Ein Mann und eine Frau treten sich gegenüber. Der Mann hat Macht, die Frau ein Anliegen. Eine MeToo-Begegnung anno 1807 in prominenter Besetzung: Die Frau ist Luise, Ehefrau des preußischen Königs Friedrich Wilhelm III., der Mann Napoleon, französischer Kaiser. Die Schlacht von Jena und Auerstedt im Jahr zuvor ist für Preußen desaströs verloren gegangen, Russland hat einen Separatfrieden mit Frankreich geschlossen, Berlin ist besetzt, die königliche Familie bei Eis und Schnee nach Memel geflohen. Luise, die ihrem Mann zum Feldzug gegen Napoleon geraten hatte, betritt nun eine für Frauen eigentlich verschlossene Bühne: die politische Öffentlichkeit.

Die Begegnung mit Napoleon wird zum Schlüsselmoment im Mythos um Luise, dem Moment, in dem ihre Ehre und damit die des Vaterlandes so massiv verletzt wird, dass die Rache furchtbar sein muss: "Noch eine letzte, schmähliche Demüthigung stand der misshandelten Frau bevor", schreibt 70 Jahre später der Historiker Heinrich von Treitschke. Feige Ratgeber hätten Luise den Vorschlag gemacht, den Sieger selbst um Milde zu bitten. "Auch dies Aeußerste nahm sie auf sich in der frauenhaften Hoffnung, es könne ihr vielleicht doch gelingen, das Herz des Eroberers zu rühren und ihrem Volke einige Erleichterung zu bringen. Die Hoffnung trog."

Fest steht, dass Napoleon Luise in Tilsit empfangen hat, möglicherweise hat er dieses Treffen unter vier Augen auch vorgeschlagen. König Friedrich Wilhelm III., der schon am Verhandlungsort weilt, berichtet Luise brieflich vom Vorschlag, und die antwortet, den Konventionen ihrer Zeit entsprechend. Sie werde sich mit Napoleon treffen, "wenn Du dann willst".

Ein günstigerer Frieden für Preußen kommt bei der Unterredung am 6. Juli 1807 nicht heraus. Stattdessen befeuert Napoleons Stab Gerüchte über eine Affäre Luises mit dem russischen Zaren Alexander. Die Demütigung Preußens hätte größer nicht sein können.

Luise, geboren 1776 als Herzogin zu Mecklenburg, ist am Hof der Großeltern in Darmstadt aufgewachsen, den künftigen preußischen König lernt sie als 16-Jährige kennen. Später heißt es, es sei Liebe auf den ersten Blick gewesen, tatsächlich scheint Friedrich Wilhelm auch Luises Schwester Friederike ganz attraktiv gefunden zu haben. Den Antrag aber macht er der Älteren der beiden. Friederike wird mit dem Bruder des Kronprinzen verlobt.

Dieser Text stammt aus dem Magazin ZEIT Geschichte Nr. 5/2018

Zwischen Friedrich Wilhelm und seiner Ehefrau entsteht echte Zuneigung (die sich auch darin ausdrückt, dass die beiden sich schon nach ein paar Tagen duzen), und das ist für den Hof in Preußen derart ungewöhnlich, dass es als Zeichen einer neuen Zeit gedeutet wird. Und nicht nur das: Luise mischt das nüchterne Berlin auf. Sie bringt aus Darmstadt süddeutsches Temperament mit; setzt durch, dass zu ihrer Hochzeit der bei Hofe verpönte Walzer getanzt wird, umarmt als Braut ein Bürgermädchen am Wegesrand und treibt die Oberhofmeisterin Sophie Marie von Voß, die ihr beibringen soll, wie man sich als preußische Prinzessin zu verhalten hat, zuverlässig an den Rand der Verzweiflung. Streng, aber gütig verkörpert die Oberhofmeisterin das alte Preußen, wie der Essayist Günter de Bruyn festgestellt hat, und wird so zum notwendigen Teil der Legende.

Für die Dichter, Maler und Bildhauer ist es ein Fest. Johann Gottfried Schadow schafft von 1795 an das berühmte Doppelstandbild der Schwestern Luise und Friederike in fließenden Kleidern. Auch ein Gemälde aus dieser Zeit zeigt die beiden als jugendliche Grazien, die dem Hof neues Leben einhauchen. Luise nimmt ihre neue Rolle an, durchschaut bald die Inszenierungen königlicher Macht und weiß, dass sie zum Gesicht dieser Monarchie werden kann: Auf seiner Antrittsreise zu den preußischen Ständen begleitet Luise den König, "um ohne Zwang die Liebe der Untertanen durch [...] zuvorkommendes Wesen [...] zu gewinnen und zu verdienen, und so, glaube ich, werde ich mit Nutzen reisen".

Die "Preußische Madonna"

Die Strategie hat Erfolg. "Sie wär’ in Hütten Königin der Herzen / Sie ist der Anmut Göttin auf dem Thron" dichtet August Wilhelm Schlegel 1798, im Jahr nach der Thronbesteigung; Novalis veröffentlicht seine Fragmentensammlung Glauben und Liebe oder Der König und die Königin. Luise ist die "Rose des Bergs", die "Herrlichste". Doch es geht Novalis um mehr als darum, Luises Schönheit zu feiern, er entwirft ein romantisches Ideal; König und Königin kann das nur recht sein.

Das Paar inszeniert seine Ehe und sein Familienleben (sieben der zehn Kinder überleben die ersten Jahre) dem Zeitgeist entsprechend als Liebeswerk. Novalis sieht das Königspaar und somit den Staat auf einem eigenen Weg in die Moderne – denn mit ihm kämen in Preußen ganz ohne Revolution bürgerliche Werte an die Macht: "Verwandelt sich nicht ein Hof in eine Familie, ein Thron in ein Heiligthum, eine königliche Vermählung in einen ewigen Herzensbund?" Die Königin ist die Hüterin der Familie, die wiederum Keimzelle des Staates ist. Ihre Rolle bewegt sich streng im Rahmen der bürgerlichen Geschlechterordnung: "Die Königin hat zwar keinen politischen, aber einen häuslichen Wirkungskreis im Großen", ihr obliege die Erziehung ihres Geschlechts und die Aufsicht über die Sitten im Hause. Jede gebildete Frau solle ihr Bild "in ihrem oder ihrer Töchter Wohnzimmer haben".

So geschieht es. Gemalt werden Friedrich Wilhelm und Luise im Kreis ihrer Kinder im Garten oder auf dem Sofa. Das ist bürgerlich-romantisches Programm und soll belegen, dass dieses Paar auch in den schweren Zeiten der französischen Besatzung zusammenhält. Dass Luise Reformen nachdrücklich unterstützt und entschlossen gegen Napoleon vorgehen will, ist bekannt und trägt zu ihrer Beliebtheit bei den Intellektuellen bei. Doch ihr politisches Handeln muss streng auf die private Sphäre begrenzt bleiben. Als die preußischen Reformer ihr eine Denkschrift vorlegen, damit sie diese dem König zukommen lasse, rät sie dringend zur Überarbeitung. Die zweite Fassung unterbreitet der Minister Hardenberg dem König lieber selbst.

Am 19. Juli 1810 stirbt Luise mit nur 34 Jahren an einer Lungenkrankheit. Sie ist bereits eine Ikone: als bürgerliche Frau und Mutter und als preußische Patriotin, die sich dem Vaterland geopfert habe, als sie dem Treffen mit Napoleon zustimmte. Aus diesen Erzählfäden wird der Mythos weitergewoben. Das beginnt direkt nach ihrem Tod. Friedrich Wilhelm lässt ihre sterblichen Überreste durch das Brandenburger Tor und schließlich in das Mausoleum im Park des Charlottenburger Schlosses überführen. Der von Christian Daniel Rauch geschaffene Marmorsarkophag zeigt die schlafende Königin und wird vom König öffentlichkeitswirksam besucht, als Napoleon von Elba zurückkehrt und Preußen wieder in Gefahr scheint.

"Luise sei der Schutzgeist deutscher Sache / Luise sei das Losungswort zur Rache!" dichtet Theodor Körner schon 1813. Der König stiftet im selben Jahr das Eiserne Kreuz als Tapferkeits-Auszeichnung und datiert diesen Akt auf den 10. März zurück, den Geburtstag seiner Frau. Wer immer nun für Preußen kämpft, tut dies im Namen Luises. "Luise, du bist gerächt", soll der Feldherr Blücher geflüstert haben, als er 1814 in Paris einzieht.

Rund sechzig Jahre später wird Luises Sohn Wilhelm zum ersten deutschen Kaiser gekrönt und die Mutter in Wort und Bild zur "Preußischen Madonna" erhoben, wie eine Statue heißt. Auch die Historiker, die im preußisch-deutschen Nationalstaat die Erfüllung der deutschen Geschichte sehen, schreiben mit an ihrer frauengerechten Mission: "Sie hat nicht mitregiert", erklärt 1876 Theodor Mommsen: "Nicht ihre Thaten haben ihr Gedächtniß in das Herz des Volkes gestiftet, sondern ihr Wesen und ihr Sein, [...] ihr Lieben und ihr Leiden".

Heute würde man mindestens hinzufügen, dass Luise erfolgreich mitbestimmt hat über das Bild, das die Nachwelt sich von ihr machte. Oder in den Worten ihres Gegenspielers Napoleon ausgedrückt: Trotz seiner Mühen sei Luise beim Treffen in Tilsit stets die "Herrin der Unterhaltung" gewesen.