Ein nach Schnaps stinkender und nach Blut gierender Hurenbock – so in etwa sieht der städtische Bürger den gemeinen Soldaten im 18. Jahrhundert. Für ihn dient in den Söldnerarmeen der Epoche nur Gesindel, von Werbern verführt und gepresst, von Offizieren geknechtet und gemartert, das sich vom Waffendienst weiß Gott welche Abenteuer verspricht. Und überhaupt: Der Krieg stört das Geschäft des Bürgers. Umgekehrt sind die Bürger in den Augen des Soldaten Krämerseelen und Federfuchser, die bei jedem Gewehrschuss zusammenzucken wie ein Hase beim Halali.

Keine gute Voraussetzung für eine allgemeine Wehrpflicht. Wie soll man den Bürger für das Soldatsein erwärmen? Am besten gar nicht, so lautet die Antwort des sogenannten Kantonsystems, das Preußen 1733 einführt. Zwar ist es eine Vorstufe zur allgemeinen Wehrpflicht, doch es befreit neben Adeligen und Geistlichen auch die Bewohner der Städte. Während die Bauernburschen reihenweise gezogen werden, können sich städtische Handwerker, Händler, Gastwirte, Ärzte und Lehrer ganz ihrem zivilen Leben widmen.

Dieser Text stammt aus dem Magazin ZEIT Geschichte Nr. 4/2018.

Doch nach der Niederlage Preußens gegen Frankreich 1806 soll der Bürger Soldat werden, der Soldat Bürger. Die allgemeine Wehrpflicht lässt bei den Beglückten allerdings keine rechte Begeisterung aufkommen. Kaum gilt sie, beginnt der Widerstand. Selbst im Taumel der Befreiungskriege 1813/14 entziehen sich trotz Kriegshurra und Waffenjubel ungezählte Männer dem Dienst, verstecken sich, gehen ins Ausland. Mancher versucht es mit Bestechung der musternden Militärärzte. Alsbald wollen auch ganze Städte, etwa Berlin, Potsdam oder Breslau, ausgenommen werden, wie einst im Kantonsystem.

Gewiss fügen sich einige auch mit Freuden in ihr Los. Die Waffe ist traditionell das Vorrecht des freien Mannes, und für den Knecht oder den Gesellen ist sie eine Verlockung, eine Sache der Ehre, wie ja auch die Uniform. Sogar der Fabrikantensohn Friedrich Engels führt Anfang der 1840er Jahre mit stolzer Brust seine Uniform Unter den Linden spazieren, auch wenn ihn wohl weniger die Ehre interessiert als die lieben Äuglein der Berlinerinnen.

Doch ist dem Bürger die Ehre so viel wert? Ehre und Ruhm sind stark mit der alten Feudalgesellschaft der Frühen Neuzeit verknüpft, es sind die Hauptwährungen des Adeligen und des Kriegers. Und auch wenn der Reiz nie gänzlich verblassen wird, besitzt das aufstrebende Bürgertum doch andere Währungen: Bildung, Wissen, Leistung und vor allem Geld. Der zeitintensive Wehrdienst kostet. Zwischen Ehrgewinn und Zeitverlust ist dem Bürger die Ehre allenfalls zweitrangig. Auch dass die preußische Staatsführung sie mit der jungen Idee der Nation verknüpft und den Waffendienst zur "National-Ehre" erklärt, kann daran wenig ändern.

Dabei haben die Gesetzgeber schon die völlige Gleichheit geopfert. Wer zu den gebildeten Ständen gehört und in der Lage ist, selbst für Uniform und Waffe aufzukommen, kann, sofern er sich freiwillig meldet, das Vorrecht eines verkürzten Diensts erhalten – lediglich ein Jahr statt der üblichen drei.

Nach ihrem Wehrdienst werden die Einjährig-Freiwilligen meist Offizier in der Landwehr, dem Pendant zum stehenden Heer, einer Art Anti-Armee aus Zivilisten. In ihr dienen zum einen die bereits Gedienten, die Einjährigen als Offiziere, die Dreijährigen als Soldaten, zum anderen diejenigen, die nicht zur regulären Armee, der Linie, eingezogen werden. Die Landwehr-Soldaten gehen ihrem zivilen Beruf nach und müssen lediglich von Zeit zu Zeit an militärischen Übungen teilnehmen. Während die Linie – trotz Wehrpflicht – die Tradition des stehenden Heeres verkörpert und Heimat der Haudegen und Hardliner ist, der Profi- und der Vollblutsoldaten, soll die Landwehr eine Bürgerarmee sein, ein Volksheer. Ihre Angehörigen tragen zwar die blaue Uniform, aber das Bürgerhemd ist ihnen näher als der "Rock des Königs".