Lange war Deutschland geteilt – in Königreiche und einzelne Länder oder zuletzt durch eine Mauer. Und doch gibt es etwas, was all die Menschen, die in diesem Land leben, verbindet. Im Magazin ZEIT Geschichte "Was ist deutsch?" gehen die Autorinnen und Autoren dieser Frage nach. In seinem Interview erklärt der Politikwissenschaftler Herfried Münkler, warum ein Land gemeinsame Mythen braucht, um zusammenzuhalten.

ZEIT Geschichte: Die Bundesregierung taumelt, der Autoindustrie geht der Lack ab, die Nationalelf versagt als Turniermannschaft. Hat sich Deutschland im Sommer 2018 entzaubert?

Herfried Münkler: Die Nationalmannschaft hat sich ja 1998 schon einmal ziemlich blamiert, damals, als die Franzosen im eigenen Land Weltmeister wurden. Und wenn wir die selbst gemachten Probleme der Autoindustrie, insbesondere beim Diesel, abziehen, bleibt eine ungeheuer stabile ökonomische Prosperität. Deutschland geht es gut, selbst die globale Finanzkrise 2008 war bei uns nur als kleine Delle in der Konjunktur zu spüren.

ZEIT Geschichte: Wird diese Erfolgsgeschichte auch so erzählt? Die Stimmung im Land ist eher verzagt.

Münkler: Wir sind offenbar zu satt geworden. Man gewöhnt sich natürlich auch daran, Jahr für Jahr Exportweltmeister zu werden. In der Bundesrepublik standen nie politische Mythen im Mittelpunkt der kollektiven Selbstvergewisserung, es waren immer Geschichten über die eigene Wirtschaftskraft; ein Leistungsmythos, verbunden mit Automobilen und eben der Selbstetikettierung als Exportweltmeister. Das macht natürlich verwundbar. Liegt ein Mythos in der Vergangenheit, bleibt er unwidersprochen, aber eine Erzählung, die man jedes Jahr mit Bilanzen überprüfen kann, wirft unweigerlich Fragen auf: Werden wir das noch einmal schaffen? Diese Zweifel legen sich dann wie Mehltau auf die Erfolgsgeschichte, trüben die Stimmung und lähmen die Innovationskraft.

ZEIT Geschichte: Braucht es überhaupt nationale Mythen? Sollten wir nicht ganz auf sie verzichten?

Münkler: Wir brauchen starke Erzählungen, weil wir Zuversicht benötigen, um die Herausforderungen in einer sich beschleunigenden Welt zu meistern. Zuversicht entsteht zu einem großen Teil aus sinnstiftenden Narrativen, die aus der Vergangenheit in die Zukunft weisen. So wie Bundeskanzlerin Angela Merkel es mit der Formulierung "Wir schaffen das" versucht hat.

ZEIT Geschichte: Eine Anspielung auf die Erzählung des "Wirtschaftswunders": Das Land spuckt in die Hände und überwindet die Krise aus eigener Kraft?

Münkler: Ja, das Problem war nur, dass Merkel nicht gesagt hat, wie wir das schaffen. Ich glaube, dass der Satz im Kern richtig war und diese Gesellschaft es schaffen kann. Daraus könnte am Ende sogar ein neues Narrativ entstehen. Alle 25 bis 40 Jahre brauchen Gesellschaften große Herausforderungen, deren Bewältigung dann zu einer mehrere Generationen prägenden Erzählung wird. Nach den Kriegen waren das in Deutschland der Umbruch von 1968 und später die Wiedervereinigung. Und jetzt die Migrationskrise? Sie hätte das Zeug dazu. Das Erstaunliche ist aber, dass der deutsche Umgang mit dieser Herausforderung nicht als Erfolgsgeschichte erzählt wird – immerhin ist ein Viertel der Geflüchteten von 2015/16 bereits in den Arbeitsmarkt integriert, was angesichts des Sprach- und Ausbildungsniveaus eine große Leistung ist. Doch erzählt werden die Zweifel. Die Debatte kreist um den Islam als angebliche Integrationsblockade.

ZEIT Geschichte: Deutschland wollte nie Einwanderungsland sein. Rächt sich diese Selbstverleugnung jetzt?

Dieser Text stammt aus dem Magazin ZEIT Geschichte Nr. 5/2018

Münkler: Die Erfolgsgeschichte der Einwanderung fehlt jedenfalls in unserer kollektiven Erinnerung. Wir haben uns darüber hinweggelogen, dass Deutschland spätestens seit der Industrialisierung ein Einwanderungsland geworden ist. Und wir haben uns auch nicht erlaubt, danach zu fragen, ob wir möglicherweise besser waren bei der Integration der Zugewanderten als England oder Frankreich.

ZEIT Geschichte: Nationen wie die USA verfügen über Erfolgserzählungen und Gründungsmythen, die Zuversicht spenden. Bessere Krisenbewältiger sind sie deshalb nicht.

Münkler: Bei den USA erstaunt mich das. Trotzdem ist es hilfreich, wenn man solche Narrative hat und ihnen auch die notwendige Aufmerksamkeit schenkt. Bei uns findet zurzeit ein Kampf um die Besetzung von zentralen Orten und Mythen statt, wie man im Mai 2018 an der eigentümlichen Wanderung von Rechtskonservativen zum Hambacher Schloss sehen konnte: Ein Symbolort der liberalen Demokratie wurde usurpiert. Möglicherweise hat sich in Deutschland eine gewisse Nachlässigkeit im Umgang mit solchen Orten eingeschlichen.

ZEIT Geschichte: Brauchen wir neue Mythen, um den Nationalisten und Populisten nicht das Feld zu überlassen?

Münkler: Wir erleben eine Re-Emotionalisierung von Politik, der man sich nicht entziehen kann, will man die Deutungshoheit über wichtige Themen nicht verlieren. Ich glaube, dass wir gerade in Zeiten der Globalisierung ein starkes kollektives Selbstbewusstsein brauchen. Der Politikwissenschaftler Karl Deutsch hat einmal gesagt, ein Auto könne umso schneller fahren, je bessere Bremsen es habe. So gesehen können wir uns umso mehr Globalisierung leisten, je gewisser wir unserer Identität und der haltenden Kraft des Nationalstaates sind. Für viele ist die Globalisierung mit Ängsten und Bedrohungsgefühlen verbunden, auch mit der Frage, wo man denn noch zu Hause sei. Das muss man ausgleichen. Die Bremsen besser machen.

ZEIT Geschichte: Auch auf die Gefahr hin, dass man etwas Falsches verspricht? Ein populärer Mythos unserer Zeit besagt, es gebe für globale Probleme nationale Lösungen.

Münkler: Da kommen wir zu einem zentralen Problem, zu der Frage, ob der Mythos eine notorische Unwahrheit ist beziehungsweise ein Sinnstifter, der keineswegs immer durch harte Zahlen gedeckt wird. Ich würde sagen, er ist beides: ein Narrativ jenseits der Faktizität und zugleich eine Erzählung, die auf Einsprüche reagiert und entsprechend um- und forterzählt wird. Das eine ist nicht ohne das andere zu haben. Jedenfalls brauchen wir haltende Narrative, um die Folgen der Globalisierung auszubalancieren und die Verlierer dieser Entwicklung nicht nur sozialpolitisch aufzufangen.

ZEIT Geschichte: Nationalmythen sind sozialpolitisch doch eher unterambitioniert: Die Geschichten spielen meist auf dem Schlachtfeld, erzählen von Blut, Tod und Opfer. Können wir nicht froh sein, solche Heldenepen überwunden zu haben?

Münkler: Das sind wir ja auch durchaus. Die Nationalhymnen vieler Länder erzählen von Tod und Blut und Kampf, während sich die dritte Strophe des Liedes von Hoffmann von Fallersleben da in Zurückhaltung übt. Wir erinnern Kriegsgeschichte heute als eine Geschichte von Niederlagen und menschlichem Leid. Mit der Folge, dass wir uns voll auf wirtschaftlichen Wohlstand konzentriert haben. Nur muss man sich darüber im Klaren sein, dass Wohlstand in hohem Maße individuell verteilt wird, nicht jeder bekommt davon etwas ab. Kollektivgeschichten hingegen schließen alle ein, die sich einer Nation zurechnen. Sie integrieren narrativ auch diejenigen, die nicht unmittelbar vom ökonomischen Erfolg profitieren.