Konvolute, er kopierte Hunderte Illustrationen, er pauste Fossilienbilder auf Zigarettenpapier. Wozu, wohin? Friedrich Engels, seinen Geistesbruder und lebenslangen Mäzen, ließ Marx im Glauben, er werke zielstrebig am Opus magnum Das Kapital, dessen erster Band 1867 im Hamburger Verlag Otto Meissner erschien. "Während Engels eher den Typ des Kopfarbeiters darstellt", konstatiert Rolf Dlubek 1994 in den MEGA Studien, "ist Marx ein Extremfall des sogenannten Papierarbeiters, des schreibend denkenden Autors, bei dem sich der Schaffensprozeß in immer neuen Fassungen eines Werks und oft schwer entwirrbaren Variantenknäueln materialisiert."