Es gab sie, die "anderen Soldaten" – doch sie waren eine verschwindend kleine Minderheit. Lediglich einige Hundert der mehr als 17 Millionen Angehörigen der Wehrmacht stellten sich der NS-Diktatur entgegen. Ihr Beispiel aber zeigt, dass abweichendes Verhalten und Widerstand möglich waren. Soldaten und Offiziere konnten sich gegen Aufrüstung, Vernichtungskrieg und Völkermord wenden. Sie konnten widersprechen; konnten versuchen, den geplanten Krieg zu verhindern – und verfolgten Juden helfen.

Offener Widerspruch

Die Mehrheit dieser Männer stand dem NS-Regime nicht von Anfang an kritisch gegenüber. Viele stimmten mit Hitlers Vorhaben überein, den Versailler Vertrag zu revidieren und Deutschland massiv aufzurüsten. Diese Forderungen waren sowohl bei den Streitkräften als auch in einem großen Teil der deutschen Bevölkerung populär.

Dieser Text stammt aus dem Magazin ZEIT Geschichte Nr. 4/2018.

Kaum ein Offizier erhob Einspruch, als Adolf Hitler seine Diktatur- und Expansionspläne im Februar 1933 der Führung der Reichswehr mitteilte. Lediglich General Kurt Freiherr von Hammerstein-Equord, seit 1930 Chef der Heeresleitung, reichte bereits im Oktober 1933 sein Rücktrittsgesuch ein. Er hielt Kontakt zu verschiedenen Widerstandsnetzwerken, bis er im April 1943 einem Krebsleiden erlag.

Der Berufsoffizier Ludwig Beck wurde im Juli 1935 Generalstabschef des Heeres. Er befürwortete die Aufrüstung, lehnte aber einen Angriffskrieg ab und wollte auch Hitler davon abbringen. Im Sommer 1938 forderte Beck vergeblich die Generalität zum geschlossenen Rücktritt auf, um den drohenden Krieg zu verhindern. In einer Notiz vom 16. Juli formulierte er: "Die Geschichte wird diese Führer mit einer Blutschuld belasten, wenn sie nicht nach ihrem fachlichen und staatspolitischen Wissen und Gewissen handeln. Ihr soldatischer Gehorsam hat dort eine Grenze, wo ihr Wissen, ihr Gewissen und ihre Verantwortung die Ausführung eines Befehls verbietet."

Beck trat im September 1938 zurück, blieb aber im Zentrum der militärischen Opposition. In Abstimmung mit Carl Friedrich Goerdeler, dem Kopf des zivilen Widerstands, forderte er gemeinsames Handeln von Zivilisten und Offizieren. Beck beteiligte sich 1944 an den Vorbereitungen des Umsturzes. Im Falle von Hitlers Tod sollte er für eine Übergangszeit Staatsoberhaupt werden. Am Abend des 20. Juli, als die Nachricht vom gescheiterten Attentat Berlin erreicht hatte, wurde Beck, durch einen Suizidversuch bereits schwer verletzt, von einem Feldwebel erschossen.

Versuche der Kriegsverhinderung

Becks Nachfolger als Chef des Generalstabs wurde Franz Halder, der später maßgeblich am Vernichtungskrieg gegen die Sowjetunion beteiligt war. Als ihm im Herbst 1938 klar wurde, dass Hitler vom Plan eines Krieges gegen die Tschechoslowakei nicht abzubringen war, beteiligte er sich an Vorbereitungen zu einem Staatsstreich für den Tag des Angriffsbefehls. Offiziere und Zivilisten planten gemeinsam, Hitler auszuschalten: Beteiligt waren hier eine Gruppe um Hans Oster im Amt Ausland/Abwehr des Oberkommandos der Wehrmacht sowie hohe Offiziere wie Erwin von Witzleben und Paul von Hase, außerdem zivile Regimegegner wie Hans von Dohnanyi und Hans Bernd Gisevius. Als Hitler aber Ende September 1938 mit dem Münchner Abkommen die führenden Politiker Europas zur Anerkennung seiner Forderungen gegenüber der Tschechoslowakei bewegt hatte, fielen die Pläne der Verschwörer in sich zusammen. Danach kam aus der hohen Generalität kein echter Widerspruch mehr gegen Hitler.

Einige Offiziere versuchten jedoch, Informationen über Hitlers Angriffspläne weiterzugeben. So informierte Hans Oster im Frühjahr 1940 Belgien und die Niederlande über den geplanten deutschen Angriff. In den folgenden Jahren war Oster am Widerstand gegen Hitler im Amt Ausland/Abwehr und intensiv an der Planung eines Staatsstreichs beteiligt. Er wurde noch am 9. April 1945 gemeinsam mit Admiral Wilhelm Canaris, Dietrich Bonhoeffer, Karl Sack und anderen im Konzentrationslager Flossenbürg ermordet.

Auch im Frühjahr und Sommer 1941 intervenierte die Generalität nicht: Sie plante und führte den Vernichtungskrieg gegen die Sowjetunion, mit allen Verbrechen gegen die Zivilbevölkerung. Nur einzelne Zentren – eher Zellen – militärischer Opposition agierten im Allgemeinen Heeresamt in Berlin, in der Heeresgruppe Mitte und im Amt Ausland/Abwehr des Oberkommandos der Wehrmacht.

Das Stigma des "Verrats"

Im ersten Halbjahr 1941 informierten Mitglieder des Widerstandsnetzwerks "Rote Kapelle" konspirativ die sowjetische Botschaft über die deutschen Angriffspläne. Die führenden Köpfe dieser Gruppe waren Arvid Harnack und Harro Schulze-Boysen, ein Großneffe des Admirals Alfred von Tirpitz. Schulze-Boysen arbeitete seit 1934 im Reichsluftfahrtministerium, zuletzt als Oberleutnant. Nach dem Überfall am 22. Juni 1941 gewann er neue Mitstreiter, versuchte mit Flugschriften eine Gegenöffentlichkeit in Berlin zu schaffen und bemühte sich um Kontakt zu Regimegegnern aus unterschiedlichen politischen Lagern. Im Februar 1942 schrieb er in einem Flugblatt: "Ein Endsieg des nationalsozialistischen Deutschland ist nicht mehr möglich. Jeder kriegverlängernde Tag bringt nur neue unsagbare Leiden und Opfer." Die Gestapo konnte einen Funkspruch von Moskau nach Brüssel dechiffrieren, in dem Name und Anschrift von Schulze-Boysen auftauchten – und verhaftete ihn im August 1942. Am 19. Dezember wurde er zum Tode verurteilt und am 22. Dezember auf Befehl Hitlers in Berlin-Plötzensee ermordet.

Hilfe für verfolgte Juden

Die Forschung geht heute davon aus, dass mehr als hundert deutsche Offiziere Juden geholfen haben, die von Deportation und Massenmord bedroht waren; der Historiker Wolfram Wette hat hierfür den Begriff des "Rettungswiderstands" geprägt. Durch Roman Polanskis Film Der Pianist wurde der hessische Offizier Wilm Hosenfeld weltbekannt. Nach Feldwebel Anton Schmid, der im Wilnaer Ghetto Hunderte Juden rettete, benannte die Bundeswehr 2016 eine Kaserne. Weniger bekannt ist hingegen Major Karl Plagge, der ebenfalls in Wilna mindestens 250 Menschen rettete. Es fällt auf, dass unter diesen Soldaten die Zahl der Reserveoffiziere offenbar höher war als die der Berufsoffiziere – vielleicht hatte sich diese Gruppe aus den Erfahrungen der zivilen Berufe eine größere Bereitschaft zu eigenständiger, spontaner Übernahme von Verantwortung bewahrt.

Widerstand einfacher Soldaten

Auch Soldaten aus unteren Diensträngen beteiligten sich am Widerstand. Der Bildhauer Kurt Schumacher wurde 1941 als Schütze zur Wehrmacht eingezogen und engagierte sich in der Roten Kapelle, verbreitete Flugschriften und nahm einen sowjetischen Fallschirmagenten bei sich auf. Schumacher wurde im Dezember 1942 zum Tode verurteilt und hingerichtet.

Auch der Schütze Friedrich Rehmer beteiligte sich mit Freunden 1941 an Aktionen der Roten Kapelle. Schwer verwundet kritisierte er noch im Lazarett die deutsche Kriegführung und erklärte, dass in Deutschland eine andere Regierung gebildet werden müsse. Er wurde im Januar 1943 zum Tode verurteilt und im Mai 1943 hingerichtet. Feldwebel Cäsar Horn, schon vor 1933 KPD-Mitglied, nahm 1943 Kontakt zur Widerstandsgruppe um Anton Saefkow auf und war für die Gewinnung von Wehrmachtangehörigen verantwortlich. Im Juli 1944 wurde er festgenommen, zum Tode verurteilt und am 19. März 1945 im Zuchthaus Brandenburg-Görden hingerichtet.

Attentat und Staatsstreich

Am Umsturzversuch vom 20. Juli 1944 waren weniger als 200 Offiziere beteiligt, darunter ebenfalls viele Reserveoffiziere. Führend unter den jüngeren war Oberst Henning von Tresckow: Er zweifelte an der rücksichtslosen Kriegführung gegen die Sowjetunion, kritisierte unfähige Befehlshaber und war gut über die Verbrechen informiert, die während der "Partisanenbekämpfung" und durch die Einsatzgruppen des Reichssicherheitshauptamtes begangen wurden. Er war der Meinung, man müsse Hitler "wie einen tollen Hund abschießen". Tresckow bereitete mehrere Anschläge auf Hitler vor, die allesamt misslangen. Mit Claus Schenk Graf von Stauffenberg plante er von 1943 an ein Attentat und einen Umsturz, der die nationalsozialistische Herrschaft beseitigen sollte. Nachdem auch dieser Versuch am 20. Juli 1944 gescheitert war, setzte er seinem Leben an der Front nahe dem polnischen Ostrowo ein Ende.

Claus Schenk Graf von Stauffenberg verübte 1944 einen Anschlag auf Hitler. In derselben Nacht wurde er dafür erschossen. © Gedenkstätte Deutscher Wiederstand/AFP/Getty Images

Stauffenberg durchschaute erst im Laufe des Krieges den verbrecherischen Charakter der nationalsozialistischen Politik; nur allmählich konnte er sich von der Faszination lösen, die Hitlers Erfolge bei ihm ausgelöst hatten. Intern kritisierte er scharf die militärische Organisation. 1942 versuchte er – letztlich erfolglos –, hohe Generale zum Widerspruch gegen Hitler zu bewegen. Bei einem Fronteinsatz in Nordafrika wurde er im April 1943 schwer verwundet. Nach seiner Genesung wurde Stauffenberg ins Allgemeine Heeresamt in Berlin berufen. Er zählte nun zum engsten Kreis der militärischen Konspiration gegen das NS-Regime. Stauffenberg gelang es, vor allem jüngere Offiziere für den Plan eines Staatsstreiches zu gewinnen.

Seit Juni 1944 hatte er Zugang zu Lagebesprechungen der NS-Führung und entschloss sich, selbst den Anschlag auf Hitler im Hauptquartier Wolfsschanze in Ostpreußen zu wagen. Doch zugleich würde er in Berlin benötigt werden, um dort die "Operation Walküre" auszulösen, die den Umsturz absichern sollte. Dies macht deutlich, wie klein die Gruppe der Verschwörer war. Am 20. Juli 1944 gelang es Stauffenberg, ein Sprengstoffpaket in die scharf bewachte Wolfsschanze einzuschleusen und zu zünden. Am Nachmittag kehrte er nach Berlin zurück und versuchte fieberhaft, den Umsturz voranzutreiben. Nach dessen Scheitern wurde Stauffenberg noch in derselben Nacht zusammen mit Albrecht Ritter Mertz von Quirnheim, Friedrich Olbricht und Werner von Haeften im Hof des Bendlerblocks erschossen.

Helden statt Verräter

Nach 1945 waren es nicht etwa die Verbrecher aus hohen und niederen Dienstgraden, die sich rechtfertigen mussten, sondern die kleine Gruppe derer, die sich zum Handeln gegen Gewalt und Unrecht entschlossen hatten. Sie wurden noch lange nach 1945 diffamiert, und ihre Familien hatten das Stigma des "Verrats" zu tragen. Derlei Dinge sind heute überwunden. Und eigentlich wäre es an der Zeit, eine Kaserne zum Beispiel nach Harro Schulze-Boysen oder nach Wilm Hosenfeld zu benennen – aber vielleicht ist die Bundeswehr ja noch nicht so weit.