ZEIT Geschichte: Herr Neitzel, haben Sie gedient?

Sönke Neitzel: Ja. Ich hatte den langweiligsten Job der Bundeswehr, ich war Tankwart.

Hannes Heer: (lacht) Ich überlege gerade, welche Uniform Sie getragen haben, gefleckt wahrscheinlich.

Neitzel: Eine mit blauen Litzen.

ZEIT Geschichte: Hatten Sie soldatische Vorbilder?

Neitzel: Nein, aber ich gehörte zu den wenigen Wehrpflichtigen, die wussten, nach welchem Manteuffel unsere Kaserne in Hofgeismar benannt war – nach Edwin, einem preußischen Generalfeldmarschall des 19. Jahrhunderts.

ZEIT Geschichte: Preußen gehört zum offiziellen Traditionsschatz der Bundeswehr. Die deutschen Streitkräfte bis 1918 seien "Quelle erinnerungs- und bewahrungswürdiger Vorbilder", heißt es im neuen Traditionserlass. Was an den Obrigkeitsarmeen des 18. und 19. Jahrhunderts ist vorbildlich?

Heer: Das ist eine der vielen Leerstellen in diesem Erlass. Er verschweigt nämlich, dass das Kaiserreich spätestens mit der 3. Obersten Heeresleitung durch Hindenburg und Ludendorff eine Art Militärdiktatur war. Er sagt nicht, dass es 1916 die Judenzählung in der Armee gab, 1917 den uneingeschränkten U-Boot-Krieg, der dicht am Völkerrechtsbruch lag.

Neitzel: Ich glaube, es geht um etwas anderes. Es geht um die langen Linien, die in die Bundeswehr hineinwirken: die Idee des Generalstabs, bestimmte Prinzipien wie das Führen von vorn oder die Auftragstaktik.

Heer: Man kann doch nicht einfach eine ganze Epoche unkritisch gutheißen, in der am Ende der gescheiterte "Griff nach der Weltmacht" steht.

ZEIT Geschichte: Die Wehrmacht gilt ausdrücklich als nicht traditionswürdig. Ausgerechnet diese Vergangenheit aber kann die Bundeswehr nicht abstreifen.

Dieser Text stammt aus dem Magazin ZEIT Geschichte Nr. 4/2018.

Neitzel: Die Bundeswehr existiert letztlich, um militärische Gewalt anzudrohen oder anzuwenden. Wenn Sie nach handwerklichen Traditionen für dieses Metier suchen, landen Sie automatisch im Zweiten Weltkrieg. Dort haben die Soldaten der Wehrmacht im Polenfeldzug 1939 noch Bezüge zum Ersten Weltkrieg hergestellt: Sie verglichen sich mit der Infanterie von 1914. Das taucht später in Russland nicht mehr auf, weil nun die eigene Kämpfertradition in den Vordergrund getreten ist. Über eine solche verfügt die Bundeswehr bis heute nicht. Hätte sie – Gott bewahre, sie hat es nicht – im Vietnamkrieg gekämpft, würde kaum noch jemand vom Zweiten Weltkrieg sprechen.

ZEIT Geschichte: Es ginge auch anders. Warum sucht die Bundeswehr ihre Vorbilder nicht bei den demokratischen Soldaten der 1848er-Revolution?

Neitzel: Weil sich die meisten Soldaten darüber kaputtlachen würden.

ZEIT Geschichte: Warum? Weil sie sie gar nicht kennen?

Neitzel: Unser Staat und unsere Demokratie versuchen legitimerweise, ihr Wertesystem auf die Streitkräfte zu übertragen. Das funktioniert auch, die Soldaten stehen loyal zu unseren Werten. Aber daneben gibt es eine Militärkultur, die zumindest für die Kampftruppen des Heeres viel identifikationsstiftender ist. Diese Soldaten wollen Vorbilder, die in ihre Welt passen – das sind nicht die Revolutionäre von 1848/49.

Heer: In einem Traditionserlass müsste genau so etwas wie die 1848er-Revolution stehen. Warum nicht Männer wie Robert Blum oder Frauen wie Emma Herwegh? Hier handelt doch der Staat, es geht um die Werte unserer Gesellschaft.

ZEIT Geschichte: Nimmt, wer über die 1848er-Soldaten lacht, das freiheitliche Ideal der Bundeswehr, den "Staatsbürger in Uniform", überhaupt ernst?

Neitzel: Ich glaube, dass die Bundeswehrsoldaten "Staatsbürger in Uniform" sind. Sie sind hier geboren und zur Schule gegangen. Sie finden Meinungsfreiheit und Menschenwürde ziemlich gut. Es sind zwei Ebenen, über die wir reden: der Referenzrahmen des Staates, unsere Demokratie, das Grundgesetz. Und die Kultur des Militärs. Auch Journalisten, Hochschulprofessoren oder Ausstellungsmacher bilden eine eigene Berufskultur aus. Bei den Soldaten ist es vielleicht etwas extremer, weil der Beruf mit der Waffe ein besonderer ist.

ZEIT Geschichte: Die besondere Welt, die nicht zu zivil werden darf. Mit diesem Argument versuchen Militärs seit je, sich abzuschotten. Auch in der Bundeswehr.

Neitzel: Natürlich haben einige den "Staatsbürger in Uniform" als verweichlicht abgetan, aber es gab nie eine reale Gefahr, dass die Bundeswehr sich gegen die Demokratie stellt. Auch Militärs, die ratzekonservativ waren, standen auf dem Boden der Verfassung.

Heer: Ich möchte beim "Staatsbürger in Uniform" bleiben, über den Sie so lässig hinweggehen. Er ist keine Lappalie, sondern war die Antwort auf einen Völkermord. Nach dem absoluten Missbrauch bewaffneter Gewalt im Zweiten Weltkrieg, dem genozidalen Verbrechen des Vernichtungskrieges, sollte die Bundeswehr ein ethisches Korsett erhalten, an dem sie sich orientieren muss. Das ist damals gegen den Widerstand der meisten Generale durchgesetzt worden und war immer in Gefahr, unterlaufen zu werden.

Neitzel: Wenn man nur über den "Staatsbürger in Uniform" und den Holocaust redet, versteht man die Bedürfnisse der Soldaten nicht. Das ist genau der Gegensatz, der viele in der Zivilgesellschaft so fragend vor dem Militär stehen lässt.