Der Achtstundentag gehört zu den Forderungen vieler revolutionärer Arbeiterräte. Einige setzen ihn Anfang November 1918 eigenmächtig durch, bevor ihn der Rat der Volksbeauftragten am 12. November allgemein bestätigt. Ein wesentliches Ziel der Arbeiterbewegung ist damit schon in den ersten Tagen der Revolution erfüllt. Und die Unternehmer? Für sie geht es um mehr, um die Existenz. Den Großindustriellen droht die Sozialisierung ihres Eigentums. Im sogenannten Stinnes-Legien-Abkommen vom 15. November wird dieses Schreckgespenst gebannt.

Treibende Kraft hinter dem Abkommen sind die Unternehmer. Mit bewährtem Gespür für die neue machtpolitische Realität ergreifen sie die Initiative. Vor allem aus strategischen Gründen: Die kriegsmüden und hungernden Arbeiter fordern nicht nur auskömmliche Lebensbedingungen sowie ein Ende der Ausbeutung und der Unternehmerdiktatur in den Betrieben. Sie treten auch für die Verstaatlichung der Schlüsselindustrien ein.

Für die Großindustriellen wird der Verlust von Eigentum und Macht am Ende des Krieges, den nicht zuletzt die Ruhrbarone forciert haben, zu einer realen Bedrohung. Selbst bürgerliche Kreise scheinen überzeugt, dass die Sozialisierung ganzer Wirtschaftszweige auf der politischen Tagesordnung steht.

Dieser Text stammt aus dem Magazin ZEIT Geschichte Nr. 6/2018. Das aktuelle Heft können Sie am Kiosk oder hier erwerben.

Um vor allem die radikalen Arbeiter- und Soldatenräte auszuschalten, gehen die Unternehmer auf die Gewerkschaften zu. Sie können an Gespräche anknüpfen, die man schon vor Monaten insgeheim geführt hat. Die Verhandlungen kreisten damals um die Frage, wie man nach dem Ende des Krieges Millionen Heimkehrer von der Front wieder in die Betriebe würde integrieren können. Die Arbeitgeber wollten von der Kriegswirtschaft geordnet zur Marktwirtschaft zurückkehren und möglichst die sozialpolitischen Zugeständnisse einkassieren, zu denen sie das "Gesetz über den vaterländischen Hilfsdienst" im Dezember 1916 genötigt hatte. Damals waren alle werktätigen Männer verpflichtet worden, in einem kriegswichtigen Betrieb zu arbeiten. Die Gewerkschaften hatten zugestimmt, weil im Gegenzug in jedem Unternehmen mit mehr als 50 Mitarbeitern Arbeiterausschüsse gebildet wurden.

Im Oktober 1918, nach dem Offenbarungseid der Obersten Heeresleitung, nehmen die Arbeitgeber den Gesprächsfaden wieder auf und kommen unter dem Druck der Revolution schnell zu einem Ergebnis: Am 15. November unterzeichnen 21 Arbeitgeberverbände unter Führung des Ruhrindustriellen Hugo Stinnes ein Abkommen mit sieben Gewerkschaften, vertreten durch den Funktionär Carl Legien. Eine lange Zeit unmögliche Allianz entsteht – und soll durch die sogenannte Zentralarbeitsgemeinschaft, ein dauerhaftes gemeinsames Gremium, verstetigt werden.

Den Gewerkschaften verschafft das Abkommen Lufthoheit über die Räte, die in der Revolution zur wichtigsten politischen Vertretung der Arbeiterschaft geworden sind. Die Gewerkschaften verteidigen so ihren Anspruch, deren alleinige anerkannte Interessenvertretung zu sein. Außerdem schreibt das Abkommen das uneingeschränkte Koalitionsrecht fest: Alle Arbeiter dürfen sich frei in gewerkschaftlichen Vereinigungen zusammenschließen. Als gleichgestellte Sozialpartner handeln die Gewerkschaften zudem die Lohn- und Arbeitsverhältnisse durch gesetzlich bindende Tarifverträge aus.

Aus den während des Krieges gebildeten Arbeiterausschüssen werden nun Betriebsräte. Schlichtungsausschüsse, paritätisch von Arbeitgebern und Arbeitnehmern besetzt, entscheiden strittige Lohn- und Arbeitsfragen. Auch sie sind schon während des Krieges entstanden; die Gewerkschaften haben dafür auf Streiks verzichtet. Ebenso bleiben die Ämter zur Arbeitsvermittlung bestehen, bekommen aber eine neue Aufgabe: Sie sollen die Massenarbeitslosigkeit eindämmen, die im Zuge der Demobilmachung entsteht. Das Abkommen garantiert den Soldaten die Rückkehr in die vor dem Krieg ausgeübte Beschäftigung. Und es schreibt den zuvor von der Revolutionsregierung proklamierten Achtstundentag bei vollem Lohnausgleich fest.