Vor sieben Jahren trug die Bundesregierung eine der langlebigsten Institutionen der modernen bürgerlichen Gesellschaft sang- und klanglos zu Grabe. Das Kabinett Merkel beschloss, die allgemeine Wehrpflicht zum 1. Juli 2011 auszusetzen.

Damit wurde ein Streit beendet, der seit den frühen neunziger Jahren die politischen Gemüter erhitzt hatte. Mit dem Ende des Ost-West-Konfliktes und des militärischen Bedrohungsszenarios war auch, so sahen es viele, das Konzept der Territorialverteidigung hinfällig geworden, an das die Wehrpflicht historisch und systematisch gebunden war. Kriege schienen fortan nur noch in Form militärischer Auslandseinsätze mit relativ kleinen, hoch technisierten Kampftruppen denkbar.

Dieser Text stammt aus dem Magazin ZEIT Geschichte Nr. 4/2018.

Funktional gesehen war damit die Wehrpflicht längst außer Dienst. Dass dennoch so heftig um sie gestritten wurde und ihre Aussetzung einiges Grummeln provozierte, lässt sich nur historisch erklären. Die Debatte um die Wehrpflicht verlief so engagiert und kontrovers, weil darin vier für unsere Gesellschaft grundlegende Probleme und Selbstverständnisse verhandelt wurden:

Erstens das demokratische Selbstverständnis, wonach Bürger ihre wohlerworbenen Rechte und ihre staatliche Verfassung selber verteidigen dürfen, sollen und müssen. Dafür steht die viel zitierte Äußerung des ersten Bundespräsidenten Theodor Heuss von 1949, die Wehrpflicht sei ein "Kind der Demokratie".

Mit diesem Selbstverständnis ging zweitens die Vorstellung einher, dass zum Bürgersein auch Bürgerpflichten und Bürgerdienste gehören. Die Aufforderung, sich für das eigene Gemeinwesen aktiv zu engagieren, steckt auch in dem seit den neunziger Jahren so beliebten Begriff der Zivilgesellschaft. Damit verbinden sich Ideen von und der Anspruch auf Partizipation, Selbstverpflichtung und Selbstorganisation. Gute Bürger seien nicht nur daran interessiert, individuelle Interessen zu verfolgen und persönliche Rechte einzuklagen. Es gehe auch um so etwas wie Gemeinsinn – eine appellative Behauptung, die seit den 1840er Jahren in Umlauf war. Die Erfahrungen im Nationalsozialismus hatten ihr allerdings einen ordentlichen Dämpfer versetzt. Zwischen 1933 und 1945 galt die radikale Devise, der Einzelne sei nichts und die Gemeinschaft alles. Dem "Volk" sei deshalb alles zu opfern, nicht zuletzt das eigene Leben in einem beispiellos brutalen Krieg. Nach Kriegsende hatten die Menschen von dieser Art Gemeinsinn die Nase voll; den obligatorischen Militärdienst schafften die Siegermächte ab. 1956 wurde die Wehrpflicht wieder eingeführt, doch es dauerte mehrere Jahrzehnte, bis die militärische Form der Bürgerpflicht zusammen mit dem Zivildienst wieder als Ausdruck bürgerschaftlichen Engagements gewertet wurde.

Im Streit um die Wehrpflicht bündelten sich drittens geschlechterpolitische Konfliktlinien. Das Militär ist traditionell eine weitgehend frauenfreie Institution. 1949 legte das Grundgesetz erneut fest, dass Frauen keinen "Dienst an der Waffe" leisten durften. Seit 1975 konnten Frauen jedoch in das Sanitäts- und das Musikkorps der Bundeswehr eintreten, zunächst nur auf Offiziersebene, seit 1991 auch als "Mann"schaften und Unteroffiziere. Nachdem der Europäische Gerichtshof 2000 befand, dass der Ausschluss vom Waffendienst gegen den Grundsatz der Gleichberechtigung verstoße, öffnete die Bundeswehr 2001 alle Laufbahnen auch für Frauen, allerdings nur bei Offizieren, Unteroffizieren und Zeitsoldaten. Nicht gerüttelt wurde am Prinzip, dass die Wehrpflicht allein für Männer galt. Dagegen liefen manche Feministinnen Sturm, aber das Bundesverfassungsgericht entschied gegen sie. Dennoch blieb die Spannung sichtbar: Die nur für Männer geltende Wehrpflicht passte eigentlich nicht mehr zum modernen Verständnis von Staat und Gesellschaft, das sich nach heftigen Kämpfen allmählich von Geschlechterstereotypen verabschiedet.

Ein letztes, viertes Dilemma, das die Diskussionen um die Wehrpflicht grundierte, war das Verhältnis zur Gewalt. Die Wehrpflicht erinnerte jede Familie mit Söhnen daran, dass Krieg und Gewalt eine reale Größe waren. Sosehr man sich an den Frieden als Normalfall gewöhnte, so hart und unangenehm war es, den Krieg als Eventualfall mitzudenken. Sich mitten im Frieden auf den Krieg vorzubereiten hieß auch, das Töten und Getötetwerden als Möglichkeit einzubeziehen. Das aber widersprach dem, was man sich unter einer zivilen Gesellschaft vorstellte: einen Raum, der das Unmilitärische betonte, den gewaltfreien Umgang der Bürger miteinander. Dass es in dieser Gesellschaft mit der Bundeswehr eine Institution gab, deren Mitglieder nach anderen Regeln handelten, stellte das Selbstverständnis der Zivilgesellschaft noch nicht infrage. Dass aber alle männlichen Bürger durch die Wehrpflicht jene unzivile Institution durchliefen und dort zu Gewalt erzogen wurden, geriet zum Stein des Anstoßes.

Anstößig war die Militärpflicht indes von Anfang an gewesen. Ihre Befürworter sahen sich mit massiven Widerständen konfrontiert, die erst im Verlauf des 19. Jahrhunderts kleiner wurden, aber nie ganz verebbten.

Die Einführung von Wehrpflichtigen-Armeen, zuerst in Frankreich, dann in fast allen kontinentaleuropäischen Ländern, stand in direktem Zusammenhang mit der Formveränderung des Krieges seit dem späten 18. Jahrhundert. Mit der levée en masse, 1793 in Frankreich zur Verteidigung der Republik anbefohlen, brach eine neue Epoche der Kriegführung an. Sie nahm, zumindest rhetorisch, den totalen Krieg des 20. Jahrhunderts vorweg, indem sie zum einen die gesamte Bevölkerung einbezog: alle sozialen Klassen, alle Generationen, alle Geschlechter, alle Konfessionen. Um diese gesamtgesellschaftliche Mobilisierung zu erreichen, musste der Krieg politisch popularisiert und gerechtfertigt werden. Die Wirksamkeit der Kriegspropaganda hing nicht zuletzt davon ab, wie scharf sie die Grenze zwischen "uns" und "ihnen" zu ziehen wusste. Je radikaler die Feindbilder, desto stärker ihre zugleich vergemeinschaftende und ausschließende Wirkung.

Das wusste bereits Napoleon

Zum anderen verlangten die Kriegsziele und die militärische Taktik nach Massenarmeen. Die europäische Geopolitik des 19. und frühen 20. Jahrhunderts formulierte territoriale Expansions- und Arrondierungsinteressen, die sich nicht mehr mit den relativ kleinen, schematisch operierenden Truppenverbänden des 17. und 18. Jahrhunderts durchsetzen ließen. Die neue Geopolitik erforderte große, flexibel einsetzbare Heere. Aber woher sollte man die Soldaten nehmen? Das Söldnerkontingent war ebenso begrenzt wie das Reservoir langfristig dienender Landeskinder. Unter diesen Umständen lag es nahe, sich aus dem schier unerschöpflichen Rekrutierungspotenzial aller jungen Männer zu bedienen, die im Lande lebten. Massenheere und Wehrpflicht waren zwei Seiten derselben Münze.

Das wusste bereits Napoleon, der mit einer 600.000-Mann-Armee nach Russland zog, und das hatten auch die preußischen Militärpolitiker erkannt, die ihm 1813 in den Rücken fielen. Schon vorher hatten sie die Auflage, sich auf ein Heer von 40.000 Mann zu beschränken, dadurch umgangen, dass sie Soldaten nur kurzzeitig einberiefen und nach der Ausbildung rasch wieder entließen. Auf diese Weise entstand eine Art Reservearmee, die im Bedarfsfall schnell zu mobilisieren war und auf die man in den sogenannten Befreiungskriegen zurückgriff. Trotz zahlreicher militärischer und politischer Widerstände rief Preußen 1813 die Wehrpflicht aus und behielt sie auch nach dem Sieg über Napoleon bei.

Allerdings kochte der Staat zunächst auf kleiner Flamme und berief nur einen kleinen Teil der potenziellen Rekruten ein. Erst im allgemeinen Kriegsklima der 1850er Jahre gab man diese Zurückhaltung auf. Die Reorganisation des Heeres, unter starkem innenpolitischem Gegenwind seit den späten 1850er Jahren vollzogen und durch die preußischen Siege von 1864, 1866 und 1870/71 gekrönt, bereitete die kriegerische Nationalstaatsgründung vor. In den ersten zwei Jahrzehnten des Kaiserreichs fror man die Heeresgröße auf relativ hohem Niveau ein; erst in der Phase der wilhelminischen "Weltpolitik" begann ein Rüstungswettlauf, der sich nicht zuletzt in immer höheren Einberufungszahlen äußerte. Um die Massenheere des Ersten Weltkriegs aufstellen und gegeneinanderführen zu können, musste die Aushebungsrate stetig gesteigert werden. Das war in Frankreich nicht anders als in Deutschland.

Die Abschaffung der Wehrpflicht 1919, die der Versailler Vertrag verordnete, wirkte auf viele Deutsche wie ein Schock. Weite Teile der Bevölkerung hatten sich inzwischen mit der Militärpflicht arrangiert und konnten ihr manches Positive abgewinnen. Nun klagte man über die Entmannung der Nation und die Verwilderung der Jugend, die den disziplinierenden Einfluss des Militärs fortan entbehren sollte. Vor allem konservative Kreise begrüßten deshalb 1935 die Wiedereinführung der Wehrpflicht als Ausdruck von politischer Stärke und Ordnungswillen. Besonders in der ländlichen Bevölkerung, aber auch unter Arbeitern wurde Zufriedenheit laut, dass nun auch die "jungen Leute richtig in Zucht" kämen und "Disziplin und Ordnung" lernten.

Zugleich aber fürchteten viele Ältere (zu Recht), dass die Wehrpflicht mit erneuter Aufrüstung verbunden sei und damit fast zwangsläufig einen Krieg nach sich ziehen werde. Ebendas war das Ziel der nationalsozialistischen Reichsführung. Ein Freiwilligenheer hätte nie die Größe erreicht, die Hitler für die Umsetzung seiner gigantischen Expansionspläne brauchte.

Bundeswehr und NVA blenden die dunklen NS-Jahre aus.

Größenordnungen spielten auch 1955/56 eine Rolle, als die beiden Nachfolgestaaten des "Dritten Reichs" nationale Streitkräfte gründeten; nicht nur auf eigenen Wunsch, sondern gedrängt von den beiden Supermächten. In der Bundes- republik war man darauf erpicht, möglichst rasch ein 500.000-Mann-Heer aufzustellen und damit das außenpolitische Gewicht der Bonner Republik zu erhöhen. Deshalb stellte die christlich-konservative Parlamentsmehrheit 1956 erneut die Weichen für die Wehrpflicht. Die DDR folgte sechs Jahre später nach dem Mauerbau, machte diesen zeitlichen Rückstand aber durch eine höhere Erfassungsrate wett. Beide Staaten beriefen sich auf dieselbe politische Tradition: auf die preußischen Heeresreformen des frühen 19. Jahrhunderts. Die autoritäre Geschichte der Wehrpflicht und deren Instrumentalisierung für die totale Kriegführung wurden hier wie dort ausgeblendet. Stattdessen zitierte man Scharnhorst und Gneisenau und erkor sie zu Ahnherren des "Staatsbürgers in Uniform", den – in unterschiedlicher Auslegung – die Bundeswehr und die NVA für sich reklamierten.

Sowohl die Einführung der Wehrpflicht 1813/14 als auch ihre Beibehaltung und Erweiterung im Verlauf des 19. Jahrhunderts riefen unentwegt Widerspruch hervor. Er kam von vielen Seiten. So lehnte König Friedrich Wilhelm III. die Wehrpflicht anfangs als "revolutionär" ab, und auch die Offiziere blieben skeptisch: Sie befürchteten eine Aufweichung militärischer Professionalität und Effizienz durch die Einberufung sogenannter Bürgersoldaten, deren Dienstzeiten zu kurz schienen, um sie "auf Linie" zu bringen. Erst in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts erkannten und akzeptierten Offiziere die Chance, das Militär zur "Schule der Nation" zu machen und mittels Wehrpflicht militärische Normen und Wertvorstellungen in der Gesellschaft zu verbreiten.

Auch die Bürger hielten sich lange Zeit bedeckt. Zwar gab es in den Befreiungskriegen zuweilen so etwas wie eine patriotische Begeisterung, die junge Kaufmannssöhne oder angehende Staatsdiener dazu bewog, sich freiwillig zum Feldzug zu melden. An einem dauerhaften Kriegsdienst in Friedenszeiten aber zeigten sie sich nicht interessiert. Wirtschaftliche Belange und Bildungswünsche wurden angeführt, um die Ablehnung zu begründen. Auch die Zumutung, Seite an Seite mit "dummen Bauernsöhnen" auf dem Exerzierplatz stehen zu müssen, empfanden bürgerliche Schichten als unerträglich.

Das Soldatsein als Eintrittskarte für die Gesellschaft

Die ländliche Bevölkerung war in Preußen bereits vor 1814 militärpflichtig gewesen, allerdings in weit geringerem Umfang. Sie nahm die Neuerung deshalb als weniger umstürzlerisch wahr. Das heißt aber nicht, dass sie die Wehrpflicht begeistert begrüßte. Im Gegenteil entwickelte man auch hier viel Fantasie, um dem ungeliebten Militärdienst zu entgehen: durch legale Mittel der Reklamation ebenso wie durch illegale Tricks der Bestechung, Simulation oder Selbstverstümmelung.

Gerade in den Anfangsjahren der Wehrpflicht hatten die Aushebungskommissionen folglich große Probleme, die erforderlichen Sollzahlen zu erreichen. Mit der Zeit aber lernte man vor allem in bürgerlichen Kreisen der Wehrpflicht auch Positives abzugewinnen. Viele junge Männer machten von dem Privileg Gebrauch, bei freiwilliger Meldung statt drei nur ein Jahr dienen zu müssen. Als Einjährig-Freiwillige durften sie sich das Regiment selber aussuchen und konnten sich zum Landwehr- oder Reserveoffizier qualifizieren. Diese Position vermittelte besonders im Kaiserreich ein nicht unbeträchtliches gesellschaftliches Prestige und schuf Möglichkeiten der Abgrenzung nach unten, die sich im Zivilleben sinnvoll nutzen ließen.

Allerdings darf die Attraktion des Militärischen auch nicht überschätzt werden. Selbst nach 1871 drängten sich längst nicht alle jungen Männer von Besitz und Bildung nach einer militärischen Nebenkarriere. Weniger als ein Drittel der zum einjährigen Dienst Berechtigten trat tatsächlich in die Armee ein, die meisten wurden als dienstunfähig ausgemustert. Und von denjenigen, die ihr Militärjahr ableisteten, erwarb nur jeder Zweite die Qualifikation zum Reserveoffizier. Solche Zahlen wecken Skepsis an der landläufigen Vorstellung, dass dem wilhelminischen Bürger nichts so wichtig gewesen sei wie sein Rang als Reserveoffizier. Die große Mehrheit bürgerlicher Männer kam ohne diesen Rang aus.

Jüdische Männer fühlen sich in ihrer Ehre gekränkt.

Gleichwohl besaß er einen sozialen Markierungswert, und das vor allem aus Sicht jener, die ihn nicht erwerben konnten: jüdischer Männer wie Walther Rathenau oder Willy Liebermann. Ihr Jugendwunsch, wenn nicht Berufsoffizier, so doch wenigstens Reserveoffizier zu werden, scheiterte am antisemitischen Korpsgeist der preußischen Offiziere, was sie zeitlebens als grobe Zurücksetzung und Ehrenkränkung empfanden. In gleicher Weise hatten in den 1830er und 1840er Jahren jüdische Gemeinden in Preußen gegen Pläne mobilgemacht, Juden vom Militärdienst freizustellen. Aus der Position der Ausgeschlossenen erschien das Soldatsein als Eintrittskarte für die Gesellschaft und als staatsbürgerliche Ehre. Die angedrohte oder erfahrene Exklusion ließ die Inklusion als "waffenfähiger Bürger" in einem strahlenden Licht erscheinen.

Dies wiederholte sich auf dramatische Weise nach 1935. Noch bevor die Nürnberger Gesetze Juden das Reichsbürgerrecht aberkannten, schloss sie das Wehrgesetz vollständig vom aktiven Waffendienst aus. Als der jüdische Journalist Ludwig Goldstein 1936 seine Erinnerungen niederschrieb, betrachtete er seinen "kleinen pappdeckelblauen, reichsadlergeschmückten Militärpaß" mit liebevoller Ehrfurcht. Er erinnerte ihn an eine Zeit, als Juden trotz mancher Zurücksetzungen noch berechtigt waren, den "Ehrendienst" zur Verteidigung des gemeinsamen Vaterlandes zu leisten. Goldsteins Bericht über sein Militärjahr 1890/91 fiel denn auch überaus positiv aus. Gerade vor dem Hintergrund der beginnenden Entrechtung erschien ihm dieses Jahr als hohe Zeit sozialer und politischer Inklusion.

In der Rückschau neigten auch viele nichtjüdische Männer dazu, die Jahre des Militärdienstes zu überhöhen und die Erfahrung von Kameradschaft sowie ökonomischer Unbekümmertheit wertzuschätzen. Aus politischer Warte fielen die Urteile ambivalent aus. Betrachteten Militärs die Wehrpflicht zunehmend als ein Mittel, ihre eigenen Werte und Sichtweisen auf die zivile Gesellschaft zu übertragen, galt sie liberalen Zeitgenossen des 19. Jahrhunderts als ein Vehikel, das Militär zu "zivilisieren" und näher an die Gepflogenheiten einer zivilen Gesellschaft heranzurücken. In jedem Fall stimulierte die Wehrpflicht das öffentliche Interesse für das Innenleben einer Institution, die jährlich Hunderttausende junge Männer aufnahm. Nicht nur die Eltern und Verwandten dieser Männer wollten wissen, wie es ihnen dort erging; auch die Öffentlichkeit schaute genauer hin.

Dieser Aufmerksamkeit verdanken Historiker eine Fülle von Informationen über das, was in den Kasernen und auf den Exerzierplätzen passierte. Der Alltag der jungen Soldaten, ihre Eindrücke vom militärischen Drill, ihr Umgang mit Vorgesetzten und Kameraden, ihr Freizeitverhalten, ihre Beziehungen zu Frauen lassen sich damit recht gut rekonstruieren. Auch die Absichten der Instruktionsoffiziere sind uns zugänglich: Von den 1850er Jahren an erschien eine Unmenge an Handbüchern und Vorschriften, die über die normative Seite des Militärdienstes Auskunft geben.

Sehr viel komplizierter ist es hingegen, die Wirkungen des Dienstes zu beurteilen. Selbst autobiografische Texte, die sich darüber auslassen, sind mit Vorsicht zu genießen. Erinnerungen von Einjährig-Freiwilligen stellten das Militärjahr trotz aller Unbill und Langeweile oft als geglücktes Experiment dar, als eine Lektion in Disziplin, Ordnung und Selbstüberwindung, die fürs Leben hart gemacht habe. Damit reproduzierten sie die zeitgenössische Militärrhetorik. Gemeine Soldaten haben seltener schriftliche Quellen hinterlassen. Sozialdemokraten neigten dazu, ein negatives Bild ihrer Soldatenzeit zu zeichnen; an dessen Gültigkeit ist ebenso zu zweifeln wie an den geschönten Erlebnisberichten konservativer Zeitgenossen. In jedem Fall lohnt es sich, zwischen den Zeilen zu lesen: Dann entdeckt man auch bei sozialdemokratischen Autoren, wie stark die Paraden bei Kaiserjubiläen sie beeindruckt haben, oder erfährt von ehemaligen "Einjährigen", wie sehr sie ihre Befehlsrolle gegenüber den gemeinen Soldaten genossen haben.

Militärische Umgangsformen lassen sich nur bedingt zivilisieren

Auszuschließen ist zudem, dass der Militärdienst politische Konversionen eingeleitet hat: Kein sozialdemokratisch gesinnter Rekrut ist dadurch zum Konservativen geworden, kein Konservativer zum Sozialdemokraten, kein Pazifist zum Militaristen, kein Militarist zum Pazifisten.

Jenseits der biografischen Ebene, auf der Suche nach größeren Zusammenhängen, drängen sich vier abschließende Beobachtungen auf.

Erstens der Zusammenhang von Wehrpflicht und Nation. Indem die Wehrpflicht junge Männer unabhängig von ihrer Konfession sowie ihrer sozialen und regionalen Herkunft erfasste, trug sie unmittelbar zur inneren Nationsbildung bei. Zudem steuerte sie ein gemeinsames Motto, eine kollektive Sinngebung bei: Alle verteidigten das gemeinsame Vaterland gegen gemeinsame Feinde. Die nationale Zugehörigkeit bildete folglich die Basis, Rechtfertigung und Zielvorgabe der militärischen Rekrutierung. Das heißt selbstverständlich nicht, dass andere Zugehörigkeiten oder Identitäten keine Rolle gespielt hätten. Aber in der Armee wurden sie überwölbt durch die gemeinsame Erfahrung und die Ausrichtung auf eine übergeordnete Zweckbestimmung.

Ein zweiter struktureller Zusammenhang bestand zwischen Wehrpflicht und Staatsbürgerschaft. Die Verpflichtung, das Vaterland gegen äußere und innere Feinde zu verteidigen, prägte das Konzept der Staatsbürgerschaft, rechtlich ebenso wie kulturell und politisch. Rechtlich gesehen war jeder männliche Staatsbürger zur Ableistung des Militärdienstes gezwungen. Die Rolle des Staatsbürgers war folglich mit der des Vaterlandsverteidigers identisch, militärische und politische Partizipation bedingten einander. Auch kulturell galt die Militärpflicht als Vorbereitung aktiver staatsbürgerlicher Partizipation; so war im Kaiserreich das Wahlalter mit 25 Jahren so bemessen, dass der Gang an die Urne erst nach dem Ende der Kasernenzeit angetreten werden konnte. Darin schien eine Vorstellung von Staatsbürgertum auf, die stark militärisch imprägniert war. Dass es auch andere Ausdrucksformen bürgerschaftlichen Engagements geben konnte, kam erst Anfang der sechziger Jahre mit der von heftigen Kontroversen begleiteten Einführung des zivilen "Ersatz"dienstes in der Bundesrepublik zum Tragen.

Nicht zu übersehen ist, drittens, die geschlechterpolitische Bedeutung der Wehrpflicht. Wenn die Verteidigung des Vaterlandes ausschließlich Männern oblag, mussten Frauen sich, wenn überhaupt, mit Hilfs- und Zuarbeiten begnügen. Diese Arbeitsteilung verfestigte ein polares Geschlechterdenken, das Frauen zu schutzlosen und schutzbedürftigen Geschöpfen machte, während es Männer als ebenso angriffsbereite wie schutzfähige Akteure präsentierte. Zeitgenossen des 19. und frühen 20. Jahrhunderts betrachteten die Armee geradezu als eine "Schule der Männlichkeit", die sich durch Gewaltbereitschaft, Selbstdisziplin, Befehl- und Gehorsamshandlungen sowie Kameradschaft auszeichnete. Nach dem Zweiten Weltkrieg verlor dieses militärische Männlichkeitsideal an Boden, in der Bundesrepublik genauso wie in der DDR. Daran war die Emanzipation der Frauen ebenso beteiligt wie die Multiplikation der Rollenbilder insgesamt. Weder die Bundeswehr noch die NVA galten als Vorbildinstitutionen, an denen sich die zivile Gesellschaft orientieren sollte.

Festgehalten wurde jedoch, und das ist der vierte Gesichtspunkt, am Konzept des "Bürgers in Uniform" und am Ziel der Versöhnung von Militär und Zivilgesellschaft, von Gewalt und Demokratie. Dieses Versöhnungsideal hat eine lange bürgerliche, liberale und sozialdemokratische Tradition. Als die beiden deutschen Staaten in den fünfziger und frühen sechziger Jahren an den Aufbau neuer Armeen gingen, griffen sie darauf zurück. Um die Zustimmung der Bevölkerung zur Remilitarisierung zu gewinnen, verwiesen sie zum einen auf die akute Bedrohungssituation im Kalten Krieg und die Notwendigkeit einer starken Territorialverteidigung. Zum anderen erfanden sie, zumindest in der Bundesrepublik, das Konzept der Inneren Führung, das alte Vorstellungen von der "Zivilisierung" des Militärs aufnahm.

So große Fortschritte bei der Umsetzung dieses Konzepts auch gemacht wurden, so wenig lässt sich doch verkennen, dass sich militärische Umgangsformen nur bedingt "zivilisieren" lassen. Das gilt nicht nur für das Prinzip von Befehl und Gehorsam, es gilt auch und vor allem für den Umgang mit Gewalt. Gewalt, die aus den zivilen Verhältnissen der Bürger prinzipiell ausgeschlossen ist, findet im Militär ihren legitimen Ort. Im Militär bündelt sich das Gewaltmonopol des Staates, und an dieser frühneuzeitlichen Konstruktion sollte wohlweislich nicht gerüttelt werden. Die Erfahrungen mit Paramilitarismus in der Weimarer Republik, aber auch die aktuellen Entgrenzungen kriegerischer Gewalt durch selbst ernannte Warlords zeigen, wie gefährlich die Aufkündigung des staatlichen Gewaltmonopols ist.

Sowenig man also auf das staatliche Monopol verzichten kann und darf, so wichtig und sinnvoll ist es, von einer Vergesellschaftung der Gewalt abzusehen. Ebendas – Gewalt vergesellschaften – tat die allgemeine Wehrpflicht. Eine Berufsarmee hingegen löst den Konflikt zwischen einer zivilen Gesellschaft, die ihre Bürger zu gewaltloser Aktivität anhält, und dem Militär durch einen sauberen Schnitt. Auch sie ist ein notwendiger Teil unserer Gesellschaft. Aber ebenso wie andere Institutionen – Polizei, Justiz, Verwaltung – die Bürger nicht zur aktiven Mitwirkung zwingen, hat seit 2011 auch das Militär aufgehört, diesen Zwang auszuüben.